VDMA-Jahrespressekonferenz: „Keine Festung Europa“: Maschinenbau-Verband warnt vor Entkoppelung von China
Laut der jüngsten Umfrage des VDMA sehen 74 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit durch Lieferengpässe gravierend oder merklich beeinträchtigt.
Foto: dpaFrankfurt. Die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer konnten sich im Jahr 2022 trotz diverser Probleme behaupten. „Wir sind zuversichtlich, unser Ziel eines realen Produktionswachstums von einem Prozent in diesem Jahr zu erreichen, und halten auch an unserer Prognose für das kommende Jahr fest“, erklärte Karl Haeusgen, Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA), am Dienstag auf der Jahrespressekonferenz in Frankfurt.
Ursprünglich hatte die Branche vor einem Jahr, also vor Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs, ein Produktionsplus von real sieben Prozent für 2022 anvisiert. Die Maschinenproduktion wird jedoch durch Schwierigkeiten in den Lieferketten und Materialengpässe beeinträchtigt. „Die hohe Inflation und der Ukrainekrieg mit all seinen Folgen werden auch unsere Branche noch lange belasten. Materialengpässe und Schwierigkeiten in der Lieferkette dauern an, zudem kehren immer mehr Staaten zu protektionistischen Maßnahmen zurück.“
Laut der jüngsten Blitzumfrage des VDMA von Anfang Dezember, an der mehr als 600 Mitgliedsfirmen teilnahmen, sehen 74 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit durch solche Engpässe gravierend oder merklich beeinträchtigt. Zwar rechnet der Verband mit einem Produktionsrückgang von zwei Prozent für 2023 – dies sei jedoch weit entfernt von Rückschlägen früherer Jahre – und von einer Krise, so Haeusgen.
Vor dem Hintergrund anhaltender Handelsspannungen zwischen Europa und China hat der VDMA erstmals eine umfassende China-Position erarbeitet. Denn die aggressive Wirtschaftspolitik der chinesischen Regierung stellt vor allem die mittelständische Industrie vor neue Schwierigkeiten. „Wandel durch Handel funktioniert mit der aktuellen Regierung nicht mehr,“ so Haeusgen. Dies sei allerdings zu Beginn der Regierungszeit von Xi Jinping nicht absehbar gewesen.
Konkurrent China „hellwach“
Der Markt China sei kurz- und mittelfristig allerdings nicht ersetzbar. Deshalb dürften etwa Instrumente zur Förderung der Exporte nach China nicht abgeschafft werden, sagte Haeusgen. Es könne noch immer gelingen, China in der Wirtschaftsgemeinschaft der Welt zu halten. Die Volksrepublik sei zudem mit einem Anteil von 13,4 Prozent der wichtigste ausländische Maschinenlieferant Deutschlands. „Der Konkurrent ist hellwach“, warnte Haeusgen.
Es sei daher richtig, dass die Bundesregierung eine Neubewertung des Verhältnisses zu China vornehme. Zudem solle die EU das Mercosur-Abkommen endlich umsetzen und weitere Freihandelsabkommen mit Partnerländern in Asien abschließen, empfiehlt der VDMA. Als Beispiel wird in der China-Position etwa Indien genannt. „Es gilt, den EU-Binnenmarkt vor unfairen Handelspraktiken aus Drittstaaten zu schützen, vor allem aus China. Dabei muss es aber immer eine Balance zwischen offensiven und defensiven Handelsinstrumenten geben.“ Eine „Festung Europa“ dürfe es nie wieder geben, so Haeusgen.
Das neue Anti-Inflations-Paket der USA wirke sich bislang kaum auf den heimischen Maschinenbau aus, sagte Haeusgen. Denn die US-amerikanischen Steuergutschriften stünden ausschließlich für Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien zur Verfügung. Dennoch bereiten die aktuellen Spannungen zwischen der EU und den USA den Maschinenbauern Sorgen. Es gebe eine intensive Debatte zur Frage, „ob Europa eine signifikante Verlagerung von Industriewertschöpfung und Arbeitsplätzen in die USA droht“, erklärte der VDMA-Präsident. Denn in bestimmten Bereichen wie Windenergie oder Wasserstoff könnten Investoren amerikanische Projekte den europäischen vorziehen.
Fachkräftemangel bremst
Laut der VDMA-Umfrage schaut knapp die Hälfte der befragten 600 Firmen optimistisch oder verhalten optimistisch ins neue Jahr. Die Erwartungen dämpft allerdings, dass in der Branche in naher Zukunft etwa zehn Prozent der Arbeitskräfte in Rente gehen werden, so Haeusgen.
Denn neben Lieferkettenproblemen bremse vor allem der Fachkräftemangel die Produktion: Etwa 14.000 Stellen sind im Maschinenbau laut VDMA aktuell unbesetzt. Der allgemeine Fachkräftemangel führt zudem dazu, dass nahezu alle befragten Firmen (97 Prozent) Engpässe bei der Besetzung spüren.