Raubbau an einem wichtigen Rohstoff: Sand wird zur Schmuggelware
Sand ist heutzutage Bestandteil zahlreicher Alltagsprodukte, häufiger noch als Erdöl.
Foto: Arte Sendeanstalt/CopyrightDüsseldorf. Strand, Urlaub, Entspannung, und Sonne – das verbinden die meisten Menschen mit Sand. Das ist oft schon alles, was uns im Alltag an dem sonst unscheinbaren Material interessiert. Doch ist Sand tatsächlich so unscheinbar? Wo finden wir in unserem Umfeld noch Sand, außer am Strand? Welche Rolle spielt er in unserem Alltag? Und ist er unendlich verfügbar?
Diesen Fragen ist der französische Filmemacher Denis Delestrac nachgegangen. Er zeigt in einer Dokumentation, die im deutsch-französischen Kulturkanal Arte lief, welch wichtige Rolle Sand in unserem Alltag und für unsere Lebensweise spielt. So begehrt und knapp wird der Sand, dass er zur Schmuggelware avanciert. Delestrac zeigt, welche schwerwiegenden Folgen der zum Teil in Mafia-Manier betriebene Raubbau der Ressource für die Küsten hat. Der Titel der auf Deutsch mit „Sand – die neue Umweltzeitbombe“ angerissenen Reportage kommt im französischen Original übrigens wesentlich nüchterner daher: Frei übersetzt lautet er „Sand – Untersuchung eines Verschwindens“.
Schon im Vorspann gibt der Film geschickt einen düsteren Ausblick: Delestrac zeigt historische Amateur-Urlaubsfilme mit badenden Menschen am Strand, aufgenommen in den 1960er oder 1970er Jahren. Über die Bilder lesen Sprecher Meldungen von Stränden, die das Meer wegspülte. Die Botschaft: Die Strände, unsere Urlaubsparadiese, könnten schon bald von der Erosion hinweggerafft sein und nur noch als schöne Erinnerung übrig bleiben.
Der Grund für die dramatische Entwicklung ist die Bedeutung von Sand als Rohstoff. „Ich bezeichne Sand gern als den unbekannten Helden unserer Zeit“, sagt Michael Welland, Geologe, Autor eines Buches über Sand und Blogger, in der Dokumentation. „Denn er ist in unserem Alltag allgegenwärtig, ohne dass wir uns dessen immer bewusst wären.“
Sand ist in alle Ecken unseres Alltags eingedrungen. Geschmolzen und zu Glas verarbeitet steht er in jedem Supermarkt. Siliziumdioxid, aus dem ein Großteil der Sandvorkommen besteht, findet sich etwa in Wein, in Wasch- und Reinigungsmitteln, Zahnpasta oder Kosmetika.
Sand enthält zudem Minerale und Metalle wie Silizium, Thorium, Titan oder Uran. Vom Sand stammen wichtige Rohstoffe, die unter anderem in Mikrochips verwendet werden. „Ohne hochwertigen Sand könnten überhaupt keine Chips hergestellt werden“, sagt Kiran Pereira, Umweltexpertin vom King’s College in London. Aus Sand gewonnene Minerale sind die Speerspitze unserer Informationsgesellschaft. Ohne diese würden Computer, Geldautomaten oder Handys nicht funktionieren.
Und noch an anderen Stellen haben die Filmemacher Produkte gefunden, für deren Herstellung Sand essenziell ist. Wer von einem Ort zum anderen reist, denkt nicht daran, wie viel Sand in unseren Verkehrsmitteln steckt. So verbirgt er sich etwa in Flugzeugen unter anderem im Kunststoff, im Leichtmetallrumpf, in den Triebwerken, den Farben bis hin zu den Reifen. „Sand ist wie Luft zum Atmen: Wir denken nicht an sie, könnten ohne sie aber nicht leben“, sagt Pereira.
Doch unsere Abhängigkeit geht noch weiter. „Den größten Sandbedarf hat natürlich der Bausektor“, sagt Geologe Welland. Seit rund 150 Jahren wird Sand mit Zement zu Beton vermischt und zusammen mit Stahl verbaut. Dieser Stahlbeton prägt unsere gesamte Infrastruktur und das Gesicht unserer Städte. Cyrille Simonnet, Direktor des Architektur-Instituts der Universität Genf, fasst es so zusammen: „Was den Bausektor revolutionierte, war die Erfindung des Stahlbetons.“
Ein Schwimmbagger-Schiff spritzt ein Sand-Wasser-Gemisch an die Küste. So wird Land gewonnen.
Foto: PREhrgeiziges Projekt: Die Palm Jumeirah in Dubai verschlang insgesamt zwölf Milliarden Dollar und 150 Millionen Tonnen Sand.
