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ManagementWer ist der bessere Boss – Kümmerer Jürgen Klopp oder Störenfried Elon Musk?

Nach neun Jahren nimmt Jürgen Klopp Abschied von Liverpool. Mit seinem empathischen Führungsstil hat der Deutsche dort mehr als den Fußball verändert – und doch Gemeinsamkeiten mit dem Tesla-Chef.Torsten Riecke 17.05.2024 - 04:00 Uhr
Der deutsche Liverpool-Coach bestreitet nach fast neun Jahren sein letztes Heimspiel für die „Reds“. Foto: AP

London. „Thank you Boss“ steht auf den roten T-Shirts, mit denen am Sonntag Zehntausende Fans des FC Liverpool zum legendären Fußballstadion an der Anfield Road ziehen werden. Das Dankeschön gilt Jürgen Klopp, der nach fast neun Jahren gegen die „Wölfe“ aus Wolverhampton sein letztes Heimspiel als Cheftrainer der „Reds“ bestreitet.

„Wir sind so froh, dass er sein Versprechen gehalten hat.“ Dieser Satz  steht nicht nur unter Klopps Konterfei auf den Shirts, sondern das meinen auch die meisten Liverpool-Fans. Als sich der heute 56-jährige Deutsche am 8. Oktober 2015 mit den Worten „I am the Normal One“ als neuer Trainer in der nordenglischen Großstadt vorstellte, versprach er den Anhängern, dass Liverpool in den kommenden vier Jahren zumindest einen großen Pokal gewinnen werde.

Er wolle „die Zweifler wieder zu Gläubigen machen“ beschrieb er damals seine Mission. Als der Klub Ende Februar den Carabao Cup in England holte, war es bereits der achte Titel unter Klopp – darunter eine Meisterschaft und eine Champions-League-Trophäe.

Szenenwechsel: Als Elon Musk am 26. Oktober 2022 erstmals nach seiner rund 44 Milliarden Dollar teuren Übernahme die Firmenzentrale des Kurznachrichtendienstes Twitter (heute X) in San Francisco betrat, schleppte er lachend ein Waschbecken durch die leere Eingangshalle und postete hinterher auf der Plattform zweideutig: „Let that sink in“ (Lass das auf dich wirken). Das löste nicht nur bei den Mitarbeitern Verwirrung aus.

Der 52 Jahre alte Tech-Pionier feuerte in den folgenden Monaten mehr als die Hälfte der Belegschaft mit der Bemerkung, ihr Talent werde anderswo von großem Nutzen sein. Zugleich versprach Musk unter anderem, die Twitter-Plattform zu einem „digitalen Marktplatz“ der „freien Rede“ zu machen. Im Dezember 2022 sperrte er dann die Konten von Journalisten der „New York Times“, „The Washington Post“ und CNN. Ein Jahr später leitete die EU eine Untersuchung gegen „X“ wegen Verbreitung von Falschinformationen und Verstößen gegen Transparenzvorschriften ein.

Zwei Manager-Legenden

Auf den ersten Blick erscheint es grotesk, den Fußballlehrer Klopp mit dem unternehmerischen Tausendsassa Musk vergleichen zu wollen. Wenn es jedoch darum geht, wie beide Manager-Legenden ihre Mitarbeiter zu Höchstleistungen motivieren, ihrer Berufung folgen und welche Werte sie dabei verkörpern, lohnt sich ein Vergleich allemal. Gerade in einer Ära, da disruptive Veränderungen von den Führungseliten in allen Teilen der Gesellschaft so widerstreitende Eigenschaften wie Mitgefühl und visionäre Entschlossenheit verlangen. Brauchen wir dafür Kümmerer wie Klopp oder doch eher Störenfriede wie Musk?

Die Tech-Ikone steht für eine Managementphilosophie, die der amerikanische Schriftsteller John Ganz einmal als „Bossismus“ bezeichnet hat, um den egozentrischen „All Business“-Führungsstil des Tesla-Gründers zu beschreiben. Musk gilt als konfrontativ und erratisch. Das US-Wirtschaftsmagazin „Inc.“ nennt das „Management by Chaos“. Seine Kritiker halten Musk für einen kaltherzigen Egomanen. Was davon auf sein Asperger-Syndrom zurückgeführt werden kann, ist umstritten.

