Onlinebroker: Großaktionär Förtsch zieht in den Flatexdegiro-Aufsichtsrat ein
Frankfurt. Die Entscheidung bei Flatexdegiro ist gefallen: Künftig werden Großaktionär Bernd Förtsch und der Aufsichtsratsvorsitzende Martin Korbmacher im Kontrollgremium des Unternehmens zusammenarbeiten.
Dabei hatte Förtsch darauf gesetzt, Korbmacher von der Hauptversammlung des Onlinebrokers abwählen zu lassen. Er selbst hatte den Antrag auf Abwahl Korbmachers gestellt und diesen in den vergangenen Wochen mehrfach stark kritisiert.
Flatex-Gründer Förtsch, der 19,2 Prozent am Unternehmen hält, wirft dem Chefkontrolleur unter anderem „erhebliche Kommunikationsmängel“ vor sowie „persönliche und freundschaftliche Beziehungen“ über die Interessen der Aktionäre gestellt zu haben.
„Nach jetzigem Stand ist Herr Korbmacher entweder nicht gewillt oder nicht in der Lage, seinen Aufgaben als Aufsichtsratsvorsitzender im ausreichenden Maße nachzukommen“, urteilte Förtsch in der Begründung zu seinem Antrag auf Abwahl Korbmachers.
Zwar bekam Korbmacher von den Aktionären einen Denkzettel verpasst – er wurde nicht entlastet und 65,11 Prozent stimmten für seine Abwahl. Doch für diese wäre eine Dreiviertelmehrheit erforderlich gewesen. Förtsch hingegen wurde mit 75,83 Prozent Jastimmen als Nachfolger von Herbert Seuling in den Aufsichtsrat gewählt.
Aufsichtsrat weist Vorwürfe entschieden zurück
Damit sitzen beide nun mindestens bis zur nächsten Hauptversammlung gemeinsam im Aufsichtsrat, dann endet die Laufzeit der beiden Mandate.
Christian Rettkowski von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) hatte bereits in seiner Rede auf der Hauptversammlung angekündigt, der Wahl von Förtsch zuzustimmen. „Wir begrüßen es ausdrücklich, dass sich ein wesentlich beteiligter Gesellschafter direkt in die Verantwortung nehmen lässt und sein eigenes Investment überwacht“, sagte Rettkowski.
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Zwar hatte der Aufsichtsrat Förtschs Vorwürfe „entschieden“ zurückgewiesen, persönlich meldete sich Korbmacher bislang aber nicht zu Wort – bis heute. „Ich habe mich dazu entschlossen, die mediale Diskussion nicht weiter zu verschärfen, da ich die Belastung für die Flatexdegiro vermeiden wollte“, sagte er in seiner Rede auf der Hauptversammlung.
Und holte dann zu einem Seitenhieb gegen Förtsch aus: Dieser sei bis 2017 selbst Mitglied des Aufsichtsrats bei Flatex gewesen, habe diesen auf eigenen Wunsch damals verlassen. Seitdem habe er immer zwei Vertreter im Aufsichtsrat gehabt, so Korbmacher. „Warum er sich trotzdem aufgrund dieser Konstellation nicht eingebunden oder gehört fühlt, kann ich nicht nachvollziehen“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende.
Man könnte den Eindruck gewinnen, er sei das einzige Aufsichtsratsmitglied gewesen, hätte alle Entscheidungen allein getroffen, sagte er. In den neuneinhalb Jahren, die er nun dem Gremium angehört, seien alle Entscheidungen einstimmig getroffen worden, verteidigte sich Korbmacher. Es wird also spannend, wie beide nun in dem Gremium zusammenarbeiten werden.
Christiane Hölz, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), appellierte vor der Abstimmung an Förtsch und Korbmacher. „Ich möchte an alle Beteiligten appellieren, egal, wie diese Wahlen heute ausgehen, dass sich alle im Aufsichtsgremium zusammenraufen werden, persönliche Befindlichkeiten ab sofort hintangestellt werden und dass alle gemeinsam für unser Unternehmen arbeiten werden“, sagte sie.