Foto: ReutersSeine technischen Eigenschaften und relativ niedrigen Produktionskosten sind der Schlüssel zum Erfolg dieses allgegenwärtigen grauen Werkstoffs. Beton ist das weltweit meist genutzte Material. „Zwei Drittel aller Bauwerke auf unserem Planeten bestehen aus Stahlbeton. Der besteht wiederum aus zwei Dritteln Sand“, sagt Simonnet. „Sie können sich also vorstellen, wie viel Sand in unserem Alltag und in unserer Umwelt steckt.“
Die Mengen sind schwindelerregend. Um ein Haus mittlerer Größe zu bauen, sind 200 Tonnen Sand nötig, rechnen die Filmemacher vor. Für ein größeres Gebäude wie ein Krankenhaus sind 3000 Tonnen nötig und jeder Kilometer Autobahn frisst mindestens 30.000 Tonnen Sand. Der Bau eines Atomkraftwerks verbraucht mindestens zwölf Millionen Tonnen.
„Der weltweite Sandverbrauch beträgt mehr als 15 Milliarden Tonnen pro Jahr. Diese Menge ist so gewaltig, dass sie jede Vorstellungskraft übersteigt“, sagt Umweltexpertin Pereira. „Wie viel sind 15 Milliarden Tonnen pro Jahr? Wir wissen es nicht, weil keine andere Ressource in so riesigen Menge verbraucht wird, ausgenommen vielleicht Wasser.“
Die Nachfrage nach Sand ist enorm. Den Sandhändlern geht es prächtig. Die Industrie ist von der internationalen Wirtschaftskrise kaum betroffen. Branchenvertreter prognostizieren vielmehr einen stetigen Anstieg des Bedarfs. Auf einer Messe der Sandindustrie sagt ein Branchenvertreter den Filmern: „Nach Luft und Wasser ist Sand das meistverbrauchte Wirtschaftsgut der Welt.“
Der hohen Nachfrage steht jedoch ein begrenztes Angebot gegenüber. Das trübt den Optimismus der Branche. Sand ist nicht mehr so einfach zu finden, wie man denkt. Früher konnte man Sand einfach nur abbauen, um damit Straßen, Brücken und Häuser zu errichten. „Doch das ist vorbei. Wir haben diese Vorkommen alle verbraucht“, sagt ein Branchenvertreter.
Alle leicht und kostengünstig zugänglichen Vorkommen sind ausgeschöpft. Eric Chaumillon, Geologe der Universität La Rochelle, erklärt, wie das kam. „Die Flüsse wurden ausgebaggert. Da hat sich aber gezeigt, dass das zu verstärkten Hochwassern führt.“ Den Abbau in Sandgruben habe man eingestellt, weil sie die Landschaft verunstalteten. „Dann wandte man sich dem Meeresgrund zu, schließlich wird da die Landschaft nicht verschandelt und man dachte, dass Sand in großen Mengen verfügbar ist“, sagt Chaumillon. „Doch nun merkt man, dass auch dies Probleme schaffen kann.“
Der Großteil des Sandes für unseren Bedarf stammt vom Meeresgrund. Weite Teile der Meeresböden sind felsig oder mit feinem Sand bedeckt, der sich über Hunderttausende von Jahren dort abgelagert hat. Diesen rückt die Industrie mit einer ganzen Flotte zu Leibe. Wichtigstes Werkzeug dabei ist der Schwimmbagger.
Die hochmodernen, schwimmenden Sandfabriken sind mit riesigen Saugarmen ausgestattet. Die Rohre werden auf den Meeresgrund gelassen und pumpen riesige Mengen Sand hoch. Der braune Wasser-Sand-Mix spritzt aus Röhren in die Tanks der Schiffe. Ein Schwimmbagger kann zwischen 4 und 400.000 Kubikmeter Sand am Tag gewinnen - je nach Dimension der Maschinen und dem Standort.
„Jeder Schwimmbagger erfordert Investitionen in Höhe von 20 bis 150 Millionen Euro. Die Eintrittskarte in das Baggergeschäft ist also sehr teuer, denn man benötigt eine ganze Flotte“, sagt Bernard Malhebre, Entwicklungsleiter der Jan de Nul-Gruppe, ein belgisch-luxemburgisches Seebaggerunternehmen.
Satellitenbild von Dubai: Neben der Palme entsteht „The World“. Doch die Inseln sind verwaist.
Foto: apIndonesiens Fischer sehen sich in ihrer Existenz bedroht.
