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Morning BriefingMercedes ist typisch für den Kleinmut der deutschen Wirtschaft

Christian Rickens 12.01.2026 - 05:57 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Handbetrieb: Mercedes schränkt autonomes Fahren ein / Charttechnik: Dax könnte 2026 weiter steigen

Gerade eben
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wenn es um die Innovations- und Wachstumsschwäche in Deutschland geht, ist man sich in den Kreisen der gehobenen privatwirtschaftlichen Funktionsträgerschaft schnell einig: Schuld hat der Staat. Die vielen Regeln, die hohen Steuern, die teure Energie. Macht ja alles keinen Spaß mehr hier.

Mag sein. Aber manchmal kann man auch am fehlenden Mut deutscher Konzerne verzweifeln. Aktuelles Beispiel: Mercedes. Der Erfinder des Automobils mit dem Anspruch auf immerwährende Technologieführerschaft besitzt zumindest in einem Teilbereich ebenjene: eine Straßenzulassung für ein Assistenzsystem auf Level-drei-Niveau. Das bedeutet: Die Person hinter dem Lenkrad kann ihre Aufmerksamkeit von der Straße abwenden und zum Beispiel lesen oder Filme schauen.

Bislang gibt es das System nur in der S-Klasse und ihrem Elektro-Pendant EQS und es funktioniert nur in bestimmten Situationen (maximal 95 Stundenkilometer, vorausfahrendes Fahrzeug). Aber immerhin.

Nun hat Handelsblatt-Reporter Michael Scheppe aus Konzernkreisen erfahren: In der überarbeiteten S-Klasse, die Mercedes Ende Januar vorstellen will, wird das Fahren auf Level drei nicht mehr angeboten. Mercedes-Softwarechef Magnus Östberg sagte dem Handelsblatt: „Die Nachfrage ist noch nicht da, wo wir sie gerne hätten.“

Stattdessen will sich der Dax-Konzern zunächst auf billigere automatisierte Fahrassistenten konzentrieren, bei denen der Fahrer jederzeit aufmerksam bleiben muss – mit der Option, diese später wieder auf Level drei anzuheben. Mal sehen, ob die restliche Autowelt wartet, bis Mercedes so weit ist.

Das Mercedes-Modell CLA in San Francisco: Neuer Assistent für den urbanen Raum. Foto: Mercedes Benz

Man muss wahrscheinlich viele Jahre Konzernlogik inhaliert haben, um zu verstehen, warum es besser sein soll, eine bahnbrechende Technologie erst einmal einzustellen, um sie später vielleicht wieder einzuführen. Die Alternative bestünde aus meiner Sicht darin, das Level-drei-System zügig auf andere Modellreihen auszuweiten, an der zulässigen Höchstgeschwindigkeit zu arbeiten, durch höhere Stückzahlen die Kosten zu senken und so die Nachfrage zu erhöhen. Dass dies nicht geschieht, erscheint mir leider symptomatisch für den Kleinmut in Teilen der deutschen Unternehmenslandschaft.

Finden Sie mich zu streng? Dann sollten Sie zur Beruhigung den Kommentar meines Kollegen Scheppe lesen, der befindet in Sachen Mercedes nämlich:

Der Konzern trifft die betriebswirtschaftlich richtige Entscheidung.

Auch das mag sein. Allerdings hätte ein geübter Betriebswirt wahrscheinlich selbst die Umstellung vom Jäger- und Sammlertum auf Ackerbau und Viehzucht kaputtrechnen können: „Zu hohe Anfangsinvestitionen“, „Nischenprodukt, nimmt der Markt nicht an“, „Warum Pflanzen säen, wenn sie da draußen von selbst wachsen?“

Handelssaal der Deutschen Börse, Kursprognosen: Charttechniker erkennen weiteres Potenzial für den Dax, aber auch Risiken. Foto: Imago [M]

Charttechniker sehen weiteren Dax-Anstieg

Kommen wir zu etwas Erfreulicherem, nämlich der aktuellen Börsenentwicklung. In diesem Jahr erzielte der Dax bereits fünf Rekorde – zuletzt am Freitag bei 25.281 Punkten. Fünf vom Handelsblatt befragte Charttechnik-Analysten, die in den vergangenen Jahren mit ihren Prognosen erstaunlich gut lagen, sehen für 2026 weiteres Aufwärtspotenzial. Ihre Kursziele reichen von 26.400 bis 28.800 Punkten.

