Karl Lauterbach: Mit neuer Rolle im Bundestag und im Auftrag der Weltgesundheit
Berlin. Manchmal kommt es nur auf die Sicht der Dinge an, um etwas Negativem das Positive abzugewinnen. „Die neue Aufgabe schließt sich nahtlos an das an, was ich vorher gemacht habe“, sagt Karl Lauterbach (SPD) über seinen neuen Posten: Vorsitzer des Ausschusses für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung.
Der SPD-Politiker ist seit 20 Jahren Bundestagsabgeordneter, davon zuletzt dreieinhalb Jahre Gesundheitsminister. Als Ausschussvorsitzender kann Lauterbach in vielen ihm vertrauten Bereichen weitermachen – wenn auch ohne Exekutivgewalt: Der Medizinforschung, für die er ein Gesetz durchbrachte, will sich der Rheinländer ebenso weiter widmen wie den Folgen des Klimawandels, zu dem er als Minister einen Hitzeschutzplan präsentiert hatte.
„Die Erde geht in einen unfassbar schwierigen Zustand über“, sagt der ehemalige Minister, der sich am Dienstagmittag auf den Weg zum Flughafen gemacht hat, Reiseziel: Reykjavik, Island.
An diesem Mittwoch konstituiert sich dort, fern von Berlin, eine Kommission der Weltgesundheitsorganisation. Sie beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels für die Gesundheit – und Lauterbach wird ihr angehören. Das Ehrenamt, sagt er, wolle er in den sitzungsfreien Wochen des Bundestags ausfüllen.
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„Wir sind in einer Phase, in der Forschung und Technologie wichtiger als je zuvor sind“, sagt er. Intelligente Wasserstoff- und Energienetze, Speichertechnologien und bessere Wirkungsgrade bei der Umwandlung von Energie in Strom: Für Lauterbach gibt es in diesen Bereichen noch großen Forschungsbedarf. Ebenso bei der Kernfusion.
So fordert Lauterbach „eine öffentliche Debatte zur Forschungspolitik und zur Bedeutung von Forschung und Technologie“. Dabei versichert er, „keine Opposition in der Regierung“ sein zu wollen. Ministerin Dorothee Bär (CSU) wird es gerne hören.
Über Beitragssätze, Cannabis-Legalisierung oder Krankenhausreformen wird er derweil nicht mehr streiten. Lauterbach „kümmert sich jetzt ja liebevoll um den Wissenschaftsausschuss“, frotzelte kürzlich der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU).
Neben der Forschung und der Raumfahrt gehört in der Tat auch die Wissenschaft zu seinem Themenspektrum. Für den Gesundheitsökonomen, Professor und Harvard-Gastdozenten Lauterbach, der sich selbst gern der Wissenschaft zugehörig fühlt, ist es Teil seiner Vita.
Die Wahrheiten der Wissenschaft
Kritik, er höre zu sehr auf die Wissenschaft, nimmt der Parteilinke eher als Lob. Doch kennt auch Wissenschaft bekanntlich nicht die eine Wahrheit. Das zeigte sich deutlich in der Corona-Pandemie, in der Lauterbach besonders lange an Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens festhielt und für eine Impfpflicht warb, während Andersdenkende als Außenseiter gebrandmarkt wurden.
Unzweifelhaft ist, dass Corona heute noch ein Problem ist. So steigt die Zahl derer, die an den Langzeitfolgen leiden. Lauterbach kennt das Leid der Betroffenen: „Wir brauchen dringend heilende Durchbrüche in der Medizinforschung.“ Er werde sich „weiter in der ME/CSF-Forschung engagieren“ – in der Erforschung von Myalgischer Encephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom, einer der letzten großen Krankheiten, die kaum erforscht sind.
Mit Hinblick auf die Maskenaffäre um Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn, inzwischen mächtiger Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, erklärt sich Lauterbach kurzerhand für befangen und schweigt. Dabei soll es um den überteuerten Kauf von Masken und die freihändige Vergabe von Beschaffungsaufträgen gehen – unter anderem an ein Logistikunternehmen aus Spahns Wahlkreis. Der Auftrag soll einen Wert von mehr als einer Milliarde Euro gehabt haben, wie mehrere Medien berichten.
Dessen Nachfolger Lauterbach, der sich in der Pandemie als Co-Minister geriert hatte, stand vor der unangenehmen Aufgabe, die Vorgänge untersuchen zu lassen. Ergebnisse präsentierte er nicht. Nun liegt ein Bericht vor, den aber Lauterbachs Nachfolgerin und Spahn-Parteifreundin Nina Warken (CDU) unter Verschluss hält. Auf den sonst in Wissenschaft und Forschung angestrebten Erkenntnisgewinn wollen in diesem konkreten Fall offenkundig alle verzichten.