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Galerien in der Coronakrise Die staatlichen Konjunkturhilfen gehen bislang an der Realität vorbei

Das Wirtschafts- und Kulturministerium wollen Corona-bedingte Umsatzeinbußen abmildern. Doch trotz Stützmaßnahmen blicken die Galerien in eine unsichere Zukunft.
21.01.2021 - 12:34 Uhr Kommentieren
Auch von außen vermittelt die Ausstellung
Galerie Thomas Schulte

Auch von außen vermittelt die Ausstellung "Bikini on Mars" (2020) einen Blick auf die Arbeit von Thomas Mueller.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Galerie Thomas Schulte)

Düsseldorf „Soforthilfe“, „Neustart Kultur“, „Überbrückungshilfe III“ – die so bezeichneten staatlichen Corona-Hilfsprogramme für Galerien hören sich an, als handele es sich um Startkabel, die einen stotternden Motor wieder in Gang bringen sollen. Das tun sie auch, aber nicht alle gleich schnell und unkompliziert.

Am einfachsten verhielt es sich noch mit den Zuwendungen aus der sowohl beim Bund als auch bei den Ländern zu beantragenden Soforthilfe und dem projektbezogenen Programm Neustart Kultur. Dahinter steht Staatskulturministerin Monika Grütters. Erkämpft hat es der Berliner Galerist Thomas Schulte.

Ohne Soforthilfe und Neustart Kultur hätte etwa die in Berlin ansässige Galerie für zeitgenössische Kunst, Semjon Contemporary, nicht überlebt. Das schreibt Inhaber Semjon Semjon in seinem jüngsten Newsletter. „Fix und relativ unbürokratisch“ sei er im Frühjahr 2020 an das Geld gekommen. Und die Zuwendung aus dem im Herbst aufgelegten Neustart-Kultur-Programm hilft ihm nun über die ersten fünf Monate des neuen Jahres. Sie soll dem Ausbau seiner digitalen Infrastruktur und dem Ausstellungsprogramm zugute kommen.

Auch Galerist Philipp von Rosen erhielt Soforthilfe. Da 2020 am Ende aber doch besser als erwartet gelaufen war, hat er die Unterstützung in Höhe von 9000 Euro bereits zum größten Teil zurückgezahlt. Erfolgreich bewarb sich der Kölner auch für Neustart Kultur. Von den über 21.000 Euro beantragten Produktionskosten für eine Ausstellung von Arcangelo Sassolino muss er selbst zehn Prozent übernehmen, sodass er unter dem Strich rund 19.000 Euro erhält.

Blick in die Ausstellung
Semjon Contemporary

Blick in die Ausstellung "geschnitten und gerieben" mit Arbeiten von Renate Hampke, Susanne Pomrehn, Ursula Sax, Li Silberberg und Stefan Thiel.

(Foto: Foto Galerie; VG Bild-Kunst, Bonn für Hampke, Pomrehn und Sax)

Auch wenn von den für Neustart Kultur avisierten 16 Millionen Euro aus dem Hause Grütters nur 8,2 Millionen Euro ausgegeben werden können, weil sich nicht so viele bewarben wie erwartet: Etwa 400 von knapp 500 Bewerbern konnte der mit der Verteilung beauftragte Kunstfonds erreichen. Nun soll mit den restlichen 7,8 Millionen eine zweite Runde ausgeschrieben werden. Galerien können sich bis 15. Mai mit Projektkosten zwischen 5000 und 35.000 Euro für den Umsetzungszeitraum vom 1. Juli bis 30. September 2021 bewerben.

Schwieriger ist es mit den von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Aussicht gestellten Überbrückungshilfen. Ausschließlich Steuer-, Wirtschaftsberater oder vereidigte Buchführer können sie beantragen. „Die Regelungen sind hinsichtlich ihrer Voraussetzungen sehr unübersichtlich und unterliegen ständigen Änderungen“, erläutert Florian Greiner von der Kölner Steuerberatungskanzlei Deltax. Grundsätzlich gehe es um die Erstattung von Fixkosten bei Umsatzrückgängen.

NRW-Galerien durften öffnen

Deutlich einfacher und großzügiger waren laut Greiner die Regelungen der sogenannten Novemberhilfe. Sie gewähren Unternehmen, die aufgrund des strengen Lockdowns ab 1. November 2020 schließen mussten, einen finanziellen Ausgleich in Höhe von 75 Prozent des Vorjahresumsatzes. Diese Förderung zielte schwerpunktmäßig auf die Gastronomie- und Zulieferbetriebe. Galerien und Einzelhandel waren ausgeschlossen.

Erschwerend kommen Unklarheiten und Unterschiede bei der Umsetzung in den einzelnen Bundesländern hinzu. So waren Galerien neben Museen und Theatern in der Schließungsverfügung des Landes NRW zwar explizit genannt und somit vom Wortlaut auch zuschussberechtigt; Wirtschaftsministerium und Bezirksregierungen meinten aber offenbar nicht die Galerie als Einzelhändler. So durften die nordrhein-westfälischen Kunstgalerien nach Voranmeldung doch Kunden empfangen, mit der Folge, dass auch in NRW eine Förderung auf Basis der Novemberhilfe „zumindest strittig ist“, wie Greiner formuliert.

Blick in die Ausstellung
Galerie Philipp von Rosen

Blick in die Ausstellung "Markus Huemer: The Oranges Don’t Like the Kiwis in the Painting"

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Simon Vogel)

Inzwischen gibt es die Überbrückungshilfe III. Sie soll Galerien zu Gute kommen, die von der allgemeinen Schließung betroffen sind, die Bund und Länder am 13. Dezember 2020 beschlossen. Dabei handelt es sich um eine prozentual am Umsatzrückgang bemessene Fixkostenförderung.

