VR-Bank Südniedersachsen: „Wir schaufeln Getreide von links nach rechts“
Die beiden Vorstände der VR-Bank in Südniedersachsen kommen nicht immer im Anzug zur Arbeit.
Foto: HandelsblattObernjesa. Schon nach ein paar Schritten ist klar: Aus dieser Halle kommt keiner sauber raus. Die Metalltreppe hoch, einmal rechts und wieder ein paar Stufen, schließlich ein schmaler Steg. Davor, links und rechts daneben lagert Getreide: mehrere Meter hoch, Tausende Tonnen. Staub liegt in der Luft, auf dem Geländer – das Förderband summt. Willkommen bei der VR-Bank in Südniedersachsen.
Auf dem blauen Anzug von Folkert Groeneveld lagert sich Getreidestaub ab, er ist das gewohnt: „Das ist die Realwirtschaft, die gehört auch zu uns.“ Hier, rund zehn Kilometer südlich von Göttingen, liegt der Schatz der Volksbank-Raiffeisenbank: Getreide, in Spitzenzeiten 120.000 Tonnen, dazu Rapsöl, Dünger, Tierfutter.
Diese VR-Bank ist eine von einigen Dutzend Exoten im deutschen Bankgeschäft: eine Bank mit angeschlossenem Rohstoffhandel. Während Großbanken gerne Finanzprodukte auf Öl oder Getreide anbieten, gibt es bei den Niedersachsen echte Ware. Doch auch die muss gegen Preisverfall abgesichert werden und bringt die Bank – ganz wie die große Deutsche Bank – immer wieder in Erklärungsnöte wegen ihres wenn auch kleinen Derivatebuchs. Das oft belächelte Handelsgeschäft birgt Risiken, aber auch Vorteile.
Bankchef Groeneveld sagt: „Wir wissen, was wir an unserem Warengeschäft haben.“ Das liegt daran, dass die VR-Bank Südniedersachsen mit ihrer Agrarsparte auch in Zeiten dauerhafter Mini- und Negativzinsen Geld verdient. Sie ist also unabhängiger von Zinserträgen, die angesichts rekordtiefer Leitzinsen schrumpfen. 20 Prozent des Gewinns stammen aus dem Warengeschäft. Dessen Bedeutung dürfte in den nächsten Jahren steigen.
Das Warenlager Obernjesa ist nicht das größte von insgesamt 18 Anlagen der Bank. Es ist ein Schatz, den der 53-jährige Groeneveld und sein Vorstandskollege Jens Ripke selbst regelmäßig in Augenschein nehmen. Und dabei, so sagt Ripke, „muss man sich auch mal dreckig machen“. Meist tragen Groeneveld und sein drei Jahre jüngerer Kollege sowieso Jeans und keinen Anzug, wenn sie hier zu Besuch sind – da ist der Staub nicht ganz so schlimm.
Die Bank und das Agrargeschäft, bei der VR-Bank in Südniedersachsen gehören sie zusammen. Der regionale Genossenschaftsverband, der für knapp 300 Volks- und Raiffeisenbanken zuständig ist, zählt gerade noch 16 Häuser mit Warengeschäft, in Bayern ist der Anteil mit rund 60 Instituten etwas höher.
Ursprünglich war das Warengeschäft traditioneller Teil der Raiffeisenbanken und eine Dienstleistung für ihre wichtigsten Kunden, die Landwirte der Region. Grob gesprochen funktioniert es so: Die Kunden, meist Mitglieder der Genossenschaftsbank, bringen ihre Ernte, die Bank als Zwischenhändler verkauft sie. Zugleich versorgt sie die Landwirte zum Beispiel mit Saatgut, Düngemitteln und Treibstoff. Die allermeisten Geldhäuser haben diese Traditionssparte aufgegeben.
Nicht so in Dransfeld, wo die VR-Bank Südniedersachsen, die aus 30 Fusionen hervorgegangen ist, den Hauptsitz hat. „Das Geschäft passt zu den Bedürfnissen unserer Kunden und zu unserer Region“, sagt Groeneveld. Die ist ländlich geprägt. 2.500 Kunden der Bank sind Landwirte, jeder dritte Kredit geht an diese Kundengruppe. Das Geschäftsgebiet reicht von Göttingen bis Kassel und auch nach Thüringen und Westfalen hinein.
Der niedrige Zins trifft aber auch die VR-Bank Südniedersachsen. Auch ihr Geschäft wird von der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank beeinflusst, von den Vorgaben der Bankenaufseher – aber eben auch vom Wetter und davon, wie gut oder schlecht die Getreideernte ausfällt.
