Dax: Anlegerstimmung ist so gut wie seit zehn Monaten nicht mehr
Düsseldorf. Der deutsche Leitindex Dax schraubt nahezu wöchentlich sein Rekordhoch nach oben. Dadurch hat er sich der Marke von 20.000 Punkten angenähert. Das hievt die Anlegerstimmung auf das höchste Niveau seit Dezember des vergangenen Jahres, wie das Ergebnis der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment zeigt.
Dafür befragt das Handelsblatt jeden Freitagmorgen knapp 9000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer aktuellen Markteinschätzung. Die Antworten wertet Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, aus und ergänzt sie um weitere Indikatoren.
Das Ergebnis der aktuellen Umfrage zeigt, dass die Anlegerstimmung (Sentiment) auf 5,2 Punkte gestiegen ist. Besser war die Stimmung zuletzt in der Auswertung vom 4. Dezember des vergangenen Jahres, als sich der Dax in seiner Jahresendrally befand.
Das ist eine Entwicklung, die laut Sentiment-Theorie gefährlich ist: Denn ab einem Wert von vier gilt die Anlegerstimmung als extrem, was ein Kontraindikator sein kann. Wenn viele Anleger bereits optimistisch sind, sind sie wahrscheinlich bereits investiert. Dadurch können neue Käufer fehlen, die die Kurse weiter nach oben treiben.
Ein Beispiel für diese Theorie findet sich in diesem Jahr: Der bislang höchste Wert für die Anlegerstimmung wurde mit 4,9 Punkten Mitte Mai erreicht. Der Dax stieg kurz danach zwar auf ein neues Rekordhoch, gab von dort bis Anfang August aber um knapp zehn Prozent nach.
In der aktuellen Situation ist auch die Selbstzufriedenheit mit 4,1 Punkten sehr hoch. Sie zeigt an, wie viele Anleger die jüngste Kursentwicklung erwartet und sich entsprechend positioniert haben. Das ist ebenfalls die beste Stimmung seit Dezember 2023.
Extrem gute Anlegerstimmung kann aber durchaus länger mit steigenden Kursen einhergehen, stellt Heibel klar und zieht einen Vergleich zu Partys: „Gute Feiern dauern auch häufig länger, als man dies für möglich hält.“
Ein Beispiel dafür liefern der vergangene November und Dezember: Hier notierte die Anlegerstimmung fünf Wochen lang im Extrembereich. In diesem Zeitraum stieg der Dax um sechs Prozent.
Gute Stimmung allein zeigt keine Schieflage an
Das ist kein Einzelfall, wie Heibel ausgerechnet hat. „Eine vergleichbare Stimmung gab es in den vergangenen 18 Jahren bereits mehr als 60 Mal. Und im Durchschnitt folgte eine Dax-Entwicklung, die in den folgenden sechs Monaten um ein Prozent besser ausfiel, als der Dax historisch ohnehin zulegt.“
Der Sentiment-Experte stellt daher fest: „Gute Stimmung alleine sowie eine große Selbstzufriedenheit reichen nicht aus, um eine Stimmungsschieflage zu begründen.“
Wichtig ist auch, wie Anleger die künftigen Aussichten bewerten. Mitte Mai beispielsweise bewerteten die Befragten die Zukunftsaussichten schlecht und erwarteten in drei Monaten mehrheitlich fallende Kurse. Dadurch lag der Umfragewert, der die Anlegererwartungen abbildet, bei minus 2,6 Punkten. Diesmal ist das anders. Anleger werden zwar vorsichtiger, die Erwartungen sind mit 1,4 Punkten aber immer noch positiv.
Auch ist diesmal noch Kaufbereitschaft vorhanden: Mitte Mai war sie negativ bei minus 0,6 Punkten, Anleger wollten also verkaufen. Diesmal liegt sie bei plus 1,7 Punkten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, ob sich Anleger gegen fallende Kurse abgesichert haben. Ist das nicht der Fall, kann es schnell zu einem Ausverkauf kommen, wenn die Kurse nach unten drehen, weil die Anleger dann schnellstmöglich ihre Gewinne sichern wollen.
Sind die Absicherungen dagegen hoch, wirken sie wie ein Sicherheitsnetz. Denn die Absicherung über Put-Optionen funktioniert praktisch wie Leerverkäufe. Das bedeutet vereinfacht formuliert: Kauft ein Anleger ein Put-Produkt auf den Dax, muss die Bank im Hintergrund den Dax verkaufen. Und beim Verkauf des Derivats muss der Dax wieder zurückgekauft werden.
Absicherungen auf dem höchsten Stand seit zwölf Monaten
Daten der Börse Stuttgart zufolge ist das Absicherungsbedürfnis derzeit auf dem höchsten Stand der vergangenen zwölf Monate. „Viele Anleger scheinen die gefährliche Euphorie zu erkennen. Es werden extrem viele Absicherungsprodukte nachgefragt, mit denen sich Anleger gegen fallende Kurse absichern“, erklärt Heibel.
Kursrücksetzer dürften dadurch in der aktuellen Situation frühzeitig abgefangen werden. Denn lösen Anleger diese bei fallenden Kurse ein, schwächen die dafür notwendigen Käufe den Abwärtstrend ab oder stoppen ihn sogar ganz. Hinzu kommt der gesunde Optimismus unter den Anlegern – fallende Kurse dürften dann als Chance zum Nachkaufen betrachtet werden.
Sollten die Kurse dagegen weiter steigen, könnten die Absicherungspositionen ebenfalls aufgelöst werden. „Die Käufe, die dazu notwendig würden, sorgen dann für einen verstärkten Kaufdruck, sodass die Rally dadurch eine weitere Unterstützung erfährt“, sagt Heibel, der auch einen Börsenbrief mit dem Namen „Heibel-Ticker“ herausgibt.
Sein Fazit lautet daher: „Unsere Sentimentanalyse zeigt ein stimmiges Bild. Alles in allem ist nahe den Allzeithochs im Dax eine Verschnaufpause oder gar ein Rücksetzer überfällig. Doch eine entsprechende Verschnaufpause dürfte eine Kaufgelegenheit darstellen.“
Sie wollen an der Umfrage teilnehmen? Dann lassen Sie sich automatisch über den Start der Sentimentumfrage informieren und melden Sie sich für den Dax-Sentiment-Newsletter an. Die Umfrage startet jeden Freitagmorgen und endet Sonntagmittag.