Nach dem Absturz: Bank, Kerngeschäft, Landesgesellschaften: Immer mehr Interessenten für Wirecard-Teile
Die Holding des Zahlungsdienstleisters hat Insolvenz angemeldet.
Foto: dpaFrankfurt, München. „Unsere Telefone stehen nicht mehr still“, sagt der Wirecard-Manager. „Wir brauchen so schnell wie möglich eine Entscheidung.“ Wer erwartet hatte, dass beim Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München, dessen Holding Ende Juni nach dem Auffliegen eines möglichen Bilanzbetrugs in Milliardenhöhe Insolvenz angemeldet hatte, Ruhe einkehrt, hat sich getäuscht. Im Gegenteil: Manche Mitarbeiter in der Zentrale und im Homeoffice haben mehr zu tun denn je.
Besonders zwei Bereiche sind gefordert, berichten Insider: Der Vertrieb muss die Kunden beruhigen, die nach dem Absturz des Ex-Börsenlieblings schwer verunsichert sind – und bereits in Scharen zur Konkurrenz wechseln. Und das Management muss die anklopfenden Interessenten betreuen, die nach den lukrativsten Stücken Ausschau halten – und dabei verborgene Werte von versteckten Risiken trennen müssen.
Das Interesse an Einzelteilen des insolventen Zahlungsdienstleister ist groß. Waren es am Mittwoch mehr als hundert Interessenten, die laut dem vorläufigen Insolvenzverwalter Michael Jaffé ihr Interesse angemeldet haben, so ist diese Zahl informierten Kreisen zufolge seither noch einmal deutlich gewachsen.
„Es kommen beinahe stündlich neue Anfragen“, sagte eine mit der Sache betraute Person. Noch handelt es sich dabei um ein vorläufiges Interesse. Denn bisher ist für viele mögliche Käufer nicht klar, was sich hinter der Fassade des einstmals schillernden Dax-Wertes verbirgt.
Aufklärung versprechen die virtuellen Datenräume, die der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé, ein Spezialist für schwierige Fälle mit hoher Erfolgsquote, derzeit öffnet. Es wird mehrere von ihnen geben, je nach Bereich, für den sich die potenziellen Käufer interessieren. Die ersten waren am Freitag nach Handelsblatt-Informationen bereits geöffnet: die Räume für das Brasilien- und USA-Geschäft. Zahlreiche Bieter stehen Schlange, zum Beispiel die große brasilianische Bank Caixa.
In den Datenräumen können die potenziellen Interessenten mit der Due-Diligence-Prüfung beginnen, bei der die offerierten Unternehmensteile unter die Lupe genommen werden. Davor müssen sie eine Vertraulichkeitserklärung unterschreiben.
Die Bandbreite der Interessenten an den verschiedenen Unternehmensteilen reicht dabei von internationalen Großbanken über Beteiligungsgesellschaften bis hin zu Fintechs und direkten Konkurrenten. Ein Überblick.
1. Die Wirecard Bank
Auf besonderes Interesse stößt unter anderem die Wirecard Bank, für die bisher kein Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Laut der Kanzlei Jaffé werden dort Auszahlungen an Händler und Kunden weiterhin ohne Einschränkungen ausgeführt.
Die Bank hatte zuletzt laut Finanzkreisen eine Kreditlinie von 500 Millionen Euro in Anspruch genommen und weist daher einen auskömmlichen Cash-Bestand aus. Der Restkonzern darf auf die Mittel der Bank nicht mehr zugreifen, seit die Finanzaufsicht Bafin erfolgreich interveniert und einen Sonderbeauftragten bestellt hat. So konnten die Aufseher verhindern, dass weitere Gelder der Bank in das undurchsichtige Wirecard-Firmengeflecht abfließen.