Das letzte Gespräch mit Förtsch gab es nach Angaben von Korbmacher am 13. Oktober des vergangenen Jahres. Danach habe es nur noch schriftlichen und zudem mittelbaren Kontakt über weitere Aktionäre gegeben.
Neben Korbmacher wurden auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende Frank Niehage sowie der ehemalige Vizechef Muhamad Chahrour mit 50,89 und 50,11 Prozent an Gegenstimmen nicht entlastet. Eine Nichtentlastung stellt ein Misstrauensvotum dar und hat keine unmittelbaren Folgen.
Kritik an virtueller Hauptversammlung
Kritik gab es von den Aktionären wie schon im vergangenen Jahr an dem Format der Hauptversammlung, das erneut nur in virtueller Form abgehalten wurde.
Das virtuelle Format sei gerade am heutigen Tag bei der Vielzahl an diskussionswürdigen Themen bei der Flatexdegiro „absolut unangebracht“, sagte Hölz. „Sie verweigern uns Aktionären in dieser Bildschirmveranstaltung die Möglichkeit, uns zu versammeln, und das nicht nur mit ihnen, sondern auch untereinander“, so ihre Kritik.
Rettkowski kündigte an, den Vorstand deshalb nicht zu entlasten. Die Nichtentlastung sei ausschließlich dem Umstand geschuldet, dass der Vorstand diese Hauptversammlung abermals als virtuelle Hauptversammlung durchführt und den „direkten Schlagabtausch mit uns Aktionären meidet“, sagte Rettkowski. Die SdK akzeptiere das Format nur in Notfallsituationen, dafür gebe es aber keine Anlasspunkte.
Personalvorständin Christiane Strubel verteidigte das Format: Sie seien der Überzeugung, dass durch das Format mehr der Aktionäre die Möglichkeit haben, an der Hauptversammlung teilzunehmen und ihre Aktionärsrechte wahrzunehmen, sagte sie. Insbesondere im Hinblick auf internationale Investoren.
Aktionäre unzufrieden mit Vergütungsbericht
Neben der virtuellen Hauptversammlung stand die Vergütungsstrategie im Mittelpunkt der Kritik. Bereits im vergangenen Jahr stimmten knapp 29 Prozent der Anwesenden gegen das damalige Vergütungssystem.
Der ehemalige Vorstandschef Niehage hatte zwar im Vorfeld der Hauptversammlung angekündigt nachzubessern. Es wird veröffentlicht, wie viel die einzelnen Aufsichtsratsmitglieder erhalten. „Ebenso wollen wir den Aktionären einen reduzierten Höchstbetrag der Vorstandsgehälter vorschlagen“, kündigte Niehage an.
Das genügte den Aktionären aber nicht. Der Vergütungsbericht für das Geschäftsjahr 2023 wurde mit 70,67 Prozent der Stimmen abgelehnt, ebenso wie das angepasste Vergütungssystem. Dieses wurde mit 66,09 Prozent an Gegenstimmen abgelehnt.
Für Hölz wirft der Vergütungsbericht für das abgelaufene Geschäftsjahr „mehr Fragen auf, als er Antworten liefert“, kritisiert sie. So werde etwa die jährliche variable Vergütung aufgezeigt, die für das Kalenderjahr 2022 erworben wurde – nicht etwa für 2023.
Die langfristige Vergütung werde mit unterschiedlichen Ausübungszeiträumen bedacht, und eine Zahlung von knapp 26 Millionen Euro werde in einer Fußnote versteckt. „Das alles ist unüblich und helfe nicht, das Vertrauen des Kapitalmarktes in das Unternehmen zu stärken“, kritisiert sie.
Auch Rettkowski kritisiert, dass es etwa beim SAR-Plan, ein auf virtuellen Aktienoptionen basierendes Beteiligungsprogramm, unterschiedliche Ausübungszeiträume angegeben würden. Nach der erheblichen Kritik im Vorjahr hätte man deutlich mehr Sorgfalt erwarten können, so Rettkowski.
Nun müssen Vorstand und Aufsichtsrat nachbessern.