Das wäre ein Anstieg von knapp fünf bis gut 14 Prozent. Allerdings könne es auch zu Rückschlägen bis auf 20.500 Punkten kommen.

Anders als die fundamentalen Analysten, die ihre Prognosen aus realwirtschaftlichen Entwicklungen, Unternehmensgewinnen und Konjunkturprognosen ableiten, orientieren sich technische Analysten an Chartbildern, wiederkehrenden Mustern und saisonalen Entwicklungen.

Damit sind Charttechniken so etwas wie die Globuli der Finanzwelt: Entweder man glaubt dran, oder man lässt es bleiben. Und wie die homöopathischen Kügelchen hilft die Charttechnik bisweilen sogar, wenn man nicht daran glaubt.

Angeblich Hunderte Tote im Iran

Die Massenproteste gegen das Regime im Iran halten trotz wachsender Todeszahlen an. Laut Aktivisten haben sich die Demonstrationen auf 185 Städte ausgeweitet. Mindestens 490 Demonstranten seien getötet worden, berichtete der US-Fernsehsender CNN unter Berufung auf das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA. Weitere rund 10.700 Menschen seien festgenommen worden.

Der „Axios“-Korrespondent Barak Ravid hatte zuvor auf X gemeldet, dass laut einem israelischen Regierungsbeamten mehr als 1000 Menschen im Iran getötet worden sein sollen. Diese Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Die iranischen Sicherheitsbehörden haben die Kommunikation durch Internetsperren und blockierte Telefonleitungen stark eingeschränkt. Eine stabile Verbindung zur Außenwelt ist praktisch nur über illegal ins Land gebrachte Terminals des Starlink-Satellitensystems möglich.

US-Präsident Donald Trump hat den Teilnehmern der Proteste Unterstützung zugesichert. Auf „Truth Social“ schrieb er:

Der Iran strebt nach FREIHEIT, vielleicht wie nie zuvor. Die USA sind bereit zu helfen!!!

Wie die Hilfe aussehen soll, ist unklar. Die „New York Times“ meldete unter Berufung auf US-Beamte, Trump sei in den vergangenen Tagen auch über neue Optionen für Militärschläge im Iran informiert worden.

Donald Trump: Der US-Präsident äußert sich vor Reportern in der Air Force One zu der Situation im Iran. Foto: AP

Proteste nach tödlichen Schüssen in Minnesota

Nach Protesten gegen die tödlichen Schüsse eines Einwanderungsbeamten auf eine Frau schickt die US-Regierung Hunderte weitere Sicherheitskräfte nach Minnesota. Sie sollten die bereits in dem Bundesstaat stationierten Beamten der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) schützen, sagte Heimatschutzministerin Kristi Noem dem Sender Fox News.

Am Samstag hatten Zehntausende Menschen in Minneapolis gegen die Tötung einer 37-Jährigen protestiert. Während Noem und andere Bundesvertreter erklärten, der Beamte habe aus Notwehr gehandelt, nannten Verantwortliche des Bundesstaates die Schüsse ungerechtfertigt.

Nicht nur in Minneapolis demonstrierten Menschen. Foto: Bloomberg

Söder schaut gerne Arztserien

Markus Söder (CSU) hat nach einer Hüftoperation eingeräumt, dass er für das Ärzteteam wahrscheinlich ein anstrengender Patient gewesen sei. Bayerns Ministerpräsident sagte der „Augsburger Allgemeinen“:

Mir geht es da wohl wie vielen Menschen. Ich habe Dr. House und andere Arztserien gesehen und stelle auf Basis dieses Halbwissens immer wieder Nachfragen.

Aber er höre auch auf den Rat der Fachleute, betont Söder und schließt mit der Erkenntnis:

Eine medizinische Therapie ist so ähnlich wie Reformen in der Politik: Die Therapie tut weh und mittendrin zweifelt man auch mal. Aber wer es durchzieht, wird erfolgreich sein.

Mir scheint es da noch eine weitere Parallele zu geben: Wie in der Medizin wird auch in der Politik zu häufig unter hohen Kosten an akuten Symptomen herumoperiert, anstatt Probleme nachhaltig mit einem vernünftigen Lebensstil in den Griff zu bekommen.

Ich wünsche Ihnen einen moderaten Montag.

Herzliche Grüße,

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Christian Rickens

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