Foto: dpaDas sind zwar gewaltige Investitionen. Doch dafür ist der Sand selbst kostenlos. Und so wird die Armada der Schwimmbagger immer größer. Mehrere Tausend Schiffe durchkämmen die Meere, um die immer gierigere Kundschaft beliefern zu können.
Dubai ist ein eklatantes Beispiel für diese Gier. Vom Fischerdorf wandelte sich die Siedlung auf der arabischen Halbinsel zum Mekka der modernen Architektur. Sie ist ein Sandkasten für größenwahnsinnige Baulöwen. Erlaubt ist alles, was einzigartig und monumental ist. Doch der Bau-Boom in Dubai schluckt sehr viel Sand.
„Wir verbrauchen sehr viel Sand für Bauprojekte, aber auch für die Landgewinnung. Dubai und seine künstlichen Inseln sind da ein sehr gutes Beispiel“, erläutert Geologe Welland. Der Sandverbrauch durch Aufschüttungen breche alle Rekorde.
Im Wirtschaftsboom startete das Emirat das ehrgeizige Landgewinnungsprojekt „The Palm“. Die Scheichs begannen das Projekt im Jahr 2001, als die Grundstückspreise nach oben schnellten. Es besteht aus einer Inselgruppe vor der Küste der Stadt, die von oben betrachtet wie eine Palme aussieht. Damals war es billiger, eine ganze Insel im Meer aufzuschütten, als ein Grundstück auf dem Festland zu erwerben. „Diese erstaunliche Tatsache war das Ergebnis von Grundstückspekulationen“, erläutert Malhebre.
Skyline von Singapur: Bau-Boom auf Kosten der Nachbarn.
Foto: ReutersDieses selbsternannte, achte Weltwunder hat 12 Milliarden Dollar gekostet und fast 150 Millionen Tonnen Sand verschlungen, der vor der Küste von Dubai aus dem Meer gewonnen wurde. Noch während „The Palm“ in Bau war, starteten die Scheichs ein weiteres, noch ehrgeizigeres Projekt: „The World“. Das Archipel aus 300 Inseln formt die Welt mit ihren Kontinenten - und hat bislang 14 Milliarden Dollar und dreimal mehr Sand verschlungen als „The Palm“.
Filmemacher Delestrec spielt einen Werbefilm für „The World“ mit launiger Musik ein. Dann blendet er über zu neueren Luftaufnahmen und dramatischeren Klängen. Heute ist „The World“ nur noch eine Fata Morgana. Die Finanzkrise hat die Ausbaupläne durchkreuzt. Auch der Bau zweier weiterer „Palmen“ stockt. Die Großteils verwaisten Inseln warten auf Milliardäre, die sich ihrer annehmen. So soll das Image Dubais wieder aufpoliert werden.
Für das Staatsunternehmen des Emirats, Nakheel, ist das nicht nur eine finanzielle Krise, sondern eine existenzielle. Die Sandreserven vor der Küste sind durch das Projekt aufgebraucht. Das bauwütige Emirat steckt in der Klemme. Doch warum? Man würde denken, dass der Wüstenstaat eigentlich Sand exportieren könnte. Warum bedient sich das Emirat nicht einfach in der Wüste?
„Sie wollten die erste Insel der Palme mit Wüstensand bauen. Doch das mussten sie sehr schnell aufgeben. Es war eine einzige Katastrophe“, erläutert Malhebre. Sand-Experte Welland erklärt die Hintergründe. „Wüstensand ist für den Bau künstlicher Inseln nicht geeignet.“ Wüstensand werde durch den Wind umhergewirbelt. Die Körner seien dadurch sehr rund und glatt. „Werden sie zum Bau einer Insel verwandt, halten Sie nicht zusammen. „Dafür braucht man Körner mit einer rauen, kantigeren Oberfläche, die ganz natürlich aneinander haften bleiben“, so Welland. Diese Beschaffenheit weist nur der Sand aus dem Meer auf.
Dünen in Marokko: Wüstensand ist für die Bauwirtschaft ungeeignet.
Foto: AFP
Ein Bulldozer verteilt an einem Strand in Florida Sand: Reiche Städte schütten ihre Ufer auf.
Foto: AFPDer Reichtum an Wüstensand ist für jegliche Bauvorhaben also völlig nutzlos. Meeressand haftet zwar zusammen, ist aber nicht unerschöpflich, wie die bittere Erfahrung aus Dubai zeigt. „Sand ist keine nachhaltige Ressource“, zieht Welland als Schluss.
Die Vorkommen Dubais sind erschöpft. Doch das Emirat hat eine Reserve Tausende Kilometer entfernt gefunden, die es ihm erlauben, die Bauwut fortzusetzen. Die Ironie: Das von Wüste umgebene Land importierte Sand aus Australien, um das nächste ehrgeizige Bauprojekt Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt, zu errichten. „Auf Englisch gibt es das Sprichwort: Er kann Arabern Sand verkaufen. Das ist witzig gemeint. Doch in Dubai ist es Realität geworden“, sagt George Boden, Kampagnenleiter der Organisation Global Witness.
