Kommentar: Nach Pisa-Desaster nur schlechte Ausreden statt guter Konzepte

Deutschland ist bei der Pisa-Bildungsstudie abgestürzt. Und das mehr als andere Nationen. Wie konnte das passieren? Die Kultusminister bieten zwei Erklärungen an: Corona und die vielen Ausländer. Doch vor allem der Verweis auf die gestiegene Zahl der Migranten greift zu kurz.
Dass die Pandemie unseren Schülern massiv und weit mehr als in anderen Ländern geschadet hat, haben zuvor schon andere Bildungsstudien gezeigt. Deutschland hat die Schulen weit länger geschlossen als andere Länder – das war falsch.
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Das hatte aber nur deshalb so verheerende Folgen, weil Deutschlands Schulen besonders schlecht ausgerüstet waren: Es fehlte an Technik für den Digitalunterricht, und die Lehrkräfte mussten sie erst noch erlernen.
So weit, so klar, so schlecht. Fadenscheinig ist hingegen der Verweis auf die vielen Ausländer. Ja, der Anteil der Migranten an den 15-jährigen Schülern hat sich in zehn Jahren auf 38 Prozent verdoppelt. Und ja, es sind mehrheitlich nicht Kinder von gut situierten Akademikereltern. Wir unterscheiden uns hier von Ländern wie Kanada, die seit Jahrzehnten kluge Migrationspolitik machen und Zuwandererkinder mit viel Aufwand integrieren.
Aber auch Länder wie Italien, die Türkei und Portugal haben es geschafft, sich bei Pisa kontinuierlich zu verbessern, obwohl die Migration aus politischen und ökonomischen Gründen weltweit explodiert ist. Wir nicht. Die Ursachen sind fehlende Sprachförderung, fehlende gezielte Betreuung von Migranten, aber auch von schwachen deutschen Schülern, und fehlende Kita-Plätze.
Wir stecken das Geld eher ins Gymnasium als in die Grundschule und wissen seit Jahrzehnten, dass das falsch ist. Wir wissen dank Pisa auch, dass in Deutschland der Zusammenhang zwischen Schulerfolg und Elternhaus so eng ist wie fast nirgendwo sonst. Unser Schulsystem schafft es nicht, Kinder so zu fördern, wie es nötig und möglich wäre.
Darauf weisen Experten schon lange hin. Unser System hat bereits 20 Prozent Schulversager „produziert“, die nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können, als der Migrantenanteil noch bei einem Zehntel lag. Und exakt diese Unfähigkeit wirkt sich mit den vielen Zuwanderern noch mehr aus. Denn diese brauchen allein wegen der Sprachprobleme besondere Unterstützung. Andere Länder zeigen, dass sie schnell aufholen, wenn sie diese Hilfe bekommen.
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Die meisten jugendlichen Zuwanderer, die nun beim Pisa-Test mitmachten, haben die komplette Schullaufbahn absolviert. Die meisten waren früh genug hier und hätten auch eine Kita besuchen und dort „in der deutschen Sprache baden“ können, wie Experten sagen. Der Kita-Besuch ist der Dreh- und Angelpunkt für eine erfolgreiche Schullaufbahn. Kinder, die bis zur Einschulung zu Hause bleiben, starten schon mit ein bis zwei Jahren Rückstand.
Doch in Deutschland fehlt fast eine halbe Million Kita-Plätze und wegen schlechter Bezahlung auch massenhaft Personal. Das trifft sogar überproportional in Vierteln mit sozial schlechter gestellten Bürgern zu. Es ist auch immer noch nicht die Regel, dass alle Vierjährigen auf ihre Sprachkenntnisse getestet und bei Bedarf automatisch in der Kita gefördert werden.
Die Schlussfolgerung aus Pisa sollte sein: Statt fauler Ausreden brauchen die Kinder eine bessere Betreuung.