Industrie: Noch mehr Druck auf Siemens Energy – GE bringt Konkurrenten Vernova an die Börse
Düsseldorf, München. Der US-Industriekonzern General Electric (GE) trennt sich von seiner Energietechniksparte. Am Dienstag ist das neue Unternehmen mit dem Namen GE Vernova in New York an der Börse gestartet. Das ist vor allem für den deutschen Konkurrenten Siemens Energy eine Herausforderung.
Denn GE Vernova ist beinah ein Duplikat von Siemens Energy – und dabei noch profitabel. Die Aktie wurde zum Börsenstart in New York für 142 Dollar pro Stück gehandelt und übertraf damit sogar die Erwartungen der Analysten. „Heute wird GE Vernova ein unabhängiges Unternehmen, das sich auf die Beschleunigung der Energiewende konzentriert, um eine nachhaltigere Zukunft zu schaffen“, sagte Konzernchef Scott Strazik.
Das Unternehmen mit Sitz in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia kommt in diesem Jahr auf etwa 35 Milliarden Dollar Umsatz und setzt wie sein Konkurrent aus Berlin vor allem auf drei wesentliche Geschäftsfelder: den Bau von Gaskraftwerken, die Produktion von Windturbinen sowie die Herstellung von Stromnetztechnik und Wasserstoffanlagen.
Sie alle befinden sich in einem Zukunftsmarkt, der in den nächsten Jahren vor einem Milliardenwachstum steht. Immer mehr Länder setzen sich zum Ziel, klimaneutral zu werden. Das geht nur mit Strom aus erneuerbaren Energien, Elektroautos, CO2-Verarbeitung, Wasserstoffanlagen, Gaskraftwerken und dem Ausbau der Stromnetze.
Allein um Südostasien mit sauberer Energie zu versorgen, braucht es laut Experten von Morgan Stanley Equity Research eine Billion US-Dollar an Investitionen in den nächsten Jahren. GE Vernova rechnet deswegen fast mit einer Marktwertverdopplung in seinen Geschäftsfeldern von 265 Milliarden Dollar Marktwert auf 435 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2030. Entsprechend groß sind die Erwartungen der Investoren.
Hoher Börsenstart
Schon vor dem Börsenstart hatten Analysten aus allen Bereichen, darunter Sheila Kahyaoglu von Jefferies und Andrew Obin von BofA Securities, Vernova im Bereich von 100 bis 130 US-Dollar pro Aktie angesetzt. Mit dem tatsächlichen Wert von 142 Dollar pro Aktie wird Vernova über dem Zehnfachen des für 2025 prognostizierten bereinigten Betriebsgewinns (Ebitda) gehandelt. Für vier Anteilsscheine erhielten GE-Aktionäre eine Vernova-Aktie.
„Abgesehen vom Wachstum und den Möglichkeiten in diesen Geschäftsbereichen können nur wenige Unternehmen das gesamte Spektrum abdecken“, betonte Vernova-Chef Strazik erst vor Kurzem vor Investoren. Eines dieser wenigen Unternehmen und Vernovas größter Konkurrent ist Siemens Energy.
Siemens hatte seine Energietechniksparte schon vor dreieinhalb Jahren abgespalten und an die Börse gebracht. Die Idee dahinter: Siemens sollte sich ganz auf die lukrativeren Digitalgeschäfte konzentrieren. Siemens Energy wiederum sollte aus dem Schattendasein in dem Konzernkonglomerat befreit werden.
Größere Investitionen in die margenschwache Energietechnik waren für Siemens nicht sehr aussichtsreich, da kaufte man lieber Softwarefirmen. Die Unabhängigkeit und der Zugang zu den Kapitalmärkten sollten Siemens Energy neue Agilität verschaffen.
Ähnlich verfuhr Siemens mit der Medizintechniksparte, die als Siemens Healthineers ausgegliedert und 2018 an die Börse gebracht wurde. Auch dort folgte GE dem Siemens-Modell und brachte GE Health Care 2023 an die Börse.
Der Börsengang von GE Vernova steht unter positiven Vorzeichen: Das Unternehmen erwirtschaftete zuletzt ein operatives Plus von 800 Millionen US-Dollar und kann eine positive Ebitda-Marge von 1,7 Prozent verzeichnen. Das ist noch vergleichsweise mager, soll aber in den nächsten Jahren verbessert werden.