Die Sandkrise in Dubai ist bei weitem kein Einzelfall, sondern veranschaulicht einen weltweiten Trend. Ob als Baustoff oder wegen seiner Mineralien: Sand ist weltweit gefragt. Das weltweite Handelsvolumen beziffert sich auf 70 Milliarden Dollar pro Jahr. 3500 australische Unternehmen exportieren Sand auf die arabische Halbinsel. Die Gewinne haben sich verdreifacht. Australien verdient mit seinem Sand jährlich fünf Milliarden Dollar. Es ist ein gewaltiges Geschäft, immer mehr steigen ein.
Doch die Nebenwirkungen des Abbaus sind in einigen Exportländern bereits spürbar. „Bei der Sandgewinnung werden natürlich auch alle Tiere und Pflanzen, die am Meeresboden leben, angesaugt“, sagt Chou Loke Ming, Professor für Meeresbiologie von der Universität Singapur. „Dadurch werden all diese Lebewesen getötet.“ Außerdem sind sie Teil der Nahrungskette in der Wassersäule über ihnen. Viele Fische tauchen zum Meeresboden und leben von ihnen.“ Sand ist also ein wichtiges Element des marinen Ökosystems, von dem das Überleben vieler Arten abhängt.
Dafür gehen die Dokumentarfilmer auf Spurensuche vor Ort in Indonesien. Wie viele Archipele besteht Indonesien aus zahlreichen Inseln, die buchstäblich auf Sand gebaut sind. Der intensive Abbau dieser Ressource setzt eine Kettenreaktion in Gang, deren Auswirkungen nicht nur auf dem Meeresboden zu sehen sind.
Der exzessive Sandabbau bringt Tausende Familien in Bedrängnis. Denn 92 Prozent des indonesischen Fischbedarfs wird durch traditionelle Fischerei gedeckt. „Wir verlieren durch den Sandabbau unsere Korallenriffe, unsere Fische, die Fischer ihre Lebensgrundlage, ihre Familien haben kein Einkommen mehr. Wir verlieren alles“, klagt Riza Damanik, Direktor der lokalen Nicht-Regierungsorganisation People’s Coalition for Fisheries Justice.
Doch die Auswirkungen können noch viel weitreichender sein: Sie treffen nicht nur die Meeresflora und -fauna, sondern greifen sogar die Küstenlinien selbst an. „Eine Insel aus Sand entsteht aus dem natürlichen Zusammenwirken von Wind, Wellen und Wasserströmungen“, schildert Geologe Welland. „Wenn Sie den Sand entfernen, stören sie dieses natürliche Gleichgewicht und die Wellen und Strömungen beginnen, den restlichen Sand in Bewegung zu setzen.“
Durch den Sandabbau entsteht eine Delle am Meeresgrund. Diese Delle wird durch Strömungen, Wellen und Gravitation wieder aufgespült. Dabei wird Sand von den Küsten weggeschwemmt. Der Sandabbau verursacht an den nahegelegenen Küsten und Inseln weithin sichtbare Auswirkungen und hat katastrophale Folgen für Strände und Inseln. „Eine Insel kann ganz einfach verschwinden“, so Welland.
Miami im US-Bundesstaat Florida: Zu nah am Meer gebaut.
Foto: dpa
Urlaubsparadies Malediven: vom Untergang bedroht.
Foto: AFPEinige Inseln Indonesiens haben sich bereits buchstäblich in Luft aufgelöst. 25 Inseln sind von der Weltkarte gestrichen. „Wenn wir diesen Sand verlieren, verlieren wir unser Leben“, folgert Damanik. Die Folgen sind vielfältig. „Wenn eine Insel verschwindet, ändern sich die maritimen Grenzen. Dabei geht es also nicht nur um ökologische oder geschäftliche Probleme, sondern auch geopolitische Fragen“, erläutert Welland.
Der Grund dafür, dass Indonesien schrumpft: Es hat gewaltige Mengen Sand an den Nachbarn Singapur geliefert. Die asiatische Schweiz hat sich zu einem der reichsten Länder der Region entwickelt. Singapurs Bevölkerung hat sich innerhalb von 30 Jahren verdoppelt. Die Stadt platzt aus allen Nähten. Wie viele asiatische Metropolen muss sie wachsen, um dem Kollaps zu entgehen.
