US-Autobauer: GM und Ford setzen in den USA allein auf SUVs und Pick-ups – keine Zukunft für Kleinwagen
Der große Pick-up ist seit drei Jahrzehnten das meistverkaufte Auto in den USA.
Foto: APNew York. Fiat Chrysler hat den Schritt schon vor zwei Jahren gewagt: Sergio Marchionne stellt in den USA nur noch SUVs und Pickups her. Kompaktwagen und Limousinen, die jahrzehntelang einen großen Anteil an den Verkäufen von Chrysler hatten, sind Geschichte. Nun ziehen auch Ford und GM nach.
Der US-Riese Ford, der in den kommenden Jahren 11,5 Milliarden Dollar einsparen will, reagiert radikal und streicht die Palette der traditionellen Autos fast komplett zusammen: „Angesichts der sinkenden Nachfrage und Margen der Produkte, wird das Unternehmen nicht in die nächste Generation von traditionellen Ford-Modellen für Nordamerika investieren“, teilte Ford am Dienstag bei Bekanntgabe seiner Quartalszahlen mit.
Ford lässt darum gleich mehrere Baureihen, die in Europa außergewöhnlich erfolgreich sind, auf dem Heimatmarkt auslaufen. Der Kleinwagen Fiesta, der kompakte Focus, aber auch der Mondeo, der in Amerika als Fusion verkauft wird, sollen in den USA künftig nicht mehr verkauft werden.
Zu viel BMW und Mercedes, zu wenig Chevrolet: Donald Trump hat den angeblichen Auto-Imperialismus der Deutschen kritisiert. Dabei hätte er nur in die Statistiken seiner eigenen Highway-Administration schauen müssen, um zu sehen, wie wenig das Herstellerlabel über die „Nationalität“ eines Autos aussagt.
Bereits seit dem Sommer 1994 sind alle Hersteller verpflichtet, für jeden Neuwagen den Anteil des in den USA geschöpften Wertes zu nennen. Der „American Automobile Labeling Act“ verlangt von Pkw-Händlern zudem, auch den Ort der Endmontage sowie die Herkunft von Motor und Getriebe auf einem Aufkleber an jedem Auto zu nennen.
Potenzielle Käufer können darüber hinaus auf den Internetseiten der Highway-Sicherheitsbehörde NHTSA die Amerika-Quote jedes aktuellen Modells recherchieren. Im Falle des Jeep Compass sind das 69 Prozent.
Foto: PRSeit Jahren ist der F-150 das meistverkaufte Auto der USA. Aber es ist bei Weitem nicht das amerikanischste, denn das AALA-Label weißt lediglich 70 Prozent aus – das können andere, auf den ersten Blick weniger amerikanische Autos besser.
Immerhin macht es der Ford besser als die Nummer zwei der Zulassungsstatistik, der Chevrolet Silverado: Der ist nur zu 38 Prozent amerikanisch.
Foto: PRDer Honda Accord kommt in der Zulassungsstatistik auf Rang neun – in den USA, nicht in Deutschland. Mit 70 Prozent amerikanischer Fertigung reicht es zwar nicht fürs Podium, dennoch lässt die vermeintlich japanische Limousine etwa einen Chevrolet Malibu oder Impala weit hinter sich.
Foto: PRAuf denselben Wert kommt der Acura MDX. Das Crossover der Honda-Nobelmarke Acura wird bei uns nicht verkauft und hat es auch in den USA nicht in die Top 50 geschafft. Wenn es nach der Logik von Donald Trump geht, sollte sich das bald ändern.
Foto: PRIn Amerika hat der SUV-Boom einst begonnen, nirgendwo sonst werden so viele SUV gebaut. Einige der Modelle werden auch nur für den nordamerikanischen Markt gefertigt. Wie das folgende Trio aus dem Hause General Motors: Der GMC Acadia ist zu 71 Prozent amerikanisch und wird nicht nach Europa exportiert.
Foto: PRDer Acadia teilt sich die sogenannte GM-Lambda-Plattform mit dem Buick Enclave, der ebenfalls auf 71 Prozent kommt.
Foto: PRDas Trio rundet der technisch baugleiche Chevrolet Traverse ab – mit 71 Prozent das amerikanischste GM-Modell.
