Claudia Buch: Eine Datenjägerin für den Sachverständigenrat
Zukünftige Wirtschaftsweise Claudia Buch.
Foto: dapdFrankfurt, London. Für gute Daten ist Claudia Buch kein Weg zu weit. Immer wieder ist sie in den 90er-Jahren nach Osteuropa gereist: Prag, Warschau, Budapest, Tallinn. Die Archive der Notenbanken waren stets ihr Ziel. Nur dort hatte sie Zugriff auf die detaillierten Statistiken zur Lage der Banken, die sie so dringend für ihre Forschung brauchte. Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums untersuchte die junge Ökonomin, was passiert, wenn Bankensysteme vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Ein ziemlich mühsames Forschungsprojekt, denn elektronisch verfügbar waren die Statistiken damals nicht. "Wir haben in den Zentralbanken lediglich Ausdrucke von Zahlenreihen in die Hand gedrückt bekommen", erinnert sich Buch.
Der Aufwand hat sich gelohnt: Heute ist die 45-jährige Wissenschaftlerin eine der führenden deutschen Experten für Finanzmarkt-Ökonomie. Kommende Woche wird Buch, seit 2004 VWL-Professorin an der Universität Tübingen, in den Sachverständigenrat berufen - und wird damit eine der wichtigsten Wirtschaftsberaterinnen der Bundesregierung.
Buch gehört zu einer neuen Generation von Wirtschaftswissenschaftlern, die wenig von ordnungspolitischen Grundsatzdiskussionen und wirtschaftspolitischer Prinzipienreiterei halten. An Forschungsfragen geht sie pragmatisch und ohne Vorurteile heran - das, was die Daten sagen, ist für ihr Urteil entscheidend. "Ich forsche ergebnisoffen, sagt sie selbst.
Alte Weggefährten bestätigen das: "Claudia Buch ist nicht auf der Suche nach einer Wahrheit, die die Welt erklärt", sagt Holger Schmieding. Der heutige Chefökonom der Berenberg Bank stellte Buch 1992 beim Kieler Institut für Weltwirtschaft ein. Nicht nur ihre fachlichen Kenntnisse hätten ihn überzeugt. "Beeindruckt hat mich auch ihre offene Art, wissenschaftliche Diskussionen zu führen."
Buch selbst war und ist politisch nicht aktiv, einer Partei gehörte sie nie an. Auch wirtschaftspolitisch will sie sich in keine Schublade stecken lassen. Keynesianismus? Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik? "Das greift mir zu kurz", sagt sie, "das ist schwarz-weiß." All das bedeutet nicht, dass die Ökonomin klare Aussagen und radikale Thesen scheut - sie müssen nur solide begründet sein.
So pocht sie zum Beispiel seit Jahren darauf, dass der Staat der Finanzbranche deutlich kritischer auf die Finger schauen soll - und die Banken zwingen, höhere Eigenkapitalpuffer aufzubauen. In einer Reihe von Arbeiten hat sie festgestellt: Deregulierung der Banken ist keine Garantie für makroökonomische Stabilität - der Staat kann sich nicht darauf verlassen, dass ein entfesseltes Finanzsystem per se stabil funktioniert. Buch hat das schon lange Jahre vor Ausbruch der Finanzkrise propagiert - zu einer Zeit, als der Mainstream in der Volkswirtschaftslehre noch der Meinung war, der Finanzsektor funktioniere effizient und sich daher gar nicht die Mühe machte, Banken in Modellen abzubilden.
Schon fünf Jahre vor Ausbruch der Finanzkrise kratzte Buch an dem damals in ihrem Fach verbreiteten Glauben, die Deregulierung des Finanzsystems sei für die lange Phase der makroökonomischen Stabilität verantwortlich, die die Welt seit den 80er-Jahren erlebte. Sie zeigte schon 2002 mit Langzeitdaten aus den wichtigsten Industrieländern: Es gibt Phasen, in denen ein entfesseltes Finanzsystem Aufs und Abs der Realwirtschaft verstärkt.
Die Bedeutung des Bankensystems für die Realwirtschaft, das ist eines der Kernergebnisse ihrer Forschung, lässt sich kaum überschätzen. Je besser der Zugang einer Firma zu Krediten ist, desto schneller expandiert sie, stellte Buch anhand von Firmendaten aus Deutschland fest. Auch die internationale Expansion von Unternehmen steht und fällt mit ihrem Zugang zu günstiger Finanzierung. Und wenn Banken weniger Kredite vergeben, weil sie in Schieflage geraten sind, zieht das die Konjunktur nach unten.
Regelmäßig weist die Forscherin darauf hin, dass es in der Wissenschaft weit mehr offene Fragen als Antworten gibt - auch in ihrem eigenen Fachgebiet. "Das empirische Wissen zu den Folgen der internationalen Finanzmarkt-Integration ist gering", betonte sie 2009 auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik. Gegen Pauschalkritik nimmt sie ihr Fach aber in Schutz: "Die Ökonomie hat weder vor noch in der Krise versagt", sagt sie. "Einige Fragen können wir beantworten, andere nicht."
Die Suche nach Antworten auf große Fragen hat Buch zum VWL-Studium getrieben. Ursprünglich wollte sie danach Journalistin werden - dann aber ließ sie die tiefe, detaillierte Auseinandersetzung mit ökonomischen Fragen nicht mehr los.
Neben der Finanzwelt gehören Globalisierung und Arbeitsmärkte zu ihren großen Forschungsthemen. Auch hier hat Buch eine große Vorliebe für möglichst konkrete Daten. So zeigte sie anhand von Firmenstatistiken aus Deutschland: Arbeitnehmer, die bei international engagierten Großkonzernen beschäftigt sind, laufen keineswegs größere Gefahr, ihren Job zu verlieren. Die These, die Arbeitnehmer seien die großen Verlierer der Globalisierung, lasse sich nicht bestätigen.
Allerdings verschließt Buch nicht die Augen vor den Risiken der Globalisierung: Die Kluft zwischen Reichen und Armen nehme dadurch zu, und den Menschen werde eine immer größere Flexibilität abverlangt. "Die steigende Ungleichheit und die höhere Unsicherheit können dazu führen, dass der Widerstand gegen Globalisierung wächst", warnte sie schon 2007 in einem Positionspapier.
Die Sorgen um die schwindende Akzeptanz der Marktwirtschaft machte sie auch zum Thema, nachdem sie den Vorsitz im Wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsministeriums übernahm. In einem Gutachten betonte der Beirat: "Eine als ungerecht empfundene Verteilung von Chancen und Risiken stellt für viele Bürger den zentralen Kritikpunkt am marktwirtschaftlichen System dar." Zumindest teilweise sei dieser Eindruck gerechtfertigt.Die starke Betonung von Fairness- und Verteilungsfragen gefiel nicht all ihren Beiratskollegen. "Durch dieses Gutachten weht der Wind der wirtschaftlichen Freiheit nicht, der Freiheit, die Glück und Scheitern mit sich bringt", schrieb der ehemalige Wirtschaftsweise Olaf Sievert in einem Brandbrief an Buch. Es werde zu viel Wert auf gerechte Ergebnisse gelegt.
Intern kämpfte Buch für ihre Sichtweise - in der Öffentlichkeit kommentiert sie den Disput bis heute nicht. Typisch Claudia Buch.