Die kleine Wirecard Bank AG beschäftigt zwar nur 150 der insgesamt 5800 Mitarbeiter des Konzerns. Sie stellt für die Abwicklung der Zahlungsabläufe jedoch so etwas wie das Herzstück dar. Ein möglicher Kaufpreis von 100 Millionen Euro wurde in den vergangenen Tagen wiederholt genannt. Der Informationsdienst Bloomberg meldete zuletzt 18 internationale Interessenten.
Ein Sprecher des Insolvenzverwalters wollte diese Zahl auf Handelsblatt-Anfrage nicht bestätigen und lehnte einen Kommentar ab. Aus Finanzkreisen heißt es, dass die Bank zu den interessantesten Teilen Wirecards gehöre. Grund ist, dass die Bank die am strengsten reglementierte Einheit darstellt. Während für den Gesamtkonzern beispielsweise aufgrund seiner Einstufung als Technologieunternehmen keine deutsche Geldwäscheaufsicht zuständig war, unterlag die Wirecard Bank von Anfang an der Bafin-Kontrolle.
Interessenten spekulieren darauf, dass sich bei einer Übernahme die eingekauften Risiken daher in Grenzen halten. Auch hat die Wirecard Bank einträgliche Geschäftsfelder: Zahlreiche Finanztechnologie-Start-ups nutzen ihre Lizenz gegen Gebühr.
2. Das Kerngeschäft
Aber auch andere Teile Wirecards sind für Investoren grundsätzlich interessant – etwa aus dem Bereich der Zahlungsabwicklung. Speziell das Kerngeschäft von Wirecard, das sogenannte Acquiring & Issuing, möchte der Insolvenzverwalter gerne zu Beginn veräußern, heißt es.
Beim Acquiring übernimmt Wirecard für Händler die Abrechnung von Kreditkartenumsätzen bei Online- und Terminalzahlungen. Die Issuing-Seite wendet sich direkt an den Endkunden, der hierüber Prepaid- oder Debitkarten erhält: Privatkunden nutzen die Karten ebenso wie Unternehmen, die ihre Mitarbeiter im Außendienst oder auf Geschäftsreisen damit versorgen. Über Konten bei der Wirecard Bank können die Kunden zudem ihren Zahlungsverkehr in verschiedenen Währungen abwickeln lassen.
Als potenzielle Interessenten der Wirecard Bank und Teilen der Zahlungsabwicklung galten bislang schon die Deutsche Bank sowie die Berliner Solarisbank. Vorsichtiges Interesse kommt Insidern zufolge aber auch von der französischen Crédit Agricole (CA) und anderen europäischen Großbanken. Offiziell lehnt man bei CA einen Kommentar ab.
Von außen betrachtet könnte ein Engagement der Franzosen Sinn ergeben: Wirecard und CA arbeiten seit Jahren in der Zahlungsabwicklung bei Händlern zusammen. Auch wenn die Turbulenzen in Aschheim zuletzt das Projekt stark behindert haben sollen: Eigentlich sollte die Partnerschaft ausgebaut werden. Wirecard und die CA-Tochter Payment Systems (CAPS) hatten 2019 vereinbart, dass die Franzosen als erste europäische Bank Wirecards Shopping-Lösungen im Bereich E-Commerce nutzen dürfen. Es ging dabei vor allem um neue Akzeptanzstellen für den elektronischen Zahlungsverkehr
Die enge Bindung zwischen Crédit Agricole und Wirecard begann 2018. Die französische Großbank wickelte damals knapp ein Drittel des französischen Zahlungsverkehrs ab und wollte in Zukunft noch mehr digitale und mobile Lösungen anbieten. Bertrand Chevallier, Chef von Crédit Agricole Payment Services, nannte Wirecard „einen der innovativsten Anbieter digitaler Finanztechnologie“.
3. Die Landesgesellschaften
Während die Wirecard Bank vor allem für Interessenten am europäischen Kerngeschäft einen Blick wert ist, interessieren sich andere potenzielle Käufer für einzelne Wirecard-Landesgesellschaften. Manche wurden erst vor wenigen Jahren zugekauft und sind daher recht eigenständig geblieben, etwa die Töchter in Großbritannien oder den USA. Hier prüfen nach Handelsblatt-Informationen auch Wettbewerber, Beteiligungsgesellschaften und Finanztechnologie-Start-ups eine mögliche Übernahme.