40 Prozent beträgt die Fixkostenförderung bei 30- bis 50-prozentigem Umsatzrückgang, 50 Prozent bei einem Rückgang von 50 bis 70 Prozent und 90 Prozent bei Einbußen von mindestens 70 Prozent des Umsatzes. Als Fixkosten gelten nicht nur die regelmäßigen Kosten wie Miete, Wasser, Strom, Telefon und in geringfügigem Ausmaß Angestelltengehälter, sondern in begrenztem Maße auch der Unternehmerlohn.

Beantragt werden kann die Überbrückungshilfe III für die Monate April bis Dezember, für November und/oder Dezember 2020 sowie für Januar bis Juni 2021. Für den Zeitraum April bis Dezember gilt als Bemessungsgrundlage gesondert ein Umsatzrückgang von mindestens 30 Prozent oder mindestens 50 Prozent in zwei aufeinander folgenden Monaten. Die Antragsbedingungen ändern sich jedoch täglich, da das Ministerium von Peter Altmaier permanent nachjustiert.

Wie geht es Deutschlands Galerien? „Ich sehe kein flächendeckendes Strukturproblem“, antwortet Greiner. Ihre Situation sei, wie allerdings auch schon vor Corona-Zeiten, extrem heterogen. Viele Galerien hätten Schwierigkeiten, nur wirke sich die Situation sehr unterschiedlich aus und es gebe tatsächlich auch Marktteilnehmer, die keinerlei Einbuße spürten. „Quantitativ geht es aber mehr Galerien schlechter als besser, das war aber natürlich vor Corona auch schon schwierig“, ergänzt der Kölner Steuerberater. „Wahrscheinlich können wir erst im Laufe des Jahres absehen, ob und welchen bleibenden Schaden diese Situation auf dem deutschen Kunstmarkt verursacht hat.“

Für den Berliner Galeristen Thomas Schulte gehen die staatlichen Hilfen an der Realität seiner Branche bislang vorbei. Das Mindeste, was wir bräuchten, wäre der Zutritt zur November-Dezemberhilfe zuzüglich zur Überbrückungshilfe. Außerdem moniert Schulte, dass die Fixkosten im Endeffekt einen viel zu geringen Teil der Gesamtkosten ausmachen würden. Insbesondere würden Gehälter bei der Überbrückungshilfe nur zu einem sehr geringen Anteil den Fixkosten zugerechnet werden können.

Schulte spricht der Politik jedoch auch Anerkennung aus: „Sowohl das Bundeswirtschaftsministerium als auch das Haus von Monika Grütters gehen konstruktiv und zügig auf die Einwände dieser und anderer Branchen ein.“

Blick in die Ausstellung Dave Grossmann, SEMI COLLAPSE Quelle: Dave Grossmann
Semjon Contemporary

Blick in die Ausstellung Dave Grossmann, SEMI COLLAPSE

(Foto: Dave Grossmann)

„Leiderprobt“ sind nach Auffassung des Hamburger Kunsthändlers Thole Rotermund die kleinen und mittleren Galerien. Sie sind allerdings auch flexibel und gewöhnt an ein unregelmäßiges Einkommen. Rotermund, der auch Schatzmeister im Bundesverband deutscher Galerien und Kunsthändler ist, hat seinen Steuerberater gebeten, zu überprüfen, ob die Überbrückungshilfe auch für ihn in Betracht kommt.

Von einer großen, international aufgestellten deutschen Galerie weiß Rotermund, dass es knapp werden könnte. Die Gründe liegen auf der Hand: Sie haben hohe Fixkosten, weil Mieten und Angestelltengehälter an allen Standorten fällig werden. Die Pandemie hält sich nicht an Grenzen.

Auch die Ausgaben gehen runter

Betroffen sind aber auch die mittleren Galerien ohne internationales Standbein, insbesondere jene, die mit erklärungsbedürftiger zeitgenössischer Kunst handeln. Größtes Manko sind die wegfallenden Messen.

Dem Münchener Galeristen Walther Storms fehlen beispielsweise die Umsätze der „Art Cologne“ und der „Art Dubai“. „Diese Messen kosten zwar einen Haufen Geld, aber sie bringen auch was.“ Er sei deswegen nicht pleitegegangen, denn gleichzeitig seien auch die Ausgaben zurückgegangen. Überbrückungshilfe habe er noch nicht beantragt.

„Das Persönliche ist futsch“

Am negativsten schlagen für Storms die fehlenden Kontakte zu Buche. „Das Persönliche ist total futsch“, erläutert der Rheinländer. Sie fehlen auch Philipp von Rosen. Den kommenden Monaten sieht er deshalb skeptisch entgegen: „Es ist völlig unklar, was die Zukunft bringt.“ Man könne niemanden besuchen. Mit Leuten an einem Tisch zu sitzen, das ginge eben nicht. So fehle das Fluidum, das Kaufentscheidungen hervorbringt.

Besser geht es dem, der nicht auf Messen angewiesen war und sein Onlinegeschäft ausgebaut hat. Das funktioniert gut mit Papierarbeiten des 18. und 19. Jahrhunderts. „Uns ging es 2020 nicht schlecht“, erklärt Aurelio Fichter, der in Frankfurt den vom Vater begründeten Kunsthandel weiterführt. Mit jungen, internetaffinen Mitarbeitern baute er über Jahre sein Digitalgeschäft aus. 30 Prozent Umsatzsteigerung gegenüber 2019 sind das Ergebnis, „alles online“, betont Fichter. „Es lohnt sich, breit aufgestellt zu sein.“

Mehr: Zehnjahresjubiläum: Programmaufbau, Sammlerpflege, Künstlerförderung: So stellt eine Galeristin die Weichen für die Zukunft

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