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Führungsetagen Gesetzliche Frauenquote bringt viele Konzerne in Bedrängnis

Bei 25 börsennotierten Unternehmen herrscht aufgrund der Pläne der Großen Koalition akuter Handlungsbedarf. Experten befürchten Ausweichbewegungen.
01.12.2020 - 16:08 Uhr 4 Kommentare
Die gesetzliche Frauenquote für Vorstände stößt bei den betroffenen Unternehmen auf wenig Begeisterung. Quelle: Getty Images/Westend61
Managerin

Die gesetzliche Frauenquote für Vorstände stößt bei den betroffenen Unternehmen auf wenig Begeisterung.

(Foto: Getty Images/Westend61)

Düsseldorf Die geplante gesetzliche Frauenquote für Vorstände setzt zahlreiche deutsche Unternehmen stark unter Druck. Seit Jahren haben sie sich entweder nur unzureichend um die Beförderung von Managerinnen in ihre Führungsetagen gekümmert. Oder sie haben sich zwar freiwillig zur Beteiligung von Frauen verpflichtet, doch diese selbst gesetzten Ziele wurden bei Vorstandswechseln häufig ignoriert.

Jetzt läuft ihnen die Zeit davon. Nach Recherchen von Handelsblatt und Allbright Stiftung sind 25 von 160 Dax-Firmen unmittelbar von dem geplanten Gesetz der Großen Koalition betroffen und haben akuten Handlungsbedarf.

Börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen mit einem mehr als dreiköpfigen, rein männlichen Vorstand sollen künftig verpflichtet werden, bei Neubesetzungen eine Frau zu bestellen. Das stößt auf wenig Begeisterung. Eine Handelsblatt-Umfrage ergab, dass viele der 25 betroffenen Unternehmen das Vorhaben skeptisch sehen.

„Das Gesetz ist völlig überflüssig“, erklärt etwa Klaus Josef Lutz, Chef von Europas größtem Agrarhandelskonzern Baywa. Der gesellschaftliche Druck sei hoch genug, sodass sich das Thema Frauen in Vorständen in den kommenden Jahren von selbst erledigen werde.

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    Die Bewertung anderer Unternehmen ist vorsichtiger. „Die geltende Gesetzeslage war ausreichend“, heißt es etwa beim Dax-30-Konzern Bayer. Die Leverkusener zeigten sich zudem zuversichtlich, bald wieder eine Vorstandsfrau vorweisen zu können.

    Die Stellungnahme des Fotospezialisten Cewe zur Vorstandsquote lautet: „Wir sind sehr unsicher, ob das der richtige Weg ist.“ Der Flugzeugbauer MTU kritisiert einen „erheblichen Eingriff in die Entscheidungsfreiheit von Unternehmen“. Und der Versicherer Talanx gibt sich diplomatisch: „Quoten können sinnvoll sein, wenn sie die mit der Umsetzung verbundenen Herausforderungen berücksichtigen.“

    Eon sieht in der Regelung einen „Ansporn“

    Es gibt jedoch auch Zustimmung zur geplanten Regelung – vor allem von Unternehmen, die sich selbst eine Quote gesetzt hatten. So heißt es beim Chipkonzern Infineon: „Eine gesetzliche Regelung wird einen positiven Beitrag zu (Gender) Diversity in den oberen Führungsetagen leisten, ähnlich wie die Frauenquote im Aufsichtsrat entsprechende Wirkung gezeigt hat.“

    Infineon ist zuversichtlich, die selbst gesetzte Frauenquote für den Vorstand von 20 Prozent bis Juni 2022 erreicht zu haben. Geliefert hat bereits Adidas. Das Topmanagement des Sportartikelherstellers war zuletzt eine reine Männerdomäne. Doch zum 1.Januar wird Amanda Rajkumar neue Personalchefin.

    Der Energieversorger Eon sieht in der neuen Regelung einen „Ansporn“, die bereits begonnenen Anstrengungen im Bereich Diversität und Inklusion fortzusetzen. So sei man guter Dinge, die bereits im Jahr 2016 vom eigenen Aufsichtsrat gesetzte Frauenquote für den Vorstand von 20 Prozent bis Ende 2021 zu erreichen. Und der Dufthersteller Symrise „steht einer stärkeren Beteiligung von Frauen in der Führung des Unternehmens auch auf Vorstandsebene offen und konstruktiv gegenüber“.