2015 etwa war kein gutes Jahr, es war ein Ausnahmejahr – für den gesamten Landhandel. Und das traf auch die VR-Bank Südniedersachsen. Die Bank zahlte den Landwirten zur Erntezeit die damaligen Marktpreise für das Getreide. Danach aber fielen die Preise – ungewöhnlich, weil sonst oft Wetterkapriolen irgendwo auf der Welt für Preisschwankungen sorgen. Da half es auch nicht, dass die VR-Bank Südniedersachsen den Großteil des Getreides, das sie lagert, auf Termin verkauft. Das heißt, die Bank vereinbart mit Mühlen und Großhändlern, dass sie das Getreide zu einem bestimmten späteren Termin liefert und dafür auch einen bestimmten Preis bekommt.
Doch Mühlen und Großhändler hofften ihrerseits, dass die Preise weiterfallen. Und im Jahr 2015 half es auch nicht, dass die VR-Bank Südniedersachsen einen weiteren Teil des Getreides über Terminkontrakte an der Derivatebörse in Paris absicherte.
Was für Groeneveld und Ripke zur Normalität gehört, erscheint Bankenaufsehern mitunter als ein exotisches Risiko. „Es ist doch einigen nicht bewusst oder es ist in Vergessenheit geraten, dass es ein solches traditionsreiches Geschäftsmodell wie unseres noch gibt“, sagt Groeneveld. Es sei daher „immer wieder erforderlich“, den Bankenaufsehern das Geschäft zu erklären. „Es wird angenommen, dass wir in großem Stil derivatives und spekulatives Geschäft betreiben. Dabei brauchen wir Termingeschäfte lediglich zur Marktpreisabsicherung der Getreide- und Rapsbestände.“
Um den Regulierern zu erklären, dass sie nicht wild auf Weizenpreise spekulieren, sind die beiden Bankvorstände vor anderthalb Jahren nach Brüssel gefahren, zur EU-Kommission. Dort wollte man erst gar nicht glauben, dass die Dransfelder tatsächlich auf Getreidebergen sitzen. „Den Kommissionsmitarbeitern haben wir gesagt: ‚Doch, wir schaufeln tatsächlich echtes Getreide von links nach rechts – das hat tatsächlich nichts mit Finanzinstrumenten zu tun“, sagt Groeneveld.
Selbst wenn das Verständnis der Aufseher wächst, führt es immer wieder zu kleinen Problemen: In vielen Meldungen an die deutsche Finanzaufsicht Bafin muss die VR-Bank Südniedersachsen ihr Warengeschäft einarbeiten. Und anders als beim klassischen Bankgeschäft gibt es hier keinen standardisierten Prozess. Die Antworten sind individuell und erfordern Fingerspitzengefühl. So werden im Rahmen von Risikoabfragen der Bafin zum notwendigen Eigenkapital einer Bank zum Beispiel auch deren Goldbestände ermittelt. Tausende Tonnen Getreide und Düngemittel sind hier nicht vorgesehen.
Den Bankmanagern ist es wichtig, die Bedeutung beider Sparten zu betonen. Zuletzt hatte das Geldhaus 116 Mitarbeiter im klassischen Bankgeschäft und 128 im Warengeschäft. „Es macht keinen Unterschied, ob ein Mitarbeiter mit Anzug in der Bank oder in Latzhose im Warenlager arbeitet. Wir haben alle das gleiche Verständnis von unserem Auftrag“, sagt Ripke.
Lokführer bei der Bank
Ob andere Genossenschaftsbanken jetzt wieder in das Warengeschäft einsteigen? Unwahrscheinlich. Zu groß ist der Aufwand, zu hoch sind die Investitionen, um es aufzubauen. Auch dürfte kaum ein Bankmanager über das nötige Know-how verfügen. Ripke kennt das Geschäft, seit er vor 30 Jahre seine Banklehre gestartet hat – in einem Geldhaus das per Fusion in der heutigen VR-Bank Südniedersachsen aufging. Groeneveld hat zuvor als Wirtschaftsprüfer Warengenossenschaften analysiert.
Zum Portfolio der VR-Bank gehören auch 16 Tankstellen – und die Bank besitzt zudem eine Lok, ein blaues Ungetüm aus den 1970er-Jahren. Es sei die „wohl einzige Bank mit Lok“, wie Groeneveld lakonisch feststellt. Und vermutlich auch die einzige mit Gleisanbindung. Das Warenlager in Obernjesa hat einen eigenen Bahnanschluss. Die Gleise reichen bis zur riesigen Getreidehalle. In Spitzenzeiten kommen mehrere Züge pro Woche. Kein Wunder, dass das Geldhaus auch zwei Mitarbeiter mit Lok-Führerschein beschäftigt.