Wirecard-Prozess: Wichtiger Zeuge stützt These der Staatsanwaltschaft
München, Düsseldorf. Im Betrugsprozess um den Zahlungsdienstleister Wirecard hat ein weiterer, wichtiger Zeuge die massiven Zweifel an der Existenz milliardenschwerer Geschäfte in Asien genährt. Der Japaner Yoshio Tomiie sagte am Mittwoch vor dem Landgericht München, dass er von der Abwicklung angeblicher Kreditkartenzahlungen nichts wisse.
Der damalige Dax-Konzern Wirecard musste im Juni 2020 Insolvenz anmelden, nachdem 1,9 Milliarden Euro aus den Büchern nicht mehr auffindbar waren. Mit dem 64-jährigen Tomiie befragen die Richter in München nun den früheren Geschäftsführer einer jener ominösen Firmen, aus deren Geschäft die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro stammen sollten. Einer Firma, die direkt im Herzen des Skandals operierte: Senjo.
Die Singapurer Firma soll für Wirecard angeblich Zahlungen mit zahlreichen Unternehmen abgewickelt haben. Ausweislich einer Präsentation sollen darunter unter anderem Burger King und auch British Airways gewesen sein. „Ich glaube nicht, dass wir mit denen Verträge hatten“, sagte Tomiie am Mittwoch vor Gericht.
Überhaupt habe Senjo keine ausreichenden Strukturen gehabt, um derartige Transaktionen abzuwickeln. Es habe etwa an Technik und Mitarbeitern gefehlt. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, ob es überhaupt einen Zeitpunkt gegeben habe, zu dem Senjo Zahlungen abgewickelt habe, sagte er: „Ich bin mir nicht sicher.“
Schon die Tatsache, dass der in Malaysia wohnhafte Tomiie auf dem Zeugenstuhl im Hochsicherheitssaal der Justizvollzugsanstalt München Platz nahm, ist ein Erfolg für das Gericht. In 13 Monaten Verhandlung ist bislang kein im Ausland geladener Zeuge angereist, um die Aufklärung voranzutreiben – dabei liegen viele Schauplätze des mutmaßlichen Milliardenbetrugs in Asien.
Viele der Deals gelten heute als fragwürdig
Drei Tage lang soll Tomiie Rede und Antwort stehen. Das Gericht hat dafür extra einen dritten Verhandlungstag am Freitag angesetzt. Zunächst übersetzen zwei Dolmetscher seine Schilderungen aus dem Englischen, später kommt noch ein dritter japanischer Übersetzer hinzu.
Tomiie hat eigenen Angaben zufolge nach dem Studium in einer Speditionsfirma gearbeitet und mehrere Jahrzehnte Erfahrung in den Bereichen Import, Export und Einzelhandel. Danach sei er in die Kosmetikbranche gewechselt und habe Zahlungen online abwickeln müssen. So sei letztlich der Kontakt zur Paymentbranche zustande gekommen. Tomiie hat mehrere Zahlungsdienstleister gegründet, die auch im Umfeld Wirecards Geschäfte gemacht haben.
Viele dieser Deals gelten heute als fragwürdig. Für den Prozess in München ist vor allem Tomiies Wirken in der Senjo-Gruppe aus Singapur wichtig. Senjo war neben Al Alam aus Dubai und der philippinischen Payeasy einer von Wirecards sogenannten Third-Party-Acquirern (TPA). Diese Drittpartner sollten offiziell Geschäfte in Ländern abwickeln, in denen Wirecard selbst keine Lizenz besaß.
Ob es das TPA-Geschäft wirklich gab, ist die zentrale Frage des Prozesses in München. Wirecards ehemaliger Vorstandschef Markus Braun und sein Anwalt Alfred Dierlamm behaupten, eine Bande um den flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek hätte Milliardenerlöse hinter Brauns Rücken veruntreut. Die Staatsanwaltschaft ist hingegen davon überzeugt, dass es das Geschäft nie gab.
Wenn es das Geschäft gab, müsste Tomiie es eigentlich wissen. Auch wenn heute klar ist, dass der britische Geschäftsmann und Marsalek-Vertraute Henry O’Sullivan der Kopf hinter Senjo war, kontrollierte Tomiie die Gruppe zwischenzeitlich zumindest auf dem Papier. Die Senjo-Website listete ihn lange als Mitglied der Geschäftsführung. Und die Staatsanwaltschaft bezieht sich in ihrer Anklage auch auf Senjo-Verträge mit Wirecard, die Tomiie unterschrieben haben soll.
Tomiie selbst spielte seine Rolle in dem Skandal am Mittwoch herunter. Marsalek und O'Sullivan hätten demnach die Idee gehabt, Senjo zu gründen. Marsalek habe sich sogar den Namen der Firmengruppe ausgedacht. Er selbst habe nur selten für die Gruppe gearbeitet. Sein Gehalt sei seiner Darstellung zufolge mit umgerechnet etwa 10.000 Euro „noch eher bescheiden“ gewesen.
Dass das Drittpartnergeschäft so ablief, wie es Wirecard dargestellt hat, könne der Japaner jedenfalls „nicht bestätigen“. Tomiie: „So genau habe ich mir das nicht angeschaut.“ Auch dass von Wirecard Händler an Senjo vermittelt wurden, habe er „so nicht nachvollziehen“ können.
Der Vorsitzende Richter Markus Födisch fragte den Zeugen mehrmals, was er und die übrigen Senjo-Mitarbeiter eigentlich gearbeitet hätten: „Irgendwas müssen die ja gemacht haben.“ Tomiie aber erinnerte sich nur an eine Buchhalterin. Als der Richter ihm eine Liste mit angeblichen Umsätzen Senjos vorlegte, antwortete der Japaner mit Blick auf das Geschäft: „Ich hätte es eigentlich mitbekommen sollen, wenn es existiert hätte.“