Zu den interessierten Wettbewerbern gehören demnach die französischen Unternehmen Ingenico und Worldline sowie der dänische Zahlungsabwickler Nets. Auch der US-Konkurrent Fiserv/First Data soll interessiert sein.
Offen für einen Kauf sind auch Privat-Equity-Häuser, die in Payment-Unternehmen investiert sind. Laut Insidern sind darunter die Beteiligungsgesellschaften KKR und Advent: Diese haben mit dem Erwerb von Heidelpay und Concardis bereits Erfahrungen auf dem Markt gesammelt. Einzelteile von Wirecard könnten ihr Portfolio gut ergänzen, heißt es am Markt.
Unter den großen Fintechs ist der Zahlungsdienstleister Rapyd aus London dabei. Rapyd zählt zu den neuen Wettbewerbern auf dem schwer umkämpften Markt und ist mit fast einer Milliarde Dollar bewertet. Rapyd-Chef Arik Shtilman sagte dem Handelsblatt, man schaue sich Wirecard-Teile an, um zu prüfen, ob etwas zur eigenen Strategie passe. Konkret gehe es etwa um die Brasilien-Einheit. „Aber wir haben noch keine konkreten Schlüsse gezogen.“
Die Risiken bleiben
Bei all dem großen Interesse an den Einzelteilen ist klar, dass etwaige Verkaufserfolge unter dem Vorbehalt der Rechtsrisiken Wirecards stehen. Als wahrscheinlich gilt daher, dass Jaffé auf eine sogenannte übertragende Sanierung setzt – also eine Ausgründung neuer, von der Vergangenheit unbelasteter Einheiten, die dann zugunsten der Gläubiger verkauft werden.
Wie stark die Vergangenheit selbst auf aussichtsreichen Konzernteilen lastet, zeigt das Beispiel USA. Wirecard hatte das US-Geschäft 2016 von der Großbank Citi übernommen; das Prepaid-Kreditkartengeschäft gilt als solide, auch wenn die geplante Banklizenz nicht zustande kam.
Unmittelbar nach der Insolvenz hatte sich die Einheit selbst zum Verkauf gestellt, als Berater fungiert die Investmentbank Moelis. Doch eine allzu hohe Summe dürfte Wirecard North America nicht einspielen: Erst am Mittwoch sorgte unter Investoren die Nachricht für Verunsicherung, dass das US-Justizministerium untersucht, ob Wirecard USA geholfen hat, illegale Zahlungen für Marihuana-Produkte zu verschleiern.
Wie ernsthaft das Interesse der Anfragenden grundsätzlich ist, sei schwierig zu beurteilen, heißt es aus Aschheim. „Einige klopfen nur an, um Informationen abzugreifen“, vermutet ein Manager. Andere seien womöglich nur an Kundendaten interessiert, nicht an Wirecards Technologie und Mitarbeitern.
Klar ist auf dem hart umkämpften Payment-Markt: Größe gewinnt. Da der Aufbau einer Zahlungsplattform mehrere Hundert Millionen Euro kostet, die Abwicklung zusätzlicher Millionenumsätze aber praktisch nichts, ist Größe für die Anbieter entscheidend. Zahlungsdienstleister erhalten nur einen kleinen Teil der transferierten Umsätze. Um dennoch Profit zu machen und Geld für Innovationen zu haben, brauchen sie einen hohen Marktanteil.
Auch deshalb sind praktisch alle Spieler der Branche an Zukäufen interessiert: Wer die Konsolidierung nicht mitgestaltet, wird geschluckt. Das macht Verkaufserfolge für Wirecard-Teile wahrscheinlich – ein Lichtblick für die um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter in Aschheim.