Genossenschaftsbanken: Fusionen sollen es richten
Vor allem mittelgroße Institute fusionieren derzeit häufig mit den ganz großen Schwesterinstituten.
Foto: dpaSchwäbisch Hall. Es ist kurz vor zwei. Gerade hat die Raiffeisenbank Tüngental nach der Mittagspause wieder geöffnet, da kommen die ersten Kunden. Eine Frau mit zwei Kindern, die Fahrradhelme noch auf dem Kopf. Ihre Münzen laufen rasselnd durch die Zählmaschine. „Das ist umsonst bei uns. Wie früher“, sagt Andreas Stein, einer von zwei Bankvorständen – daneben beschäftigt die Bank nur zwei weitere Mitarbeiter.
Die Raiffeisenbank Tüngental mit Sitz am Ortsrand Schwäbisch Halls zählt zu den kleinsten Genossenschaftsbanken – in ganz Europa dürfte es kaum ein kleineres Geldhaus geben. Stein will, dass das auch so bleibt, dass die Raiffeisenbank Tüngental ihre Selbstständigkeit erhalten kann. Und dass sie weiter das macht, was Stein als „Retro-Bank“ bezeichnet. Dazu gehört auch: keine Gebühr für Münzeinsammlungen – anders als bei vielen anderen Geldhäusern, die dafür schon einmal fünf Euro verlangen.
„Fusionen sind keine Lösung“, findet der langjährige Genossenschaftsbanker. Damit widerspricht er Dutzenden Volks- und Raiffeisenbanken, die gerade zusammengehen oder kurz davor stehen. Ihre Zahl ist jüngst unter 1.000 gerutscht, auf 994. Insgesamt an die 50 Fusionen wird es dieses Jahr geben, erwartet der Branchenverband BVR.
Im nächsten Jahr dürften es noch mehr werden. Nach Handelsblatt-Informationen wird im Sektor mit rund 70 Zusammenschlüssen gerechnet. So viele Fusionen waren Branchenkennern zufolge zuletzt beim IT-Dienstleister der Genossenschaftsbanken, Fiducia & GAD, vorgemerkt. Der BVR wollte sich dazu nicht äußern.
Beobachter meinen, dass die Zahl noch weiter sinken wird. Die Beratungsgesellschaft Moonroc erwartet, dass sie mittelfristig auf 800 Häuser fällt, langfristig sieht Moonroc ein Potenzial für nur 250. Ein Grund dafür: Die Genossenschaftsbanken leiden wie Sparkassen und Privatbanken unter der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Großteil der Gesamterträge regionaler Banken – rund 80 Prozent – stammt aus dem Geschäft mit Krediten und Einlagen. Doch die Marge im Kreditgeschäft schrumpft, zum anderen ist es für die Regionalbanken schwer, mit ihren eigenen Anlagen noch etwas zu verdienen. Wer sicher investieren will, bekommt dafür fast keine Rendite – zumal die EZB bis mindestens Ende 2017 Anleihen im großen Stil aufkauft.
Ein zweiter Grund ist, dass gerade kleinen Geldhäusern die Regulierung schwer zu schaffen macht. Zu den vollzogenen Fusionen in diesem Jahr teilt der BVR denn auch mit, dass die Institute der „erheblichen Belastung aus regulatorischen Kosten Rechnung“ tragen und ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken würden, „ohne dabei die lokale Nähe zu vernachlässigen“.
Andreas Stein, Vorstand der Raiffeisenbank Tüngental
Die kleinen Geldhäuser müssen weitgehend dieselben Vorgaben erfüllen wie Großbanken. Manch ein Vorstand einer kleinen Bank verbringt mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit damit, sicherzugehen, dass er alle Regeln einhält.
Beides hat Folgen. Die Eigenkapitalrendite der Genossenschaftsbanken lag laut Daten der Unternehmensberatung Bain & Company 2015 bei nur noch 2,9 Prozent. Die Bundesbank kommt zwar auf 7,3 Prozent. Ihre Werte sind aber nur höher, weil sie, grob gesagt, Vorsorgereserven dem Ergebnis der Banken zurechnet. Auch die Bain-Experten halten eine Fusionswelle „für unausweichlich“.
Auch weniger Sparkassen
Was für die Volks- und Raiffeisenbanken gilt, sieht bei den Sparkassen ähnlich aus. Auch bei ihnen steigt die Zahl der Fusionen. Hatte es Ende 2015 noch 413 Sparkassen gegeben, sank die Zahl bis Herbst auf 403 Institute. Nach Handelsblatt-Informationen waren im September für kommendes Jahr etwa 20 Zusammenschlüsse beim IT-Dienstleister angemeldet. Die Zahl der angemeldeten Fusionen schwankt zwar, auch weil vorgemerkte Zusammenschlüsse platzen können. Doch die Zahlen liegen deutlich über dem Schnitt der vergangenen zehn Jahre.
