Provisionskarussell: Anlagebetrug rund um Infinus wird zum Mega-Skandal
Der nächste Anlageskandal: Rund 25.000 Anleger bangen um ihr Geld, das sie der Infinus-Gruppe gegeben haben.
Foto: ImagoDresden. Die Infinus AG soll ihre Bilanzen mithilfe eines Provisionskarussells geschönt haben. Eine Woche nach der Razzia bei dem Dresdener Finanzdienstleister berichten Insider dem Handelsblatt, Infinus habe Gewinne aus Provisionen erzielt, die das Unternehmen von der eigenen Mutter, der Future Business KgaA (Fubus), erhalten habe.
Am Jahresende habe Infinus diese Provisionen schließlich als Gewinne zurück an die Mutter Fubus überwiesen. Auf diese Weise seien in den Bilanzen Ausgaben von Fubus in Umsätze verwandelt worden. Kosten der Mutter Fubus wurden auf dem Papier so zu Gewinnen der Infinus.
Bis Anfang 2012 soll das Provisionsrad früheren Maklern zufolge bei Geschäften mit Lebensversicherungen gedreht worden seien. Demnach hat Fubus lange Zeit Policen bei Menschen aufgekauft, die ihre Lebensversicherung zu Geld machen wollten.
In der Regel wurden die Kunden jedoch nicht ausgezahlt, sondern erhielten im Gegenzug Orderschuldverschreibungen oder Genussrechte von Fubus-Töchtern. Fubus habe das Geschäft über die Vertriebstochter Infinus abgewickelt.
Das Geschäft soll nach der Aussage von Ex-Makler Franz Brem wie ein Provisionskarussell funktioniert haben: Denn Fubus habe laut Brem seiner eigenen Tochter Infinus Provisionen für den Kauf der Versicherungen und den Verkauf der Orderschuldverschreibungen und Genussrechte gezahlt. Linke Tasche, rechte Tasche. Am Jahresende habe Infinus den Gewinn, und damit auch die Provisionen, an Fubus zurückgezahlt. So steht es in den Bilanzen, in denen Gewinnabführungsverträge aufgeführt sind.
Anders als Fubus es im Jahresabschluss als Geschäftsmodell beschreibt, wurden die Policen laut Brem auch nicht langfristig weitergeführt. „Fubus hat die Lebensversicherungen gebündelt, bis sie einen Millionenwert hatten. Dann wurden sie alle gekündigt. Das hat Geld für fällige Zinsen reingespült. Dann wurden neue Versicherungen vermittelt, was Provisionen von den Versicherungsgesellschaften brachte“, so Brem.
Das Unternehmen äußerte sich zu den Vorwürfen inhaltlich nicht, teilte auf Anfrage lediglich mit: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Dresden keine Stellungnahmen abgeben können.“
Am Dienstag vergangener Woche hatten in einer Großrazzia 400 Ermittler Büroräume und Privatwohnungen des Infinus-Managements durchsucht. Der Verdacht: Anlagebetrug. 25.000 Anleger müssen um 400 Millionen Euro bangen, befürchtet die Staatsanwaltschaft Dresden.
Oberstaatsanwalt Lorenz Haase sagt, Infinus habe in Verkaufsprospekten „unrichtige Angaben zur Vermögens- und Ertragslage“ gemacht. Mehr nicht. Er bittet um Verständnis für seine Wortkargheit. Es gehe um ein laufendes Verfahren.
Zahlreiche Betroffene bangen nun um ihre Gelder bangen. „Hier scheint sich in der Tat ein enormer Skandal anzubahnen“, sagte Andreas Lang, Vorstand der Anwaltskanzlei Nieding und Barth dem Handelsblatt. „Es müsste sich aber noch der Verdacht erhärten, dass die Geschäfte tatsächlich auf betrügerischer Grundlage geschehen sind“.
Bislang wurde bereits bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Dresden acht Mitarbeiter in Deutschland und Österreich verdächtigt, bei der Ausgabe von Orderschuldverschreibungen falsche Angaben zur Vermögens- und Ertragslage von Emittenten gemacht zu haben. Sechs deutsche Beschuldigte wurden in Haft gesetzt.
Bei Orderschuldverschreibungen verpflichtet sich der Schuldner, an einen namentlich genannten Gläubiger eine bestimmte Summe plus Zinsen zu zahlen. Die Forderung ist übertragbar. Die Anlageform gilt als riskant, weil Anleger nicht durch ein Einlagensicherungssystem vor dem Totalverlust geschützt sind.
Wie hoch die Schadenssumme ist, konnte Oberstaatsanwalt Lorenz Haase zunächst noch nicht sagen. „Das müssen die weiteren Ermittlungen ergeben.“ Es sei zu untersuchen, ob es sich um ein sogenanntes Schneeballsystem gehandelt habe. Bei Razzien in Deutschland und Österreich soll umfangreiches Beweismaterial sichergestellt worden sein.