Foto: PRSieh da, ein vermeintlich deutsches Auto ist amerikanischer als ein Chevrolet: Die Mercedes C-Klasse wird für den US-Markt in dem Werk Tuscaloosa, Alabama gebaut und schlägt mit seinen 72 Prozent jeden Ford und Chevrolet.
Die ebenfalls in Tuscaloosa gebauten GLE (65 Prozent) und GLS (62 Prozent) kommen auf geringere Werte, aber immer noch besser als der in Chattanooga, Tennessee, gebaute VW Passat (30 Prozent).
BMW wird in der 2017er-Liste noch nicht geführt. Audi rangiert nur zwischen 0 und 1 Prozent – die Ingolstädter haben kein Werk in den USA.
Foto: PRDer Jeep Wrangler ist das Urgestein der amerikanischen Offroad-Marke und wird in Toledo, Ohio gefertigt. Mit seinen 73 Prozent (Zweitürer: 72 Prozent) geht er als amerikanisches Auto durch – obwohl Jeep bekanntlich zu Fiat-Chrysler Automobiles gehört.
Und das ist ein italienisch-amerikanischer Konzern mit steuerlichem Sitz in den Niederlanden, einem Hauptsitz in London und einem italienisch-kanadischen Chef.
Foto: PRDas amerikanischste aller amerikanischen Autos kommt von keiner amerikanischen Marke. Der Toyota Camry ist zu 75 Prozent amerikanisch, wird in Kentucky montiert und bekommt dort auch Motor und Getriebe aus amerikanischer Produktion eingepflanzt.
Donald Trump besitzt zwar einen beträchtlichen Fuhrpark, ob ein Toyota Camry darunter ist, ist aber nicht überliefert. Immerhin dürfte es Trump erspart bleiben, künftig Toyota fahren zu müssen: Der Secret Service wird wohl weiter auf die gepanzerte Präsidenten-Limousine bestehen. Und das ist ein Cadillac.
Foto: PRIn den nächsten Jahren werden in Nordamerika nur noch der gut verkaufte Mustang und der neue Focus Active Crossover angeboten. Stattdessen setzt der Konzern auf mehr SUV-Modelle und Pick-up. Der Ford F-150, ein riesiger Pick-up steht seit 30 Jahren an der Spitze der US-Zulassungsstatistik und wurde alleine 2017 weltweit mehr als eine Million Mal verkauft.
Dabei zeigt die Zulassungsstatistik sehr deutlich: Amerikaner wollen große Autos. Neben den SUVs und Crossover boomen vor allem die Pick-ups: Jene spritfressende rund fünf Meter lange Pritschenwagen mit großer Ladefläche stehen für das amerikanische Lebensgefühl. Jedes sechste Auto, das in den USA im vergangenen Jahr verkauft wurde, war ein Pick-up.
In den vergangenen neun Jahren ist der Markt-Anteil der SUVs und Pickups von 50 Prozent auf 65 Prozent im Jahr 2017 gestiegen, zeigen die Zahlen des Marktforschungs-Instituts LMC Automotive. Und sie wachsen weiter.
Jessica Caldwell, Analystin des Auto-Bewertungshauses Edmunds, begrüßt darum den Vorstoß. „Für Ford könnte es genau das sein, was die Marke braucht“, sagte sie der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Aber der Schritt ist nicht ohne Risiko: Ford vergrault bewusst seine traditionellen Kunden und gibt Marktanteile ab“, mahnt Caldwell.
Auch der größte amerikanische Autohersteller wagt allerdings den schleichenden Umstieg auf größere Modelle: General Motors kündigte an, die Schichten in seiner Fabrik in Lordstown in Ohio herunterzufahren, wo der Chevrolet Cruze Sedan gebaut wird. Gleichzeitig führt GM in Tennessee gerade die dritte Schicht ein: Dort wird der SUV GMC Acadia und der Cadillac XT5 Crossover gebaut.
Bei Fiat Chrysler hat sich die Abkehr von traditionellen Limousinen und Kleinwagen bereits bezahlt gemacht. Im ersten Quartal ist der Umsatz in den USA, Kanada und Mexiko zwar auch wegen des schwachen Dollars gegenüber dem Vorjahr zwar leicht gesunken. Aber die Region machte auch in den ersten drei Monaten immer noch mehr als 60 Prozent des Gesamt-Umsatzes von 27 Milliarden Euro und mehr als drei Viertel des operativen Gewinns von 1,6 Milliarden Euro aus.