Klopp, den in Liverpool alle nur „Boss“ nennen, kommt dagegen auf den ersten Blick ohne die üblichen Chefallüren aus. Der Psychologie-Professor Anthony Montgomery von der University of Northumbria in Newcastle spricht gar von einem „dienenden Führungsstil“ und meint damit die natürliche Empathie des Liverpool-Trainers. „Ich tue nicht so, als wäre ich interessiert, ich bin interessiert“, hat Klopp einmal über sein Verhältnis zu Spielern, Mitarbeitern und Fans gesagt. Als ein Mitarbeiter aus dem Trainerstab nicht wusste, dass Liverpools Linksverteidiger Andy Robertson bald Vater werden würde, wunderte sich Klopp: „Wie kann man das nicht wissen? Das ist jetzt das Wichtigste in seinem Leben.“

Aus dieser empathischen Nähe zu seiner Umwelt erwächst bei Klopp eine emotionale Leidenschaft, die ihn zu einem überragenden Motivator macht und die sich Managementexperten auch von Wirtschaftsführern wünschen: „Aktuelle Studien belegen, dass Führungskräfte, die mit Leidenschaft arbeiten und führen, nicht nur selbst glücklicher und zufriedener sind – die Leidenschaft kann auch bei ihren Mitarbeitern zu mehr Motivation und Leistung führen“, schreibt Professor Jonas Puck von der Wirtschaftsuniversität Wien.

Dass der Profifußball dabei zur Fundgrube wird, ist nur folgerichtig. Regieren doch auch hier längst die Regeln des „Big Business“. Umgekehrt strahlen die Trainermethoden aber auch zurück auf die Geschäftswelt.

Lehren des „Klopp-Effekts“

Der „Klopp-Effekt“ ist inzwischen zu einem Buzzword vieler Management-Lehrgänge über emotionale Führung oder authentische Kommunikation geworden. Klopp selbst hat seine Ausstrahlung über die Fußballwelt hinaus meist mit dem ihm eigenen Understatement abgetan. Als ihn ein Journalist auf dem Höhepunkt der Coronakrise nach seiner Meinung zur Weltlage fragte, lächelte der gebürtige Stuttgarter verschmitzt: „Ich bin nur ein Typ mit einer Baseball-Käppi und einer schlechten Rasur.“

Erfolgstrainer Klopp und sein Team.  Foto: dpa Picture-Alliance

Richard Kemp, der als Stadtrat in Liverpool dafür gesorgt hat, dass Klopp 2022 zum Ehrenbürger der Industriestadt erklärt wurde, hat das oft auch stille Wirken des Bosses während der Pandemie noch gut in Erinnerung: „Er nutzte den Klub, um die Menschen zusammenzubringen und sie aus ihrer Verzweiflung zu holen.“ Dass Klopp heute in einem Atemzug mit der Heimatstadt der Beatles genannt wird, sagt viel über das Wirken des beliebtesten Deutschen im Königreich. „Er verkörpert unsere Werte, unser Gemeinschaftsgefühl“, erklärte Liverpools Bürgermeister Steve Rotherham.

Gerade hier, im industriellen Norden Englands, wo Scheitern und Wiederaufstehen schon immer zum harten Alltag gehören, kommt Klopp mit seiner oft überbordenden, aber immer authentischen „Wir können es schaffen“-Mentalität gut an. Als der Klub in der Champions League 2019 das Halbfinal-Hinspiel gegen Barcelona mit 0:3 verloren hatte, sagte er den Spielern vor dem entscheidenden Rückspiel: „Versucht es einfach. Und wenn es nicht klappt: Scheitert auf die schönste Weise.“ Liverpool gewann 4:0 und später auch das Finale.

Obwohl Klopp und Musk unterschiedlicher kaum sein könnten, kreuzen sich ihre Ansichten doch an entscheidenden Punkten. „Scheitern ist immer eine Option. Wenn die Dinge nicht scheitern, ist man nicht innovativ genug“, sagt der Zukunftswahnsinnige aus dem Silicon Valley. Ein Satz, den der Fußballverrückte in Liverpool vermutlich unterschreiben würde. Resilienz ist der gemeinsame Nenner.

Der Technologieunternehmer Elon Musk ist für seinen konfrontativen Führungsstil bekannt. Foto: via REUTERS

Beide gelten zudem als leidenschaftliche Visionäre, die von sich selbst und ihren Mitarbeitern alles abverlangen. Klopps unbändiges Angriffspressing zwingt die Spieler, dabei genauso an ihr Limit zu gehen wie Musks Arbeitsethik eines Workaholics. Für beide scheint es nur alles oder nichts zu geben.

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Der größte Unterschied bleibt ihre sehr persönliche Art, die Menschen um sie herum mitzunehmen und für ihre Vision zu motivieren: Klopps Bärenumarmung für alle, die er greifen kann, oder Musks ansteckende Entschlossenheit, das bislang Undenkbare zu versuchen. Beide haben sich damit auf ihre ganz eigene Art ein Denkmal gesetzt.

Wenn am Sonntag kurz vor 19 Uhr der Schlusspfiff für Klopp an der Anfield Road ertönt, dann ist zumindest der Deutsche mit sich im Reinen: „Es ist nicht so wichtig, was die Leute denken, wenn man reinkommt, es ist wichtiger, was sie denken, wenn man geht“, hat der Boss 2015 gesagt. In Liverpool werden sie ihn vermissen. Sie haben hier sogar einen Pub im Stadtzentrum nach ihm benannt: „Jürgen’s Bierhaus“.

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