Gastkommentar: Vier große KI-Risiken – und was sie für die Menschheit bedeuten
Ian Bremmer ist Gründer und Präsident der Beratungsfirma Eurasia Group.
Foto: HandelsblattIm Laufe der Geschichte haben technologische Durchbrüche immer wieder Möglichkeiten für neue Erfindungen, Weiterentwicklung und Fortschritt geschaffen, gleichzeitig aber auch vielen Lebensgrundlagen irreversible Schäden zugefügt.
Sie haben die bemerkenswerten Fähigkeiten von Menschen und Gesellschaften auf die Probe gestellt, sich an die Turbulenzen des Übergangs anzupassen und das zu überleben, was Ökonomen „kreative Zerstörung“ nennen.
Die Welt muss sich nun auf einen technologischen Durchbruch vorbereiten, dessen Auswirkungen enorm sind und der sich mit einer Geschwindigkeit vollzieht, die selbst diejenigen erschreckt, die als Forscher und Entwickler die Grundlage für diesen Umbruch bereiten und bereitet haben.
Die Künstliche Intelligenz wird unser Leben – im Guten wie im Schlechten – so gründlich und so schnell verändern, dass wir keine andere Wahl haben, als uns auf die Folgen vorzubereiten.
Ohne Frage wird es medizinische und wissenschaftliche Durchbrüche geben, die die Arbeit, die einst Jahrzehnte dauerte, in die Arbeit von nur wenigen Tagen verwandelt. Diejenigen, die Zugang zu den besten und leistungsfähigsten KI-Werkzeugen haben, werden vermutlich die Möglichkeit haben, länger, gesünder und in größerem Wohlstand zu leben, als es die Menschen früherer Generationen je getan haben.
Aber es gibt vier große Risiken, die wir durchdenken und auf die wir uns vorbereiten müssen:
1. Desinformation und Propaganda
Mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz wird zu den Gesprächen, die das politische Leben überall auf der Welt bestimmen, ein riesiger Chor vorprogrammierter, nicht-menschlicher Stimmen hinzukommen.
Die Leichtigkeit, mit der böswillige politische Akteure, Kriminelle und Terroristen gefälschte Videos erzeugen können, die selbst den anspruchsvollsten Betrachter täuschen, wird es den politischen Führern und denjenigen, die über die Nachrichten berichten, sehr viel schwerer machen, ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten.
China, Russland und andere autoritäre Staaten werden effektivere Formen der digitalen Propaganda entwickeln, die die Freiheit auf tief greifende und noch nie da gewesene Weise untergraben – und sie werden diese Technologien an jede Regierung verkaufen, die bereit ist, dafür zu bezahlen.
2. Verbreitung in nie geahntem Ausmaß
KI-Modelle sind fast genauso fortschrittlich und oft leistungsfähiger als die Algorithmen, die die großen Technologiefirmen bislang für ihre Produkte verwenden. Sie sind aber für jeden zugänglich. Wer sie nutzen will, braucht einen Laptop und nur geringe Programmierkenntnisse.
Ich persönlich kenne eine Reihe von Leuten, die mithilfe von KI bereits öffentlich verfügbare Informationen nutzen, um große Mengen an Text zu produzieren. In einem Umfeld mit einer Open-Source-Kultur und sehr geringen technischen Einstiegshürden wird sich diese Vorgehensweise sehr weit verbreiten. Millionen von Menschen werden bald ihr eigenes GPT haben, das mit Echtzeitdaten im Internet läuft.
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Es ist ein mächtiges Werkzeug, mit dem jeder Einzelne wissenschaftliches wie künstlerisches Neuland betreten und nützliche neue Dinge schaffen kann. Es ist aber eben auch eine Waffe, die von - den oben bereits erwähnten - politischen Akteuren, Kriminellen und Terroristen böswillig genutzt werden kann, um Schadsoftware zu programmieren, Biowaffen herzustellen, Märkte zu manipulieren und die öffentliche Meinung zu beeinflussen.
Es stimmt, dass die Behörden KI einsetzen können, um effektivere Werkzeuge zur Bekämpfung dieser Verbrechen zu entwickeln. Zugleich waren Regierungen aber auch noch nie mit einer so diffusen Bedrohung konfrontiert.
3. Verdrängung von Arbeitskräften
Wir wissen, dass die Explosion der Künstlichen Intelligenz unzählige Arbeitnehmer verdrängen wird, da Maschinen Menschen ersetzen werden – sogar im Wissenschaftsbereich, und zwar in einem Ausmaß, das die meisten von uns bis vor Kurzem für unmöglich hielten.
Natürlich haben wir ähnliche Umwälzungen schon einmal erlebt. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Zunahme des Welthandels Millionen Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe in Ländern vernichtet, in denen Arbeitnehmer relativ hohe Gehälter erhielten. Die Fabriken wurden einfach in Entwicklungsländer mit einem billigen Lohnniveau verlegt, bis die Automatisierung Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie noch viel umfassender zerstörte.
In beiden Fällen führten diese Veränderungen zu einer wesentlich höheren Produktivität und einem höheren Wohlstand auf der ganzen Welt und schufen sie letztendlich sogar mehr Arbeitsplätze, als sie zunächst vernichteten. Aber es braucht Zeit und Ressourcen, um Arbeitnehmer umzuschulen und ein nachhaltiges soziales Sicherheitsnetz für diejenigen aufzubauen, die sich nicht mehr anpassen können.
Mit Blick auf den Arbeitsmarkt der Zukunft ist eines sicher: Die Verdrängung, die durch die Ausbreitung Künstlicher Intelligenz ausgelöst wird, wird mehr Arbeitnehmer an mehr Orten und viel schneller treffen als bei jeder anderen Umwälzung, die die Welt bisher erlebt hat. Diese Revolution am Arbeitsplatz wird wirtschaftliche und politische Turbulenzen in einem Ausmaß verursachen, auf das nationale Regierungen und multinationale Institutionen bislang noch nicht vorbereitet sind.
4. Ersatz für soziale Kontakte
Schließlich ist da noch der persönlichste Aspekt dieser neuen Revolution: Die Menschen werden sich bald viel mehr an die direkte Kommunikation mit Computern gewöhnen. Anstatt mithilfe einfacher Bots nur so simple Dinge wie den Wetterbericht aufzurufen, werden wir mit KI-gesteuerten Maschinen komplex interagieren und sie sogar zu unseren Begleitern machen.
Wir wissen bereits, dass die übermäßige Nutzung sozialer Medien bei Teenagern und isolierten Erwachsenen zu Angstzuständen, Depressionen und sogar Selbstverletzungen führen kann. Dieses Problem wird noch viel größer werden, da immer mehr Menschen mit antisozialen Tendenzen Beziehungen zu immer raffinierteren Maschinen aufbauen werden. Dies ist die größte Herausforderung der KI und diejenige, auf die die Politik am wenigsten vorbereitet ist.
Doch wir können diese Risiken mindern: mit Zeit und teils recht leichten technischen Lösungen. Jedes der genannten Probleme muss innerhalb von Familien und Gemeinschaften, zwischen Entscheidungsträgern des öffentlichen und privaten Sektors und über Grenzen hinweg angegangen werden – und das schnell. Denn die Revolution hat bereits begonnen.
Der Autor: Ian Bremmer ist Gründer und Präsident der Beratungsfirma Eurasia Group.