Qiagen-Aktie: Biotech-Firma setzt auf neue PCR-Tests – „Wie Nokia zu Smartphone“
New York. Thierry Bernard, Chef des europäischen Diagnostikunternehmens Qiagen, will den Konzern stärker auf Kernprodukte in den Zukunftsfeldern konzentrieren und setzt auf den amerikanischen Markt. Das sagte er dem Handelsblatt im Vorfeld des Qiagen-Kapitalmarkttags an diesem Montag in New York.
„Covid hat erneut bestätigt, dass die USA bei Gesundheit und Diagnostik der dynamischste und innovativste Markt der Welt sind“, so Bernard. Die Zusammenarbeit zwischen Venture-Capital, Pharmaunternehmen, Start-ups und Universitäten sei einzigartig.
Wenn man sich die jüngsten Innovationen der vergangenen acht Jahre anschaue, kämen die meisten aus den USA – oder es sei zumindest der Markt, wo es die relevantesten Start-ups gibt. Das gelte für digitale PCR-Technologie ebenso wie für Flüssigbiopsien, die im Blut Krebszellen feststellen können, und für Begleitdiagnostika, die im Urin erkennen, ob ein Krebs zurückkommt.
Die PCR ist ein Diagnostikverfahren, bei dem die Feinstruktur der menschlichen DNA untersucht wird, indem Teilabschnitte vervielfältigt werden. Das Verfahren wurde für Tests auf das Coronavirus genutzt, kann aber auch andere Infektionskrankheiten oder Erbkrankheiten erkennen oder wird bei Vaterschaftstests eingesetzt. Der Unterschied zwischen herkömmlichen und digitalen PCR-Tests sei dabei „wie der Wechsel vom alten Nokia zum Smartphone“, sagt Bernard dem Handelsblatt.
Auf einem Smartphone-großen Teller wird dabei eine Probe in Tausende Einzelteile aufgespalten und quantifiziert. Das geht nicht nur mit Urin oder Blutproben, sondern etwa auch mit Abwasserproben aus Klärwerken. Dies kann helfen zu erkennen, wie viele Personen einer Gemeinde mit bestimmten Viren infiziert sind, dem Coronavirus zum Beispiel.
Nachfrageflaute bei Qiagen
Die Bedeutung des US-Markts sei „einer der Gründe, weshalb ich nicht in Deutschland lebe“, erklärt Bernard. Denn auch wenn das Dax-Unternehmen in den Niederlanden registriert ist und in Hilden bei Düsseldorf die Europazentrale sowie den größten Forschungs- und Produktionsbereich unterhält, lebt Bernard in Boston.
Er sei zwar eine Woche bis zehn Tage pro Monat in Deutschland, was auch weiterhin „extrem wichtig“ sei. Aber seine Präsenz in den USA helfe, den Puls am wichtigsten Markt zu haben. „Wir haben zwar deutsche Wurzeln, sind aber ein globales Unternehmen, in dem unsere Topmanager nah an den Kunden sein sollen“, sagt er.
Qiagen wurde 1984 gegründet und gehört mit einer Marktkapitalisierung von 8,62 Milliarden Euro zu den größten deutschen Biotechnologiefirmen. Das Unternehmen beliefert weltweit Labore mit seinen Reagenzien und Technologien für die Aufbereitung und Analyse von Nukleinsäuren. Zuletzt machte der Konzern fast die Hälfte seines Umsatzes in den USA.
Mit den Werkzeugen von Qiagen können Wissenschaftler und Ärztinnen Informationen aus biologischen Materialien – etwa Gewebe, Blut oder Urin – gewinnen und somit etwa Infektionskrankheiten wie Corona nachweisen, aber auch Hinweise auf Erbkrankheiten oder Krebserkrankungen feststellen.
Um Qiagen gibt es immer wieder Übernahmegerüchte. Zuletzt scheiterte 2020 eine Übernahmeofferte des US-amerikanischen Laborausrüsters Thermo Fisher an den Aktionären.
In der Coronapandemie profitierte der Diagnostikspezialist von seinen Testprodukten: 2021 machte das Unternehmen mehr als 2,25 Milliarden Dollar Umsatz und über eine halbe Milliarde Dollar Gewinn. 2023 setzte Qiagen dann 1,97 Milliarden Dollar um und fuhr einen Gewinn von 341 Millionen Dollar ein. Fürs Gesamtjahr 2024 peilt Qiagen zwei Milliarden Dollar Umsatz an.
Digitale PCR-Tests: Vom Nokia zum Smartphone
Dabei hat das Unternehmen weiterhin mit einer schwachen Nachfrage zu kämpfen. Zuletzt musste der Konzern ein Produkt wegen der Zurückhaltung der Kunden sogar einstellen.
Dabei geht es um das PCR-Testsystem „Neumodx“. Qiagen sehe keinen Weg, diese Systeme wertschöpfend weiterzuentwickeln, hieß es von Bernard Anfang Juni. Stattdessen will Qiagen sich stärker auf sogenannte digitale PCRs konzentrieren.
Mit den Technologien, die Qiagen entwickelt, lassen sich auch andere Erkrankungen entdecken: Krebs oder Erbkrankheiten etwa.
„Die Kosten für eine Gensequenzierung sind drastisch gesunken, von einst 10.000 Dollar pro Kit auf ein paar Hundert Dollar“, sagt Bernard. Gensequenzierungen für jedermann seien aber nicht per se sinnvoll: Viele Menschen trügen etwa das Alzheimer-Gen in sich – aber nur bei wenigen führe es zur Krankheit. Man brauche immer eine Interpretation durch den Arzt und könne die Menschen mit den Ergebnissen nicht allein lassen.
Ähnliches gelte beim Thema „Liquid Biopsy“: Mit der Technologie kann man etwa Krebs anhand einer Blutprobe erkennen – ohne aufwendig entnommene Gewebeproben. „Es besteht kein Zweifel daran, dass Flüssigbiopsie eines der heißen Themen in den kommenden zehn Jahren ist“, sagt Bernard.
Wie man mit den Ergebnissen solcher Tests umgehe, darüber müsse man sich aber noch Gedanken machen – manche Ergebnisse könnten bei Patienten zu Panik führen. Flüssigbiopsien seien daher eventuell besser als zur allgemeinen Vorsorge dazu geeignet, um nachzuprüfen, ob ein Krebs zurückkomme, gibt er zu bedenken. Aber das müssten die klinischen Tests erst noch zeigen.