„Singapurs Existenz hängt vom Sandimport ab. Seine Fläche hat sich in den vergangenen 40 Jahren um 20 Prozent vergrößert. Das wurde vor allem durch Aufschüttungen im Meer erreicht“, erläutert Aktivist George Boden. Singapur will seine Fläche bis 2030 um weitere 100 Quadratkilometer vergrößern. Nachdem die eigenen Sandreserven aufgebraucht waren, bediente sich der Stadtstaat bei den Nachbarn. Doch der Appetit ist so groß, dass Indonesien, Kambodscha, Vietnam und Malaysia nach und nach beschlossen haben, den Sandhandel mit Singapur zu verbieten.
Die Bauwut lässt sich aber kaum zügeln. Singapur wird nun beschuldigt, illegal Sand zu importieren. Riesige Frachtkäne, die tief im Wasser liegen, schmuggeln Sand auf die Insel. Die Filmemacher zeigen, wie ein indonesischer Kahn-Kapitän mit Kippe im Mund Sand aus Kambodscha anschleppt – für Singapurer Briefkastenfirmen. Die Händler schleusen unter der Deckung von Scheintöchtern dem Verbot zum Trotz den begehrte Baustoff nach Singapur.
Das alles geschieht unter den Augen des Staates, dem treuesten Kunden der Bauwirtschaft. „Der Sandimport nach Singapur ist eine einzige Heuchelei und wir alle sind davon betroffen“, schimpft Boden. „Der Staat hat sich zum größten Umweltschützer ernannt.“ Während er Umweltkonferenzen abhalte, schmuggelten Händler weiter Sand und zerstörten die Umwelt und die Existenz zahlreicher Menschen.
Wie Öl, Gas oder Gold, Kupfer und Eisenerz ist auch Sand Gegenstand eines harten Wettkampfes geworden, der betroffene Menschen schädigt und Konflikte zwischen den Staaten schürt, so die Folgerung der Filmemacher. Je stärker die Nachfrage, desto fataler sei der Teufelskreis.
Einmal mehr gehen die Reporter auf Spurensuche, diesmal in Mumbai, Indien. Wie China liegt Indien wirtschaftlich auf Erfolgskurs. In der Hoffnung auf ein besseres Leben drängt die Landbevölkerung in die Metropolen. Je stärker die Stadtbevölkerung steigt, desto schneller wird gebaut. Der Sandverbrauch ist schwindelerregend. Die Aussicht auf hohe Gewinne weckt aber auch kriminelle Energie.
So gilt die Sandmafia als die mächtigste kriminelle Vereinigung Indiens. Sie arbeitet mit Erpressung und Gewalt, schreckt auch nicht davor zurück, Kritiker zu beseitigen. „Die Sandmafia beherrscht einen Großteil des Bausektors in Mumbai. Außerdem kontrolliert sie dank ihrer Kontakte auch die Stadtverwaltung“, berichtet Sumaira Abdulali, Präsidentin der Awaaz Stiftung, einer international aktiven Bürgerbewegung. Damit profitiere die Mafia von jedem Glied der Produktionskette. Gedeckt von korrupten Polizisten und Beamten baue die kriminelle Vereinigung an rund 8.000 illegalen Stellen entlang der Küste des Subkontinents Sand ab.
„Sandschmuggel ist ein sehr einträgliches Geschäft“, erklärt Welland. „So unglaublich das klingen mag: Die Nachfrage ist so groß, dass illegaler Sandhandel und Abbau ein weltweites Problem darstellen.“ Täglich verschwinden Tausende Tonnen Sand von den Stränden der Karibik, Asiens und Afrikas.
Die Aufschüttung der Strände mildert nur kurzfristig die Symptome.
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Ein weiteres Beispiel ist Tanger in Marokko. Das milde Klima und konkurrenzlos günstige Hotels haben die Küste Marokkos zum beliebten Urlaubsziel aufsteigen lassen. Auch an Interessenten für einen Zweitwohnsitz in der Wärme mit Meerblick herrscht kein Mangel. Die Bauwirtschaft reibt sich die Hände.
Doch manche Strände sehen gar nicht mehr so idyllisch aus. Schlecht bezahlte Arbeiter schaufeln Sand in Körbe, die sie dann auf Esel schnallen. Die ausgemergelten Lasttiere schleppen die Fracht dann enge Küstenpfade hinauf. Oben, auf der felsigen Ebene, wird die Beute dann auf Lastwagen verladen und an skrupellose Bauunternehmen verkauft. Die Aufgabe der Arbeiter: alles abbauen, bis zum letzten Sandkorn. Aber der Abbau ist illegal.
