IBM-Consulting-Chefin: „Wirtschaft beschäftigt sich zu wenig mit Technologie“
Ehningen. Sie ist eine der stillen Größen der Beraterbranche in Deutschland: Christine Rupp führt seit Januar 2022 die Geschäfte von IBM Consulting in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit geschätzten rund zwei Milliarden Euro Umsatz verantwortet die 50-jährige Betriebswirtin damit ein Geschäft, das so umfangreich ist wie das der beiden weltweit führenden Strategieberatungen McKinsey und Boston Consulting Group (BCG) hierzulande zusammen.
IBM Consulting ist zudem – als einzige global tätige Beratung eines IT-Konzerns – auf Technologiethemen wie Künstliche Intelligenz (KI), Cloud und Blockchain spezialisiert. Rupp attestiert Deutschland mangelnde Technologieoffenheit: Zwar beklage sich die deutsche Wirtschaft zu Recht über zu viel Bürokratie und Zölle. Zugleich beschäftige man sich aber „zu wenig mit Technologie-Chancen, die man selbst in der Hand hätte“.
Für Rupp, die vor ihrer Zeit bei IBM Consulting bei Deloitte Consulting tätig war und dort als Mitglied des Executive Committee den Geschäftsbereich Strategie, Analytik und Übernahmen verantwortete, ist klar: „Asien und USA sind uns voraus. Sie machen vor, was heute bereits technologisch möglich ist. Wenn Deutschland international wettbewerbsfähig sein möchte, sollten wir stärker in Technologien investieren und diese dann auch einsetzen.“
Viele Manager und Unternehmen seien mit vielversprechenden Pilotprojekten gestartet. Wenige hätten sich bisher aber getraut, KI unternehmensweit zu skalieren. Entsprechend könnten sie noch nicht von möglichen KI-Effizienzverbesserungen profitieren. Rupp: „Ich wünsche mir, dass wir schneller und mutiger werden.“
IBM Consulting zählt mit einem Jahresumsatz von zuletzt rund 20 Milliarden Dollar zu den großen globalen Beratungsunternehmen. Konkurrenten sind spezialisierte IT-Beratungshäuser wie Accenture und Capgemini sowie auch Bearing Point. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz durch die zunehmende Technologie-Orientierung der drei führenden Strategieberatungen McKinsey, BCG und Bain sowie der größten deutschen Managementberatung Roland Berger.
Der harte Wettbewerb zeigt sich auch in den Zahlen. 2024 stagnierte der Umsatz von IBM Consulting nahezu. Und auch der IT-Konzern insgesamt wuchs nur schwach auf einen Umsatz von rund 63 Milliarden Dollar. Für das laufende Jahr rechnet man mit einem Wachstum von rund fünf Prozent. An den Märkten ist die IBM-Aktie aber gut gefragt und erreichte dieses Jahr neue Höchststände.
Klar ist: Die Berater müssen auch das in eigener Sache tun, was sie anderen empfehlen: sich transformieren. IBM hat dafür eigenen Angaben zufolge Unternehmensabläufe mithilfe von Technologie und Automatisierung in mehr als 70 Bereichen umgebaut.
Die geplanten Ziele seien dabei übertroffen worden. Ursprünglich waren Einsparungen von 1,5 Milliarden Dollar erwartet worden. Doch schon im Jahr 2024 gelang es, 3,5 Milliarden Dollar weniger auszugeben. Und inzwischen hat der Vorstand sogar prognostiziert, 2025 rund 4,5 Milliarden einsparen zu können.
Rupp ist sich deshalb sicher: „IBM hat die Transformation in eigener Sache geschafft – wir sind unser eigener Client Zero.“
Im deutschsprachigen Raum fiel IBM Consulting zuletzt mit einigen IT-Projekten auf, über die der Konzern auch kommunizierte. Den Schweizer Pharmakonzern Roche unterstützten die Berater von Christine Rupp etwa bei einer auf Künstlicher Intelligenz basierenden Glukose-Monitoring-App. IBM-Berater optimierten zudem für die Fluggesellschaft Lufthansa eine webbasierte Plattform, die verschiedene Anwendungen bei der Bodenabfertigung erlaubt.
IBM Consulting ist traditionell auch im öffentlichen Sektor stark vertreten. So kooperierte die Beratung dieses Jahr mit dem Justizministerium von Baden-Württemberg im Bereich Künstliche Intelligenz und startete mit dem Landratsamt Augsburg einen Pilotversuch mit generativer KI zur Unterstützung von Sachbearbeitern in der Jugendhilfe.
Für Christine Rupp ist klar: „Die Beratungsbranche verändert sich massiv.“ KI, Cloud, Cybersicherheit und künftig auch Quantum-Computing seien erfolgskritisch. Rupp sagt: „Wer dort nicht überzeugt, verliert an Wettbewerbsfähigkeit.“
Entsprechend, so Rupp, müsse „jeder Berater Technologie in seiner DNA haben“. Früher habe es den „Techie“ und den „Change-Berater“ gegeben. Heute brauche man Berater mit umfassender technologischer Expertise und maximalen empathischen Fähigkeiten.
Eine Beobachtung, die Mario Zillmann teilt. Der Partner des Branchenanalysten Lünendonk sagt: „IBM Consulting ist nach erfolgreicher Neu-Positionierung im deutschen Markt auf Wachstumskurs.“
Ein wesentlicher Punkt dabei sei, dass IBM Consulting mittlerweile als Beratung und Implementierungspartner unabhängiger vom IBM-Technologieportfolio sei und sich sehr erfolgreich als Implementierungspartner für Technologieanbieter wie Salesforce, Microsoft, SAP etc. aufgestellt habe. Vor allem der Bereich „Hybrid Cloud & AI“ wachse stark. Treiber sei die notwendige Integration von Daten aus unterschiedlichen Vorsystemen in die Daten und KI-Systeme.