Schlechter sieht es derzeit bei Siemens Energy aus. Der Dax-Konzern ist zwar in Teilbereichen erfolgreicher, hat jedoch mit großen Problemen zu kämpfen. Das zeigt sich auch beim Blick auf die Aktie. Die Aktionäre haben in den vergangenen Jahren große Schwankungen durchlebt.
Zwar stieg der Kurs rasch von 22 Euro auf etwa 33 Euro, brach aber immer wieder drastisch ein, weil die Windkrafttochter Siemens Gamesa mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Seit dem Tief von unter sieben Euro, als der Konzern um Staatsgarantien bitten musste, hat sich der Kurs aber zuletzt wieder auf rund 16 Euro erholt.
Seit der Ausgründung hat Siemens Energy nur Verluste gemacht. Im vergangenen Geschäftsjahr 2022/23 (30. September) betrug das Minus wegen Qualitätsproblemen bei Siemens Gamesa sogar 4,6 Milliarden Euro. Der Umsatz legte um knapp zehn Prozent auf gut 31 Milliarden Euro zu.
Dass sich der Aktienkurs von Siemens Energy nach den Einbrüchen immer wieder zumindest teilweise erholte, hat mehrere Ursachen. Das Portfolio gilt ähnlich wie bei Vernova als zukunftsträchtig. Noch lange werden konventionelle Gaskraftwerke benötigt werden. Hinzu kommen die erneuerbaren Energien mit der Windkraft als Zukunftshoffnung. Zusätzlich werden dann noch Netze benötigt, um den Strom zu verteilen.
Die Aufstellung der beiden Unternehmen ähnelt sich stark. Beide haben zudem die Umsätze der nächsten Jahre bereits gesichert. So hatte Siemens Energy zum Ende des abgelaufenen Geschäftsjahres Aufträge über 112 Milliarden Euro in den Büchern. Ähnlich gut ist die Auftragslage beim US-Konkurrenten.
„Das wird ein spannender Wettbewerb zwischen den beiden“, sagt ein Brancheninsider. Siemens Energy sei bei der Übertragungstechnik besser aufgestellt, bei Vernova laufe es im Kraftwerksgeschäft teilweise noch besser – auch wenn Siemens Energy in den vergangenen Jahren hier große Fortschritte gemacht hat.
Doch entscheidend für beide Konzerne wird sein, ob sie das Windkraftgeschäft profitabel machen können. Auch Vernova erwirtschaftete im vergangenen Jahr ein Minus von einer Milliarde Euro mit dem Geschäft mit den Turbinen. Die ganze Branche steckt in der Krise, unter anderem, weil die Verträge der Vergangenheit keine Preisgleitklauseln bei steigenden Rohstoffpreisen vorsahen. Bei Siemens Energy kommen noch hausgemachte Qualitätsprobleme dazu.
Die hat der Konzern inzwischen allerdings halbwegs im Griff. Doch warten die Märkte noch auf eine neue Langfriststrategie für die Windkraftsparte. Siemens Energy-CEO Christian Bruch hat angedeutet, dass er deutlich selektiver vorgehen will, also nicht mehr alle Märkte bedienen und die Produktpalette verkleinern will.
In Aufsichtsratskreisen wird die Möglichkeit diskutiert, dass sich Siemens Gamesa aus dem Onshore-Segment in Indien ganz zurückzieht. Fraglich ist jedoch, ob das reicht, um das Geschäft ähnlich profitabel zu machen wie die anderen Sparten. Im Offshore-Geschäft mit den Windrädern werde der Konzern sicherlich aktiv bleiben, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Da müsse man vor allem die Probleme beim Hochfahren der Produktion in den Griff bekommen. Doch bei Onshore gebe es noch viele Fragezeichen.
GE Vernova dagegen will sein Windgeschäft schon im kommenden Jahr in die schwarzen Zahlen bringen. Wie genau, das kann CEO Strazik, anders als übrigens Christian Bruch mit seinem Unternehmen, ganz allein entscheiden. GE will zukünftig keine Anteile an Vernova mehr halten. Siemens dagegen hatte nach dem Börsengang eine Minderheitsbeteiligung behalten – tat sich dann in all den Turbulenzen der vergangenen Monate allerdings schwer, den richtigen Zeitpunkt für den Komplettausstieg zu erwischen. So ist die Ex-Mutter noch immer an Bord.