Jemen im Krieg: Machtkampf in Arabiens Armenhaus
Düsseldorf. Im Jemen herrscht Krieg. Es sind längst mehr als Scharmützel zwischen den Regierungsgruppen und den Huthi-Rebellen. Der offene Konflikt seit 2013 verschärft die angespannte Lage im Nahen Osten mit Syrienkrieg, dem zerfallenden Irak und dem blutigen Machtkampf in Libyen weiter. Saudi-Arabien und seine Verbündeten haben am Freitag – dem zweiten Tag ihrer Offensive – Stellungen der Huthi-Rebellen in der Hauptstadt Sanaa aus der Luft angegriffen.
In der Meeresstraße Bab al Mandab, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet, wurden saudi-arabische und ägyptische Kriegsschiffe stationiert. Darüber hinaus seien am Freitag Angriffe auf die Rebellenhochburg Saada im Norden des Landes geflogen worden, teilte das Militär mit. Ins Visier seien auch Armeelager von Truppen genommen worden, die dem Ex-Präsidenten Ali Abdullah Salih nahe stehen und aufseiten der Huthi-Rebellen kämpfen.
Das Land droht damit endgültig ins Chaos abzugleiten, staatliche Ordnung gibt es nicht mehr. Es ist der dritte jemenitische Bürgerkrieg innerhalb von 25 Jahren. In der Auseinandersetzung mischen auch Regionalmächte mit ihren ganz eigenen Interessen kräftig mit. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Krieg im Jemen.
Wer kämpft gegen wen?
Der dominierende Konflikt: die vor 2011 unterdrückten Huthi-Rebellen gegen die Regierung. Die zaidistisch-schiitische Bewegung kontrolliert seit Monaten weite Teile des Nordjemen und die Hauptstadt Sanaa. Die Zaiditen – der Zaidismus ist eine Strömung innerhalb des schiitischen Islams – stellen etwa ein Drittel der Bevölkerung. Im Februar flüchtete Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi nach Aden und erklärte die Stadt im Süden des Landes zur vorübergehenden Hauptstadt. Die Huthis starteten einen groß angelegten Vormarsch nach Aden. Saudi-Arabien fürchtet besonders, dass sie die Kontrolle über die nahe gelegene Meerenge Bab al-Mandab erlangen könnten. Die rund 30 Kilometer breite Meeresstraße verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und dem Indischen Ozean – und ist von strategischer Bedeutung für den Welthandel. Vor den anrückenden Rebellen soll Hadi inzwischen auf dem Seeweg außer Landes geflohen sein. Kurz darauf eroberten die Aufständischen den Flughafen Adens. Saudi-Arabien und neun verbündete Länder greifen seit der Nacht zu Donnerstag aus der Luft Stellungen der Huthi-Rebellen an und so in den inneren Machtkampf im Jemen ein.
Karte zur Lage im Jemen.
Foto: HandelsblattWas wollen die Huthi-Rebellen?
Der Konflikt schwelt schon lange, entsprechend komplex ist die Gemengelage bei den beteiligten Akteuren. Während des Arabischen Frühlings hatten die Jemeniten ihren Diktator Ali Abdullah Salih 2012 aus dem Amt gejagt. Doch dem folgenden und nun geflohenen Präsidenten Hadi gelang es bis heute nicht, das zutiefst gespaltene Land zu einen.
Die Huthis aus dem Norden des Landes, erstmalig 1994 als Kämpfer während des Bürgerkriegs formiert, fühlten sich im politischen Entscheidungsprozess marginalisiert. Sie wuchsen zu einer ernstzunehmenden militärischen Gruppe – und bilden eine Zweckgemeinschaft mit dem gestürzten Ex-Machthaber Salih, der die Huthis einst selbst bekämpfen ließ. Einige der bestausgebildeten Einheiten des Militärs und im Sicherheitsapparat sind ihm nach wie vor treu ergeben. Sie helfen den Huthis beim schnellem Vormarsch.
Welche Rolle spielen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und al-Qaida im Jemen?
Für den IS ist nicht klar, ob er im Jemen operiert, es ist aber wahrscheinlich. Vergangene Woche starben bei einer Anschlagsserie fast 150 Menschen. Erstmalig wurden – so erscheint es nach einer entsprechenden Videobotschaft – Anhänger der Terrormiliz im Jemen aktiv. Der Staat war bislang das bevorzugte Rückzugsgebiet von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) – dem mächtigsten Ableger des weltweit agierenden Terrornetzwerks. Die Terrororganisation unterhält im von Bergen und Wüsten geprägten Land im Südwesten der Arabischen Halbinsel Ausbildungslager.