„Bis heute wurden 40 bis 45 Prozent des Sandes gestohlen. Das ist eine riesige Menge und ein echtes ökologisches Fiasko, denn der Sand stammt vor allem von den Stränden“, sagt Othmane Mernissi, Präsident der marokkanischen Vereinigung der Granulathersteller. „Dieser Diebstahl dauert nun schon seit vielen Jahren an.“
Hinzu kommt: Ungewaschener Sand von den Stränden ist von schlechter Qualität. Wird der Sand nicht vor dem Betonguss gründlich mit Süßwasser gespült, ist der von Salzwasser getränkte Sand stark korrosiv. „Mit natriumhaltigem Sand sind unsere Gebäude gefährdet und können über kurz oder lang einstürzen“, sagt Mernissi. „Diese Plünderer haben unsere Strände zerstört“, fügt er hinzu. Der wilde Sandabbau hat Strände in Mondlandschaften verwandelt. Die tragische Ironie: Der Raubbau zerstört die Strände Marokkos, wegen derer die Urlauber anreisen.
Wilder Sandabbau, ob in Flüssen, an Stränden oder auf hoher See, wird unweigerlich zum Verschwinden der Strände führen, so die Dokumentation. Die Strände verschwinden auch schon in Gegenden, in denen die Sandmafia überhaupt nicht aktiv ist. „Weltweit befinden sich 75 bis 90 Prozent der Strände auf dem Rückzug“, berichtet Gary Griggs von der Universität Santa Cruz in Kalifornien. „Und die Lage wird sich weiter verschlechtern.“
Ein Beispiel für den Strandschwund findet Regisseur Delestrac an der Küste des US-Bundesstaats North Carolina. Holzhäuser im typisch amerikanischen Stil ziehen sich dort in einer Reihe direkt auf dem Strand entlang, sie ruhen erhöht auf Stelzen. Doch hier ist nur noch die zweite Hausreihe zu sehen, die erste ist bereits verschwunden – vom Atlantik verschluckt.
In fünf Jahren dürfte auch diese zweite Reihe abgerissen werden. Das Meer spült den Sand um die Fundamente weg, in denen die Holzstelzen stecken. Früher war der Strand so breit wie ein Fußballfeld, berichten die Anwohner. Doch in den vergangenen Jahren ist er viel schmaler geworden. Die Erosion schreitet schneller voran, als erwartet wurde.
Der Sandabbau ist zwar nur ein Faktor, der die Erosion vorantreibt, räumen die Filmemacher ein. Die Natur selbst betreibt ebenfalls die Erosion der Küsten. Doch der Mensch verstärkt die Wirkung um ein Vielfaches. Die Bauwut sorgt nicht nur für einen Raubbau an der Ressource Sand, sondern verschärft selbst das Verschwinden der Strände. Denn die immer dichter bebauten Ufer rauben den Stränden den Platz, den sie brauchen.
Hintergrund: Die Strände passen sich in einem natürlichen Zyklus dem Wechsel der Jahreszeiten an. Im Sommer sind sie steiler, im Winter verflachen sie sich und dehnen sich ins Hinterland aus, um der Kraft der Wellen besser standhalten zu können. Doch dieses Spiel stört die Bauwut der Anwohner. „Wo der Mensch eingreift und Ufermauern aus Beton sowie Straßen, Parkplätze oder Hotels baut, können sich die Strände nicht mehr zurückziehen“, sagt Meeresexperte Griggs. „Langfristig führt das dazu, dass die Strände verschwinden.“
Das Problem wird sich eher noch verschärfen. Früher mieden die Menschen die Küsten, heute aber suchen sie ein besseres Lebensgefühl am Meer. Bis 2025 werden dreiviertel aller Bewohner der Erde an den Küsten der Ozeane leben, wo die großen Metropolen liegen. Das belastet die schmalen Uferstreifen schon heute.
„Rückblickend hätten wir nie so nahe am Wasser bauen dürfen“, räumt etwa Matti Herrera Bower ein, die Bürgermeisterin von Miami Beach. „Ich hoffe, dass wir daraus lernen werden. Aber jetzt müssen wir damit leben und Wege finden, den Strand zu verbreitern, damit die Touristen weiter nach Miami Beach kommen.“ Floridas Wirtschaft lebt von den Sandstreifen. Die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts des Bundesstaats hängt direkt von den Stränden ab. Doch neun von zehn Stränden sind dort auf dem Rückzug. Damit sind alle Menschen, die davon leben, in ihrer Existenz bedroht.
