Gastkommentar: Corona-Förderprogramme müssen auslaufen, um den Strukturwandel anzuschieben
Der Autor ist Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.
Foto: ZEWStell Dir vor, es ist Wirtschaftskrise, und kaum ein Unternehmen geht pleite! Vor zwei Jahren, zu Beginn der Corona-Pandemie, schien das unvorstellbar. Allgemein erwartete man, dass durch den Wirtschaftseinbruch auch die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigen wird. Vielfältige Vorkehrungen wurden getroffen. Im Finanzstabilitätsbericht vom Oktober 2020 etwa empfahl die Bundesbank, ausreichende administrative Kapazitäten in Banken und öffentlicher Verwaltung zu schaffen, um auf steigende Insolvenzzahlen vorbereitet zu sein.
Im selben Jahr forderte die Europäische Zentralbank ein Dividendenverbot. So sollte sichergestellt werden, dass Finanzinstitute ausreichend Kapital halten, um für den Anstieg ausfallender Kredite gewappnet zu sein. Die Monopolkommission warnte, künftig würde es in Wirtschaftszweigen, die im Zuge der Krise einen starken konjunkturellen Einbruch erleben, zu einer deutlich höheren Unternehmenskonzentration kommen. Schließlich müssten viele Unternehmen aus dem Markt ausscheiden. Wirtschaftsforschungsinstitute – auch das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) – sahen eine Insolvenzwelle auf uns zurollen.
Als die befürchteten Insolvenzzahlen ausblieben, setzte die Sorge vor einer künstlichen Erhaltung ineffizienter oder gar insolventer Unternehmen ein, der viel zitierten „Zombieunternehmen“. Die Bundesbank beispielsweise empfahl im Dezember 2020, die Hürden für Marktaustritte nicht zu niedrig zu setzen, weil sonst die Entstehung von Zombieunternehmen gefördert würde, unrentable Geschäftsmodelle also im Markt blieben. Darüber hinaus erwarteten viele Finanzmarktexpertinnen und Finanzmarktexperten weiter eine Zunahme von Unternehmensinsolvenzen und Kreditausfällen.
Doch 2021 sank die Zahl der Insolvenzen das zweite Jahr in Folge – und erreichte im August/September ein Rekordtief. Mittlerweile ist ein gewisser Anstieg zu beobachten, die Zahl der beantragten Regelinsolvenzverfahren nahm etwa im vergangenen Dezember um 18 Prozent gegenüber dem Vormonat zu.
Kreditversicherer erwarten in diesem Jahr einen Anstieg der Insolvenzzahlen, allerdings noch unter dem Niveau des Vorkrisenjahrs 2019. Die befürchtete Insolvenzwelle wird also voraussichtlich das dritte Jahr in Folge ausbleiben.
Auch in Frankreich gibt es wenig Insolvenzen
Dabei ist das überraschende Insolvenzgeschehen in der Coronakrise kein deutscher Sonderfall. Auch andere Länder wie Frankreich und die USA verzeichnen sinkende Zahlen. In einer Gruppe von 13 OECD- und Partnerländern beispielsweise gingen die Insolvenzen 2020 im Vergleich zum Vorjahr im Durchschnitt um gut 25 Prozent zurück – in den ersten sechs Monaten 2021 sogar um 40 Prozent. Zu diesem Rückgang haben die massiven staatlichen Unterstützungsprogramme und auch die vorübergehende Aufhebung der Insolvenzantragspflicht zweifellos beigetragen.
So versprach etwa Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im März 2020, es werde „kein Unternehmen dem Risiko einer Insolvenz ausgeliefert “. Nach Einschätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung werden der März und April 2020 als jener Zeitraum in die Geschichtsbücher eingehen, in dem die meisten politischen Initiativen für kleine und mittlere Unternehmen in Gang gesetzt wurden. Das gilt auch für Deutschland.