Beide Terrorgruppen sorgen unabhängig voneinander für eine weitere Destabilisierung des Staates und eine Polarisierung der Konfliktparteien. Trotz einer sehr ähnlichen Ideologie ist der IS mit al-Qaida verfeindet. Die Huthi-Rebellen haben sich zuletzt in den Küstenregionen mit den von Osten kommenden al-Qaida-Kämpfern heftige Gefechte geliefert.
Welche Interessen verfolgen der Iran und Saudi-Arabien?
Beide Regionalmächte versuchen, den Einfluss des jeweiligen anderen in der Region zurückzudrängen. Nach außen versucht sich der Iran allerdings neutral zu zeigen. Doch es gilt als wahrscheinlich, dass er die schiitischen Huthi-Rebellen unterstützt. Beide Seiten streiten aber eine Einflussnahme ab.
Die Saudis wiederrum haben lange eine weitere Gruppe unterstützt – die Islah-Partei mit einem hohen Anteil der (sunnitischen) Muslimbruderschaft –, sich dann aber zurückgezogen. Saudi-Arabien gewährte Salih nach dessen Rücktritt Unterschlupf. Jetzt fliegen Saudi-Arabien und neun Bündnisländer Angriffe gegen die schiitischen Rebellen. Der reiche sunnitische Golfstaat hat großes Interesse daran, dass der bitterarme Jemen unter sunnitischer Kontrolle bleibt.
Wie verhalten sich die USA?
Die USA haben sich offen positioniert – für die Regierung von Hadi und dementsprechend gegen jene, die seine Regierung abgesetzt haben: Sie gewähren deshalb den Saudis logistische und geheimdienstliche Unterstützung im Kampf gegen die Huthi-Rebellen. Dem alten Machthaber Saleh werfen die USA vor, das Chaos geschürt zu haben, um dadurch wieder zurück an die Macht zu gelangen.
Die Uno verhängte Sanktionen gegen ihn. Einmischung von außen hat in Jemen wie in vielen Ländern der Region bereits Tradition: So unterstützten die wahabitischen Saudis – Wahabismus ist eine Strömung des sunnitischen Islams – die Regierung des Jemen in den 90er-Jahren im Kampf gegen die Abspaltung des Südens (früher Volksdemokratische Republik Jemen).
Könnte sich das Land wie vor 1990 wieder in zwei Teile spalten?
Das ist möglich. Allerdings verläuft die Konfliktlinie längst nicht nur mehr Nord gegen Süd. In der von der Hadi-Regierung ausgearbeiteten Verfassung war die Idee einer föderalen Aufteilung enthalten. Dadurch sollten Konflikte gelöst werden, die mit der Sezessionsbewegung im Süden des Landes (Hirak) und eben mit den Huthis im Norden bestanden. Beide Gruppen fühlten sich von den Regierungen marginalisiert. Die Huthis lehnen die ausgearbeitete Sechs-Regionen-Lösung ab und auch die geografische Region, die ihnen zugedacht war.
Mit einer bipolaren Spaltung des Landes wäre es vermutlich nicht getan, da zu viele Akteure mitmischen – neben den beiden Bewegungen noch der alte Machthaber, das Militär und die ehemals von Saudi-Arabien unterstützte Islah-Parbei. Zudem erscheint der Vormarsch der Huthis darauf hinzudeuten, dass sie sich mit dem Norden des Landes allein nicht mehr begnügen werden.
Droht ein langer Krieg wie in Syrien?
Das ist möglich. Denn keine der beiden Seiten ist in der Lage, militärisch oder politisch schnell die Überhand zu gewinnen – ähnlich wie in Syrien. Der Krieg dort droht die Lage im Jemen noch zu verschlimmern – über brüchige Grenzen gen Saudi-Arabien und die Einflussnahme der Regionalmächte, die mit den Luftangriffen weiter Öl ins Feuer gießen. 30 Zivilisten sind bislang ums Leben bekommen. Die Zivilbevölkerung droht weiter zu verarmen: Die Wirtschaft schrumpft seit Jahren, nach Uno-Schätzungen lebt jeder Zweite in Armut. Der Jemen hat kaum Bodenschätze wie der reiche Öl-Nachbar Saudi-Arabien. Er gilt als das Armenhaus Arabiens.
Am Wochenende werden sich arabische Regierungschefs in Ägypten zu einem im Vorfeld geplanten Gipfeltreffen zusammenfinden, um auch über den Jemen zu sprechen. Eine politische Lösung dort wird nicht erwartet. Denn zwar demonstriert Saudi-Arabien nun militärische Potenz, eine Stabilisierung des taktisch bedeutenden Lande dürfte aber so nicht zu erreichen sein – selbst wenn der geflohene Präsident Hadi wieder eingesetzt wird. Für Stabilität und dauerhaften Frieden müsste alle Konfliktparteien an einen Tisch – anstatt aufs Schlachtfeld.