Die Durchsuchungen habe es in Dresden, Stuttgart, in der Nähe von Köln, Frankfurt, Traunstein sowie im österreichischen Salzburg gegeben. Sowohl die Geschäftsräume von rund 30 Firmen als auch Privatwohnungen seien betroffen gewesen. Etwa 400 Beamte waren im Einsatz.
Infinus hatte die Vorwürfe nach den Razzien bereits zurückgewiesen und die Durchsuchungen als „unverständlich“ bezeichnet. „Aus unserer Sicht sind die Vorwürfe haltlos und durch nichts zu begründen“, erklärte Infinus-Vorstandsmitglied Kewan Kadkhodai der Deutschen Pressagentur. In Zusammenarbeit mit den Behörden wolle man alles tun, „um schnell und unmissverständlich auf eine schnelle Aufklärung der Vorwürfe zu dringen.“
Laut Anlegeranwalt Lang sei die Staatsanwaltschaft jetzt gehalten, das Vermögen von Infinus sicherzustellen: „Das bedeutet, dass fällige Gelder zur Zeit nicht ausgezahlt werden.“ Kunden sollten sich sputen. „Es ist Eile geboten, weil in diesem Fall derjenige zuerst Geld ausgezahlt bekommt, der sich auch als Erster gemeldet und somit das Vermögen gepfändet hat“, sagt Lang.
Infinus ist ein weiterer Fall in einer langen Reihe von Anlegerskandalen in den vergangenen Monaten und Jahren. In Zeiten niedriger Zinsen vertrauen viele Anleger auf den Graumarkt. Dort bieten clevere Verkäufer vermeintlich sichere Geldgeschäfte, die angeblich üppige Renditen und Sicherheit versprechen. „Es ist erstaunlich, mit welcher Dreistigkeit manche Anlagebetrüger vorgehen – und wie viele Anleger, aber auch sonstige Geschäftspartner wie Depotbanken darauf hereinfallen“, sagt Lang.
Im September erst bestätigte die Staatsanwaltschaft Hamburg dem Handelsblatt, dass Heinrich Maria Schulte, Firmenchef des Hamburger Fondshauses Wölbern Invest bei einer Razzia verhaftet wurde. Wölbern Invest generiert sich als gute Adresse für Anleger. „Als traditionelles Emissionshaus initiieren wir konservativ kalkulierte geschlossene Fonds in den Assetklassen Real Estate und Private Equity“, warb Wölbern auf seiner Internetseite.
Seit 1993 hatte Wölbern nach eigenen Angaben 97 Fonds mit einem Investitionsvolumen von rund 3,8 Milliarden Euro emittiert. Unter anderem vertrieben die Commerzbank, Citibank und Sparkassen die Fonds. Geschlossene Beteiligungen bieten in der Regel üppige Vertriebsprovisionen, auf der Internetseite wirbt Wölbern weiterhin um Vermittler.
Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Schulte „gewerbsmäßige Untreue in 318 Fällen vor“. Dabei ging es um 318 angeblich unlautere Überweisungen in der Zeit vom 16. August 2011 bis 28. Juni 2013 auf ein deutsches Konto einer niederländischen Bank. Nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft seien 29 geschlossene Immobilienfonds betroffen. Die Verhaftung erfolgte wegen Fluchtgefahr: Schulte habe im Falle einer Verurteilung mit einer mehrjährigen Haftstrafe zu rechnen. Zudem besitze er Verbindungen ins Ausland.
Zuvor sorgten Fotos im Zusammenhang mit der Firmengruppe S&K in Boulevardmedien für Aufsehen. Fahnder haben während einer Razzia Säcke voller Geld aus einer Villa der Beschuldigten getragen. Partybilder zeigen Manager mit hübschen Mädchen und Fuhrparks voller schneller Autos und Motorräder.
Die Verantwortlichen der S&K-Gruppe stehen im Verdacht, mit einem sogenannten Schneeballsystem Anleger geprellt zu haben. Die Frankfurter Staatsanwälte ermittelten zunächst gegen 85 Verdächtige, darunter die beiden Geschäftsführer der Kapitalanlagegesellschaft S&K als Hauptbeschuldigte. Stephan Schäfer, einer der in Haft genommenen Verdächtigen, stürzte sich mit Handschellen gefesselt aus einem Fenster des Gerichtshauses und zog sich schwere Verletzungen zu.
Die Prasserei der Verantwortlichen ist mittlerweile legendär. Die Staatsanwaltschaft veröffentlichte eine Liste der beschlagnahmten Dinge im Bundesanzeiger. Die Auszüge listen unter anderem Uhren: drei Rolex, zwei Hublot und eine Glashütte zum Schätzpreis von jeweils 5000 Euro.
Weiterhin eine lange Liste an Musiktechnik im Wert von mehreren tausend Euro, ein Silberarmband und Bargeld in verschiedenen Währungen im fünfstelligen Eurobereich. Und: Grundbucheinträge, gepfändete Konten und Versicherungsverträge. Außerdem: Goldbarren, Motorräder und Bargeld in verschiedenen Währungen.