Hier wurden ebenfalls recht früh gewaltige Hilfsprogramme gestartet: Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds in Höhe von 600 Milliarden Euro für Garantien und Kapitalisierung, das KfW-Sonderprogramm für Refinanzierung, die Überbrückungshilfen, die Härtehilfen, der Sonderfonds für Kulturveranstaltungen und Messen usw. Hinzu kam das Kurzarbeitergeld, dessen Auszahlung ab dem siebten Bezugsmonat zwischenzeitlich sogar auf bis zu 87 Prozent des Nettoentgelts erhöht wurde.
Insgesamt wurden in Deutschland bislang etwa 130 Milliarden Euro an Unternehmenshilfen bewilligt, hinzu kamen rund 42 Milliarden Euro für Kurzarbeitergeld. Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht galt bis Ende April 2021.
Der „cleansing effect“ von Krisen bleibt aus
Es wirkt plausibel, dass die großen Sorgen vor einer Insolvenzwelle die Politik dazu bewogen hat, derart umfassende Förderprogramme aufzulegen. Hinzu kommen aber auch Besonderheiten der Coronakrise, die einen Teil des Rückgangs der Insolvenzen erklären: Anders als bei der High-Tech-Krise zu Beginn der 2000er-Jahre oder der sich 2007 abzeichnenden Finanz- und Wirtschaftskrise sind diesmal nicht geplatzte Finanzmarktblasen Auslöser der Krise mit den darauffolgenden sektoralen Marktbereinigungen.
Unternehmen geraten in der Coronakrise vielmehr unter Druck, weil temporäre Ausgangsbeschränkungen und Lieferkettenprobleme sie behinderten – nicht weil ihr Geschäftsmodell grundsätzlich unrentabel wurde. Die Hilfsprogramme haben dazu beigetragen, dass Deutschland ordentlich durch die Krise gekommen ist.
Für den anstehenden Strukturwandel allerdings sind sie nicht unproblematisch. Denn der klassische „cleansing effect“ von Krisen – Unternehmen mit ineffizienten Geschäftsmodellen verlassen den Markt und die durchschnittliche Produktivität der Wirtschaft steigt – blieb aus.
Noch kann nicht abschließend beurteilt werden, wie stark die Bremswirkung der Hilfsprogramme für den Strukturwandel ist. Erhellend mag ein Blick auf das Kurzarbeitergeld sein. Es wurde im Frühjahr 2020 in der Spitze an rund sechs Millionen Menschen ausgezahlt und ist nach einem Tiefstand von 600.000 Anträgen im November 2021 in diesem Januar auf etwa 900.000 gestiegen. Der Anstieg der Kurzarbeit im Gastgewerbe und im Einzelhandel wird auf die hohen Infektionszahlen zurückgeführt.
Die Förderprogramme sollten jetzt auslaufen
In der Autoindustrie hingegen erscheint das fraglich, hier bekamen im vergangenen Dezember gut 110.000 Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld. Werden in der Branche Auswirkungen der Krise abgemildert – oder wird der Strukturwandel verlangsamt? In jedem Fall sollte die geringe Unternehmensdynamik schon jetzt ein Warnsignal sein. Nimmt man noch hinzu, dass die Innovationsaktivitäten stärker als ursprünglich erwartet zurückgegangen sind, zeichnet sich nämlich das Bild einer gehemmten Wirtschaft ab.
So sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung 2020 insgesamt um 6,3 Prozent gesunken, bei kleinen und mittleren Unternehmen gab es 2021 einen Rückgang um sechs Prozent, in diesem Jahr dürfte das Minus sogar acht Prozent betragen.
Markteintritte und -austritte sind zwei wesentliche Produktivitätstreiber einer Volkswirtschaft. Neue Unternehmen mit besseren Produkten und Dienstleistungen sowie effizienteren Produktionsverfahren treten in den Markt ein und verdrängen Unternehmen ohne zeitgemäße Geschäftsmodelle.
Die Krise hat, anders als frühere Krisen, diese Dynamik angehalten. Die Chance, die in jeder Krise steckt, wurde vertan. Umso wichtiger ist es jetzt, die Weichen von Krisenmodus auf Strukturwandel umzustellen. Es ist an der Zeit, in den vom Strukturwandel betroffenen Sektoren die Förderprogramme auslaufen zu lassen.
Der Autor: Prof. Achim Wambach ist Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.