    Bislang waren diese Konzerne nur verpflichtet, sich Ziele für weibliche Führungskräfte zu setzen. Mit dem neuen Gesetz müssen sie nun aber auch tatsächlich welche berufen. Das führt manche Konzerne nahezu vor. Schließlich haben sie sich zwar schon vor Jahren selbst freiwillige Quoten gesetzt, doch diese dann nicht verfolgt.

    So verordnete sich das Kontrollgremium von MTU bereits 2017 eine Zielquote von 25 Prozent für den Vorstand bis zum Jahre 2022, verpflichtete bis dato aber weder eine Frau, noch steht eine Berufung in naher Zukunft an. Ähnlich sieht es beim Energieversorger Uniper oder Talanx aus.

    Grafik

    Spannend dürfte es daher werden, wie führende Konzerne mit der erwarteten Regelung umgehen werden, wenn konkret Personalwechsel im Vorstand anstehen. Der Energiekonzern Eon wird der Testfall sein. Das Vertragsende von Vorstandschef Johannes Teyssen zum Jahresende 2021 stellt den Aufsichtsrat vor eine besondere Herausforderung.

    Nach Informationen aus Konzernkreisen diskutiert der Aufsichtsrat über die Berufung einer Managerin in den Vorstand. Als Favoritin gilt Victoria Ossadnik, Chefin von Eon Deutschland. Ossadnik war vor zwei Jahren von Microsoft gekommen und würde auch viel Digitalkompetenz in den Vorstand bringen. Aber auch Katharina Reiche macht sich Hoffnungen. Die ehemalige Staatssekretärin und Chefin des Verbands Kommunaler Unternehmen hat Anfang des Jahres die Leitung des Netzbetreibers Westenergie übernommen, der größten Tochtergesellschaft von Eon.

    Auch bei Heidelberg Cement endet im Mai 2022 der nächste Vorstandsvertrag, und zwar der von Lorenz Näger, dem Finanzchef und stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden.

    Vorkämpferinnen zeigen sich enttäuscht

    Beim Brillenfilialisten Fielmann könnte sogar schon eine Entscheidung gefallen sein und eine Erweiterung des bislang vierköpfigen Männervorstands unter Führung des Gründersohns Marc Fielmann kurz bevorstehen Das Unternehmen habe sich für die Besetzung des Vorstands als Zielgröße zum 31. Dezember 2021 mindestens eine Frau festgelegt, heißt es auf Anfrage. „In Anbetracht einer langfristigen Nachfolgeplanung gehen wir davon aus, dass wir die Zielgröße schon früher erreichen.“

    Die neue Regelung, auf die sich die schwarz-rote Regierungskoalition am 20. November grundsätzlich geeinigt hatte, soll am 6. Januar im Kabinett beschlossen werden, um das Gesetz noch in dieser Legislatur umsetzen zu können. Das Vorhaben hatten Familienministerin Franziska Giffey und Justizministerin Christine Lambrecht (beide SPD) in den Gesetzentwurf geschrieben, ohne dass es im Koalitionsvertrag mit CDU und CSU ausdrücklich festgelegt war.

    Dem Beschluss zufolge muss den Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern aber erst bei einer fälligen Neubesetzung eine Frau angehören. Allzu aufgeregten Vorständen hält Giffey entgegen: „Keinem Mann wird sein Vorstandsposten weggenommen.“

    Entsprechend enttäuscht sind Vorkämpferinnen für die Förderung von Frauen. „Dieses Gesetz wird natürlich das Problem nicht lösen, und es wäre gefährlich zu glauben, jetzt wird alles gut“, sagt Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der Allbright Stiftung.

    Selbst wenn alle Unternehmen, die vom Gesetzesvorschlag betroffen sind, sofort einen Mann gegen eine Frau austauschten, läge der Frauenanteil in den Vorständen der Konzerne in den Dax-Indizes lediglich bei 15 Prozent. „Es ist ein eher symbolischer Meilenstein, ein Machtwort der Regierung an die Unternehmen und eine öffentliche Anerkennung der Tatsache, dass es so nicht weitergehen kann“, sagt Ankersen.

    Sanktionen für Quote null?