Städte wie Miami Beach, die es sich leisten können, investieren hohe Summen in Aufschüttungskuren für ihre Küsten. Ein Schwimmbagger pumpt Sand vom nahegelegenen Meeresboden an Land, wo die Strände aufgespült werden. Doch Kritiker sehen darin allenfalls eine Behandlung der Symptome. „Das schafft nur ein weiteres Loch“, sagt Dick Holmberg, Experte für Küstenerosion. „Diese großen Maschinen sind regelrechte Killer. Alles was im Meer lebt, wird angesaugt, zerquetscht und an den Strand gepumpt, wo andere Organismen lebendig begraben und erstickt werden.“
Aufschüttungen sind nur ein Heilmittel auf Zeit. Nach durchschnittlich ein bis zwei Jahren hat das Meer die Küsten wieder abgetragen und man muss von vorne beginnen. „Oh Wunder, die Aufschüttungen haben unser Problem nicht gelöst“, sagt Holmberg. Wellenbrecher oder Sperrmauern, die den Sand an der Küste halten sollen, erachten einige Experten für zwecklos, ja eher schädlich. Sie störten den natürlichen Verlauf nur noch mehr. „Jedes unserer Bauwerke hat Folgen, langfristig sind wir auf der Verliererseite. Denn jeder Versuch, das Meer zu beherrschen, ist zum Scheitern verurteilt“, sagt Griggs.
Doch die Eingriffe des Menschen sind sogar noch schwerwiegender - und haben bereits vor langer Zeit begonnen. Sand entsteht im Gebirge durch Erosion eines Granit- oder Sandsteinfelsens, der durch Regen, Schnee oder Eis verwittert. Die Sandkörner wandern dann über Bäche und Flüsse bis an die Küsten. Hunderte bis Tausende von Jahren dauert es, bis ein Sandkorn das Meer erreicht.
Seit den letzten Jahrzehnten steckt die Reise voller neuer Hindernisse. Allein in den USA blockieren 80.000 Staudämme den Weg zum Meer. Auch in China nimmt die Zahl der Wehre rapide zu. Angesichts des wachsenden Energiehungers des Landes forciert die Regierung den Ausbau von Staudämmen und Wasserkraftwerken. Bis 2020 wird kein Wasserlauf mehr das Meer ungehemmt erreichen.
Neben Dämmen stört auch der Sandabbau in den Flüssen die Reise der Körner. 50 Prozent des Sandes erreicht niemals das Meer, so die Filmemacher. Sand verschwindet also einerseits von den Stränden, es kommt aber auch weniger aus den Flüssen nach. „Die Sandbilanz ist negativ“, fasst Chaumillon von der Universität La Rochelle zusammen.
Die Folgen des Sandschwundes werden von dem steigenden Meeresspiegel noch verschärft. Das zeigt sich etwa an den Malediven im Indischen Ozean. Dort bedrohen der steigende Meeresspiegel sowie Raubbau und Erosion der weißen Strände die palmengesäumten, paradiesischen Inseln. Sandfischer schöpfen die Körner aus den Lagunen und verkaufen sie an Baufirmen.
Mit rostigen Wellblechen und Plastiktonnen versuchen Bewohner kleiner Eilande, den Boden unter ihren Häusern gegen die heranschwappenden Wellen zu schützen. Die anfälligsten Inseln sind bereits verlassen. Die Bewohner drängen sich auf den größeren und besser geschützten Nachbarinseln. Dort werden immer neue Gebäude errichtet, um die geflüchteten Menschen unterzubringen. Der Gipfel der Absurdität ist: Der Sand für den Bauboom auf den Inseln stammt aus den Lagunen. Dabei sollte der Sand eigentlich die Bewohner der Inseln schützen.
Regisseur Delestrac holt dann zur Generalkritik aus. Die überhitzten Immobilienmärkte in Indien, China sowie Spanien oder Dubai seien Spekulationsblasen. Die gebauten Wohnungen stünden Großteils leer. Menschenmassen strömten in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Metropolen Indiens und Chinas. Derweil hielten Spekulanten die gebauten Häuser zurück, um die Preise zu treiben. In China seien ganz neu errichtete Stadtviertel leer und verlassen. Die heranströmenden Wanderarbeiter vom Land hausten hingegen in den wachsenden Slums der Großstädte.
Der nutzlose Bauboom binde also unnötig Sand in Beton. Der verbaute Sand ist dem Kreislauf dauerhaft entzogen. Absolut größter Sandverbraucher sei aber der Staat: Gebäude, Straßen, Flughäfen oder andere Infrastruktur gehen auf das Konto der öffentlichen Hand. Ein bewusster Umgang mit der kostbaren Ressource Sand sei dabei nicht erkennbar.