Einfacher dürften die Fusionen dabei nicht werden. Ralf Teufel, Chef der GGB Unternehmensberatung, warnt vor Schwierigkeiten: „Es schließen sich derzeit oft mittelgroße Volks- oder Raiffeisenbanken mit den ganz großen Nachbarinstituten zusammen. Das sind meist Vernunftfusionen“, urteilt Teufel. „Die mittelgroßen Häuser könnten zwar noch allein weitermachen, aber suchen sich lieber einen Partner, solange sie noch in einer guten Verhandlungsposition sind.“ Aber es gebe auch schon Banken, mit denen keiner mehr zusammengehen wolle, „weil sie schlechter dastehen und eine Fusion keinen Mehrwert mehr bringt. Das wird noch ein Problem für die Gruppe“, glaubt er.
Banker Stein aus Tüngental, einem Ortsteil von Schwäbisch Hall, sieht noch ein anderes Hindernis für Fusionen: Große Häuser seien „viel zu unflexibel“, urteilt er. Und er hat grundsätzliche Bedenken. Es entspreche auch nicht dem eigentlichen Modell der Raiffeisenbanken, wenn jetzt viele fusionieren und sie immer größer würden. Sein Geldhaus hat eine Bilanzsumme von gerade 27 Millionen Euro und zählt rund 900 Privatkunden.
Gegründet wurden die ersten Kreditgenossenschaften ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihr Ziel: die Selbstfinanzierung von Menschen vor Ort, die so erst die Chance bekamen, Kapital zu sammeln und Kredite zu erhalten. Und das lokal eng begrenzt, vor gut hundert Jahren gab es 22.000 Kreditgenossenschaften.
Deshalb will der Tüngentaler Vorstand für die Eigenständigkeit der Bank kämpfen. Rückendeckung bekommt er von Berend Gortmann, Chef der Volksbank Niedergrafschaft und Sprecher der Interessengemeinschaft kleiner und mittlerer Genossenschaftsbanken: Auch er sieht in Fusionen „nicht per se die Lösung“. Es sei nicht so, „dass die Ertragslage der Genossenschaftsbanken mit ihrer Größe steigt. Wir beobachten, dass sich zunehmend auch ganz große Banken mit Fusionen beschäftigen.“
Um die Ertragslage der Raiffeisenbank Tüngental stabil zu halten, setzt Stein auf Wachstum und darauf, dass das kleine Geldhaus besonders nah an seinen Kunden ist. Seine Strategie: Nur wer nah an den Kunden ist, kann mehr Kreditgeschäft machen. Und nur wer mehr Neugeschäft macht, kommt mit den Niedrigzinsen zurecht. In diesem Jahr hat das geklappt: Das Kreditvolumen der Raiffeisenbank Tüngental ist um 13 Prozent gewachsen, auch der so wichtige Zinsüberschuss steigt. Und das Geldhaus wird deutlich mehr verdienen – auch wenn es 2015 nach Steuern nur 111.000 Euro waren.
Kleine Bank mit Wachstum
Für mehr Geschäft geht Stein einen ungewöhnlichen Weg. Während deutsche Banken hunderte Filialen schließen, hat die Raiffeisenbank Tüngental im Oktober eine zweite, wenngleich sehr kleine, Filiale eröffnet: im Nachbarort Wolpertshausen, wo die viel größere VR-Bank Schwäbisch Hall-Crailsheim eine Geschäftsstelle geschlossen hatte. Der Bürgermeister Wolpertshausens war auf Stein zugekommen – in der Hoffnung, dass die Raiffeisenbank dort weitermacht. „Ich hab sofort entschieden: Das gehen wir an“, sagt Stein. Einzige Voraussetzung: Die neue Filiale, die einmal in der Woche geöffnet ist, kommt im Rathaus von Wolpertshausen unter, mietfrei.
Für den Schritt bekommt Stein Beifall: „Die Raiffeisenbank Tüngental macht alles richtig. Sie eröffnet eine neue Filiale, erschließt sich neue Ertrags- und Kundenpotenziale, ohne dass nennenswert zusätzliche Kosten anfallen“, sagt Stephan Vomhoff, der Regionalbanken berät. „Das Beispiel Tüngental ist exemplarisch für die Probleme ganz kleiner Banken.“ Denn deren Geschäftsgebiet ist begrenzt, sie müssten aber eigentlich wachsen, um auf Dauer bestehen zu können.
Gut 50 neue Kunden aus Wolpertshausen hat die Raiffeisenbank Tüngental gewonnen. Und fünf neue Immobilienkredite wird sie vergeben. Das sind große Zahlen für die kleine Bank, die in dieses Jahr insgesamt etwa 60 Haus- und Wohnungsdarlehen ausreicht. Die privaten Kunden sind wichtig: 60 Prozent des Kreditvolumens vergibt die Raiffeisenbank Tüngental an Privatkunden, 40 Prozent an Unternehmen, darunter wie traditionell bei Raiffeisenbanken viele Landwirte.
„Unser Geschäftsmodell ist wieder im Kommen“, glaubt Stein. 58-Jährige, der seit 34 Jahren Vorstand kleiner Genossenschaftsbanken ist, erwartet, dass die Kunden auch künftig in die Filiale kommen. Und notfalls kommt die Raiffeisenbank Tüngental zu ihnen: Älteren Kunden liefert sie bei Bedarf alle zwei Tage Bargeld nach Hause. Gratis natürlich.