Heiner Flassbeck im Interview
„Deutschland drückt die anderen an die Wand“

Wenn von Euro-Krise die Rede ist, geht es meist um Südeuropa. Doch für Heiner Flassbeck steht fest: Das wahre Problem ist Deutschland. Die Deutschen müssen ihr Wirtschaftsmodell radikal ändern, fordert der Top-Ökonom.
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Herr Flassbeck, wie sieht der Euro in fünf Jahren aus? Gibt es ihn überhaupt noch?
Wenn ich ehrlich sein soll: Nein, nicht in der jetzigen Form.

Warum?

Weil die Währungsunion gegen eine Wand fährt. Sie steckt seit sieben Quartalen in der Rezession. Damit sich daran etwas ändert, müsste es schon eine fundamentale Wende in der europäischen Wirtschaftspolitik geben, ausgehend von Deutschland. Danach sieht es nicht aus.

Wo liegt das Problem?
Das Grundproblem ist das Auseinanderlaufen der Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Euro-Zone. Solange die Lücke zwischen Deutschland und dem Süden, aber auch Frankreich so groß ist, gibt es keine Chance, diese Währungsunion zu retten.

Der deutsche Weg heißt: Sparen. Was ist falsch daran?
Das ist eine deutsche Illusion. Die von Deutschland verordnete Sparpolitik verschärft die Rezession. Wenn alle versuchen zu sparen, bricht die Wirtschaft zusammen. Irgendjemand muss sich verschulden, sonst kann es auch kein Sparen und kein Wachstum geben.

Dennoch ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland viel geringer als in anderen europäischen Ländern. Das spricht doch für das deutsche Modell.
Ich sage nicht, dass Deutschland nicht profitiert hat. Allerdings ging das Wachstum auf Kosten der anderen europäischen Länder. Deutschland hat die anderen an die Wand gedrückt.

Deutschland soll also schuld sein an der Euro-Krise. Ist das nicht etwas verkürzt?
Nicht allein, aber zu einem erheblichen Teil. Deutschland hat ein völlig absurdes Wirtschaftsmodell. Die Haushalte sparen, der Staat spart, die Unternehmen sparen - alle sparen. Nur: Wenn auf der einen Seite gespart wird, muss sich jemand auf der anderen Seite verschulden. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die anderen europäischen Länder bei uns verschuldet. Doch dieses Modell ist jetzt gescheitert.

Was kann Deutschland dafür, dass andere über ihre Verhältnisse leben?
Die einzig bedeutsame Regel einer Währungsunion lautet, dass jeder seine Löhne an die Produktivität plus Inflationsziel anzupassen hat. Deutschland hat das nicht getan. Die Löhne sind auf politischen Druck hin viel zu wenig gestiegen.

Kommentare zu " Heiner Flassbeck im Interview: „Deutschland drückt die anderen an die Wand“"

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  • ich kann mich in ökonomische Argumente nur schwer reindenken, habe aber Paul Krugman´s "Der Mythos vom globalen Wirtschaftskrieg" (1999) gelesen und war entsetzt, wie gering (bei diversen Industrienationen)der Exportanteil am Gesamtbruttoinlandsprodukt ist. Und dennoch wird alles in der Wirtschaftspolitik an der Exporttüchtigkeit ausgerichtet, besonders in Deutschland...als gäbe es keine Binnenwirtschaft. Grotesk.

  • Weil Lohnkürzungen unmittelbar (schon bei ihrer Ankündigung) zu Ausgabensenkungen führen, die vermutete Preissenkung aber erst in einigen Perioden später. Dies hat selbst Herr Sinn erkannt und in einem seiner letzten Vorträge erwähnt. Siehe YT...

  • @Weberfon
    Sie haben schon recht - allerdings gibt es da eine kleine, unbeugsame Partei im DBT, die einzige Oppositionspartei, die wirklich etwas anderes will. Diese Partei hat die Euroeinführung stets abgelehnt und hat gegen die Bankenrettungspakete gestimmt. Die einzige Partei, die die Kosten des ganzen Schlamassels von denen bezahlen lassen will, die die Krise verursacht bzw. an ihr verdient haben. "Du weißt schon wer" ist die die derzeit einzige, ernst zu nehmende Alternative. Die AfD ist das m.E. jedenfalls definitiv nicht!
    LG Traumschau

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