Oben auf der Agenda der Politik stehen Wasser oder Agrarflächen. Sand ist nicht dabei. „Es ist äußerst wichtig, dass sich Politiker, Wissenschaftler und Ingenieure zusammensetzen und Alternativen zum Sand als Baustoff finden“, fordert Pereira vom King’s College. „Unsere Baumethoden sind seit 100 Jahren dieselben. Das muss sich ändern.“
Welche Materialien könnten den Beton ersetzen? Als Beispiele nennen die Dokumentarfilmer etwa Gebäude mit Strohwänden, die in einer Holzrahmenkonstruktion gebettet sind. Eine andere Idee sind Gebäude aus recyceltem Stahl oder aus wiederaufbereiteten Steinen und Beton von alten Gebäuden.
Eine weitere Lösung könnte ein anderes, granulöses Material sein: Glas. Nördlich von San Francisco gibt es einen Strand, wo die Stadt lange einfach ihren Müll abgeladen hat. Über die Jahre zerschmetterten und zerrieben die Wellen die Glasflaschen. Die Brandung schliff die Scherben schließlich zu kleinen, runden Körnern. Das Glas wurde also quasi in seinen Urzustand zurückverwandelt: Sand.
Zwischen den Glas-Zerriebseln und normalem Sand ist kaum ein Unterschied erkennbar. Einige Versuche an der US-Küste mit Aufschüttungen durch Recycling- statt Natursand seien erfolgreich verlaufen. Sogar Schildkröten hätten da ihre Eier abgelegt.
Bislang wird altes Glas gewöhnlich zerkleinert und zu neuen Flaschen geschmolzen. Es ließe sich aber auch im großen Stil zu Sand vermahlen. Immerhin ein Viertel des Altglases wird noch nicht einmal recycelt, sondern landet auf Deponien. Das ließe sich besser für Beton verwenden. Doch solche Initiativen scheiterten bislang an der Durchsetzung - und der Lobby der Industrie. Der natürliche Sand ist bislang einfach billiger. „Mit einem fast kostenlosen Material lässt sich nicht konkurrieren“, sagt Pereira. Damit ist der einfache, praktische Beton in der Architektur schwer zu verdrängen.
Doch der Widerstand gegen den ungehemmten Raubbau wächst. An der bretonischen Küste etwa wehren sich Fischer und Anwohner gegen Sand-Abbaupläne eines internationalen Multis in einem Schutzgebiet vor dem Ufer. "Angesichts der Tatsache, dass unsere Gesellschaft auf Sand gebaut ist, verdient er ein bisschen mehr Respekt“, sagt der Geologe Welland.
Der Regisseur lässt eine Reihe von Kritikern und Experten zu Wort kommen, die fordern, die Menschheit müsse ihr Streben nach Gigantismus ablegen und zu einer einfacheren Lebensweise zurückkehren. Die Welt sollte die menschliche Entwicklung stärker an natürliche Prozesse anpassen. Tenor: Wir können Mutter Natur nicht besiegen.
Man kann kritisieren, dass die von Delestrac präsentierten Ideen für eine Lösung zu knapp ausfallen – und die Konzepte zumindest derzeit eher noch den Beiklang von Utopien haben als dass sie gangbare Auswege eröffnen. So greift etwa die Idee, Sand aus Glas herzustellen, zu kurz. Dafür müsste zuerst die Recyclingquote deutlich erhöht werden – und wiederum ein Ersatz für Flaschen gefunden werden, die ja selbst aus Glas und damit Sand bestehen.
Auch die vorgeschlagenen Auswege wie Strohhäuser mögen für manche Zuschauer wie ein Aufruf zum Rückschritt in der Manier des Öko-Fundamentalismus wirken. Des Weiteren mischt der Franzose unter die berechtigte Kritik an überhitzen Immobilienmärkten und unüberlegter Bauwut einen Schuss Wirtschaftsskepsis. Er vereinfacht über die Maßen den Immobilienbau als reine Spekulation, ja verteufelt ihn geradezu. Das mag für manche Ohren sehr nach kategorischer System- und Kapitalismuskritik klingen.
Tatsächlich aber will der Film vor allem aufrütteln und auf ein Problem aufmerksam machen, das bislang weitgehend unbekannt ist oder ignoriert wird. Und darin ist die Dokumentation auch sehr gelungen. Schade nur, dass die Reportage auf dem Kulturkanal Arte nur einen kleinen Zuschauerkreis gefunden haben dürfte. Den Hauptkanälen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und ihrem Informationsauftrag hätte sie sehr gut gestanden.
So zitiert Delestrac den Meeresforscher Griggs von der Universität Santa Cruz in Kalifornien zum Ende mit den Worten: „Wenn die Leute verstehen, was auf dem Spiel steht, wie wichtig jedes einzelne Sandkorn an unseren Stränden ist und welche Bedeutung der Strand für unser Leben und das Allgemeinwesen hat, dann besteht Hoffnung.“