    Und Monika Schulz-Strelow, Präsidentin des Netzwerks Fidar, das sich für mehr Frauen in Aufsichtsräten einsetzt und inzwischen 1000 Mitglieder zählt, sagt: „Die nun geplante Frauenquote ist ein wichtiger und richtiger Schritt. Sie reicht aber noch nicht aus, um eine breite Wirkung und ein echtes Umdenken zu erzielen.“

    Fidar fordere deshalb die Einführung eines Mindestbesetzungsgebots für den Vorstand privater und öffentlicher Unternehmen aller kapitalmarktorientierter Unternehmensrechtsformen bei Neubesetzung. Zudem sollten die Unternehmen, die sich unverdrossen weiter die Zielgröße null für Frauen in Vorstand oder Geschäftsführung geben, mit Sanktionen belegt werden.

    In einigen Fällen führt die neue Regelung aber auch schon zu Aktionismus. So verkündet die Versicherungsgruppe Wüstenrot & Württembergische forsch, ab 1. Januar 2021 mit Zeliha Henning eine Frau in der ersten Führungsriege zu haben.

    Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die 41-Jährige nur Vorstandsvorsitzende der Württembergischen Versicherungs AG und damit nur im erweiterten Board vertreten sein wird. Das aber dürfte nicht im Sinne des Gesetzgebers sein, der Frauen in das höchste Führungsgremium einer Aktiengesellschaft befördern möchte. Und das wäre nun mal die börsennotierte Wüstenrot & Württembergische AG.

    Experten befürchten ohnehin Ausweichstrategien findiger Aufsichtsräte wie vorzeitige Vertragsverlängerungen oder die Ausweitung von Vorständen um neue Ressorts wie Personal, Recht oder Kommunikation.

    Jens-Thomas Pietralla, Partner der Personalberatung Russell Reynolds, empfiehlt: „Die neue Quotenregelung sollten die Verantwortlichen jetzt beherzt umsetzen. Es fehlt bisher in vielen Konzernen ein ganzheitlicher Ansatz für Diversität und Inklusion. Das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Beobachter aus Skandinavien und dem angelsächsischen Raum schüttelten bereits den Kopf über die deutsche Rückständigkeit in puncto Führungskräftevielfalt.

    Und Natalie Daghles, Partnerin der Sozietät Noerr und im Frauennetzwerk IWIL engagiert, sagt: „Die deutsche Wirtschaft droht im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren.“ Es gäbe schließlich nicht nur den politischen Druck. Einflussreiche Investoren wie Blackstone würden sehr genau auf Diversität und ein breites Mindset im Management achten und ihre Entscheidungen entsprechend treffen.

    Mehr: Kann nicht verwundern, dass die Politik strenger vorgeht“: Koalition einigt sich auf Frauenquote für Vorstände

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    4 Kommentare zu "Führungsetagen: Gesetzliche Frauenquote bringt viele Konzerne in Bedrängnis"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Planwirtschaft war noch nie gut. Die Hälfte der Unternehmen in der Grafik sind technisch orientiert. Derzeit sind beispielsweise bei Infineon drei der vier Vorstandsposten besetzt von zwei Ingenieuren und einem Physiker. Bei MTU ist es ähnlich. Aus Maschinenbau- oder Elektrotechnik-Studiengängen kommen in Deutschland wenig Frauen heraus, ganz grob um die 10%, trotz vieler Versuche, das zu ändern. Die Vorhersage im Kommentar Stehle wäre also eine logische Konsequenz.

    • Wieso gerade im Vorstand eine Quote? Es gibt noch reichlich Jobs, in denen Frauen massiv unterrepräsentiert sind, siehe [1].

      Komischerweise ruft da niemand nach einer Quote.....

      [1] http://www.aei.org/publication/tuesday-afternoon-links-22/ oberstes Chart

    • Wir werden in vielen Fällen erstens eine Erweiterung des Vorstandes sehen um eine bisher nicht vorstandsfähige Position mit einer Frau als Vorstand besetzen zu können. Zweitens werden wir eine überproportional große Anzahl von Personalvorständinnen, Kommunikationsvorständinnen, Regionalvorständinnen etc. erleben. Und die Macht innerhalb von Vorständen wird weniger egalitär verteilt werden. Das ist weder Lob noch Kritik am Gesetz oder seiner Zielsetzung. Lediglich eine Vorhersage wie sich die nächsten Jahre entwickeln werden.

    • Quote vor Qualität!

      Das passt voll und ganz in den Linksruck der letzten 15 Jahre!

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