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KommentarDie Wachstumsfeinde und ihre Irrtümer

Ist eine Welt ohne Wachstum eine bessere Welt? Warum diese Debatte gerade jetzt so gefährlich ist.Sebastian Matthes 01.03.2024 - 10:44 Uhr
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

Klingt ja auch verlockend, so beim Matcha-Hafer-Latte: eine Viertagewoche (bei vollem Lohn, natürlich), damit noch Zeit ist für einen Blick in den garantiert veganen Secondhand-Klamottenladen. Und am Wochenende bitte keine qualmenden Schlote, wenn wir mit dem E-Lastenrad auf den Bauernhof am Stadtrand fahren. Windräder gern, aber lieber woanders. Autos? Nur wenn ich selbst in den Urlaub will, ansonsten weg damit. Ein bisschen Degrowth, dann wird das schon mit dem Klima.

Es ist mehr als drei Jahrzehnte her, als mich das Buch über „Die Grenzen des Wachstums“ wochenlang im Gemeinschaftskundeunterricht beschäftigt hat. Aber schon kurz vor meinem Abitur wurde deutlich, dass da etwas nicht stimmen kann. Der im Bestseller beschriebene Öko-Kollaps der Zivilisation sollte eigentlich unmittelbar bevorstehen – und war in der Realität so gar nicht in Sicht.

Unser Lehrer wollte von meiner Skepsis nichts wissen. Für ihn war das Buch so etwas wie die Bibel, das Fundament, auf dem er sein Denken aufgebaut hatte. Dass die Autoren schlicht den technologischen Fortschritt unterschätzt hatten, passte für ihn nicht ins Bild.

Das geht offenbar vielen so. Die Degrowth-Debatte ist so etwas wie der ewig zirkulierende Mehrweg-Jutebeutel der Ökonomik. Alle paar Jahre hat man ihn wieder in der Hand, und jedes Mal riecht er ein bisschen strenger. Gerade ist es wieder so weit.

Zur Degrowth-Debatte gehört immer die Forderung nach einem Ende des „ungezügelten Wachstums“ (dieses Mal vorgetragen von DIW-Ökonomin Claudia Kemfert), bei der ich mich immer frage: Wer hat in Deutschland eigentlich jemals „ungezügeltes Wachstum“ gefordert? Wir können doch froh sein, wenn wir überhaupt welches hinkriegen.

Deutsche Volkswirtschaft vor der größten wirtschaftspolitischen Herausforderung seit Gründung der Bundesrepublik

„Taz“-Journalistin Ulrike Herrmann wiederum tingelt mit ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ durch die Talkshows und will offenbar zurück in die späten 40er-Jahre, als die Behörden unseren Eltern und Großeltern ihre Konsummöglichkeiten per Lebensmittelmarke zuteilten. Passend dazu gibt es bei den Grünen die Arbeitsgemeinschaft Postwachstum und Gemeinwohl.

Und schon seit vielen Jahren macht sich der Ökonom Niko Paech als Professor für Postwachstumsökonomie an der Uni Siegen Gedanken über einen Ausstieg aus unserem Wirtschaftssystem und kritisiert die „Geld speiende Wachstumsmaschine“. Zwar speit diese Wachstumsmaschine auch das Geld für Paechs Forschung aus. Aber das ist ein anderes Thema. 

Diese Debatte fällt in eine Zeit, in der die deutsche Volkswirtschaft vor der größten wirtschaftspolitischen Herausforderung seit Gründung der Bundesrepublik steht: Wir müssen einen historischen Alterungsschub bewältigen und den Kapitalstock unserer Volkswirtschaft modernisieren. Zu alldem bricht uns das seit 150 Jahren erfolgreiche deutsche Geschäftsmodell der exportorientierten Industrie weg. Auf alle diese Probleme liefert Degrowth keine Antwort.

Anstatt Zeit mit Degrowth-Überlegungen zu verschwenden, brauchen wir eine Debatte darüber, wie die Wirtschaft schneller und mit weniger Ressourcenverbrauch wachsen kann.
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

Die Debatte ignoriert auch, dass Europa in den nächsten Jahren Hunderte von Milliarden Euro aufbringen muss, um sich zu verteidigen. Gleichzeitig werden Milliardensummen für den grünen Umbau der Industrie fällig, ähnlich groß sind die Summen für eine zukunftsfähige Infrastruktur (Wasserstoffnetze, Stromleitungen, neue Schienen und Brücken). All das muss eine Gesellschaft stemmen, die in enormer Geschwindigkeit altert, was zu milliardenschweren Zusatzausgaben im Renten- wie im Gesundheitssystem führen wird, die ebenfalls finanziert werden wollen.

Und nein, Sondervermögen, Green Deals oder wie man die neuen Schulden sonst noch bezeichnen mag, werden diese Probleme allein nicht lösen können. Weil es schlicht unfair ist, all unsere Probleme von unseren Kindern finanzieren zu lassen, damit wir mehr Zeit und Geld für unsere Waldbade-Wochenenden übrig haben.

Anstatt Zeit mit Degrowth-Überlegungen zu verschwenden, brauchen wir eine Debatte darüber, wie die Wirtschaft in den nächsten Jahren schneller und mit weniger Ressourcenverbrauch wachsen kann als bisher. Darüber, was passieren muss, damit Unternehmen wieder mehr investieren, innovieren und expandieren. Das werden sie nur tun, wenn sie in ihrem Geschäft für die eingegangenen Risiken auch Gewinne erwarten können. Wachstum ist dafür die Voraussetzung. 

Was aber auch stimmt: Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine wachsende Gruppe von Menschen am liebsten noch weniger arbeiten würde (obwohl die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden heute schon in keinem anderen OECD-Land niedriger ist als in Deutschland). Warum reden wir im Gegenzug nicht zugleich darüber, dass man die maximale zulässige Arbeitszeit ja auch mal verlängern könnte? Natürlich nur für all diejenigen, denen ihr Job Spaß macht und die mit dem zusätzlichen Geld etwas anzufangen wissen.

Arbeitszeit

Was die Vier-Tage-Woche wirklich bedeuten würde – das sagen Ökonomen

Stattdessen verpflichtet die Bundesregierung die Unternehmen, detailliert zu überprüfen, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bloß nicht zu viel leisten (was die praktische Konsequenz aus der neuen Zeiterfassungspflicht ist).

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Erinnern Sie sich noch an den Haushaltsstreit im vergangenen Jahr? Er war ein Vorgeschmack auf das, was uns bevorsteht. Denn wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, dann sinken die Steuereinnahmen und damit der Spielraum für staatlichen Konsum (zum Beispiel in Form von Sozialausgaben).

Die Antwort darauf kann nur Wachstum sein. Das darf dann gern so grün ausfallen, wie es sich die Elektrorad-Fraktion nur erträumen kann. Und von mir aus auch mal ungezügelt.

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