Grönland: Das steckt hinter der neuen Militärmission Europas
Washington, Berlin, Brüssel. US-Präsident Donald Trump will die zu Dänemark gehörende Insel Grönland in die USA eingliedern – was die Dänen und die Grönländer bisher ablehnen. Ein Treffen zwischen den Außenministern der USA, Dänemarks und Grönlands am Mittwoch brachte keine Einigung. Um europäische Präsenz zu zeigen, wollen Deutschland und andere Staaten Soldaten auf die Insel entsenden.
Wie geht es nach dem Gipfel im Weißen Haus weiter? Was planen Bundeswehr und Nato? Könnte das Militärbündnis zerbrechen? Das Handelsblatt beantwortet zentrale Fragen.
Was hat das Treffen zwischen den Außenministern gebracht?
Ein Treffen im Weißen Haus über die Zukunft Grönlands am Mittwoch endete ohne diplomatischen Durchbruch – aber zumindest vereinbarten die USA, Dänemark und Grönland, die Gespräche fortzusetzen. Der dänische Außenminister Lars Lokke Rasmussen und die für Außenpolitik zuständige grönländische Politikerin Vivian Motzfeldt waren in Washington mit US-Vizepräsident J.D. Vance und Außenminister Marco Rubio zusammengetroffen.
Im Mittelpunkt habe die Frage gestanden, wie die langfristige Sicherheit Grönlands gewährleistet werden könne, sagte Rasmussen nach dem Treffen. „Und hier gehen unsere Standpunkte weiterhin auseinander“, sagte er. Trump hatte am selben Tag des Treffens bekräftigt: Alles andere als eine Eingliederung Grönlands in die Vereinigten Staaten sei „inakzeptabel“.
Worum geht es bei dem Streit?
Der US-Präsident wirft den Dänen und allen Europäern vor, nicht ausreichend für die Sicherheit der größten Insel der Welt sorgen zu können, die bis 1953 dänische Kolonie war und seither einen Autonomiestatus hat. Wenn die USA Grönland nicht übernähmen, würden es irgendwann die Russen oder die Chinesen tun, warnt Trump.
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Als vermeintlichen Beleg führt der US-Präsident an, dass in letzter Zeit vermehrt russische und chinesische Schiffe rund um die Insel unterwegs seien. Nach Angaben nordischer Diplomaten gab es aber zuletzt keine auffällige Häufung russischen oder chinesischen Schiffsverkehrs rund um Grönland. „Nach unseren Geheimdienstinformationen gab es seit etwa einem Jahrzehnt kein chinesisches Kriegsschiff mehr in Grönland“, sagte Rasmussen.
Trump verweist immer wieder auch auf die reichlichen Vorkommen an Bodenschätzen auf der Insel. Dänemark und auch Nato-Generalsekretär Mark Rutte stehen dagegen auf dem Standpunkt, dass die Sicherheit Grönlands allein durch die Nato-Mitgliedschaft ausreichend gesichert ist. Sollte die Insel angegriffen werden, wäre das ein Bündnisfall für die westliche Militärallianz.
Zudem ist die Präsenz des US-Militärs auf der Insel durch Verträge mit Dänemark und Grönland bereits gesichert. Allerdings haben die USA die Zahl eigener Truppen und Standorte auf Grönland in den zurückliegenden Jahrzehnten erheblich reduziert. Heute verfügen sie nur noch über die Pituffik Space Base im Nordwesten der Insel, die vor allem der Überwachung und früher Warnung vor russischen Raketenstarts dient. „Sie hatten etwa 10.000 Mitarbeiter in Grönland, jetzt sind es etwa 200“, sagte Rasmussen in Washington. „Das ist nicht unsere Entscheidung, sondern eine Entscheidung der USA.“
Was planen die Bundeswehr und die Nato?
Die europäischen Verbündeten der USA wollen beweisen, dass sie Trumps Sorgen um die Sicherheit der Insel ernst nehmen – und mehr Präsenz zeigen. Die Bundeswehr schickt ein 15-köpfiges Erkundungsteam auf die Insel, das am Donnerstag zunächst nach Dänemark aufgebrochen ist und am Freitag gemeinsam mit Soldatinnen und Soldaten anderer Nato-Länder nach Grönland aufbrechen wird.
Die Mission finde auf Einladung und unter Führung Dänemarks statt, teilte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) mit. Der Auftrag sei, grundlegende Erkenntnisse über die Rahmenbedingungen vor Ort für Einsatz- und Übungsmöglichkeiten zu gewinnen.
„Russland und China nutzen die Arktis zunehmend militärisch und stellen damit die Freiheit der Verkehrs-, Kommunikations- und Handelswege infrage“, sagte Pistorius. Die Nato werde dies nicht zulassen und weiterhin für eine regelbasierte internationale Ordnung eintreten. Es gibt in der Nato aber auch Überlegungen, nach dem Vorbild von „Baltic Sentry“ – einer verstärkten Nato-Präsenz nach russischen Provokationen an der Ostflanke – auch eine „Operation Arctic Sentry“ am Polarkreis ins Leben zu rufen. Dieser müssten allerdings auch die USA zustimmen.
„Wenn die Nato uns fordert, dann sind wir dabei“, sagte CDU-Verteidigungspolitikerin Kerstin Vieregge dem Handelsblatt. Wichtig sei aber, dass sich die Bundesregierung zu 100 Prozent an die Seite der Grönländer und der Dänen stelle. Dass Deutschland bereit sei, Verantwortung zu übernehmen, zeige schon die Beschaffung des Seefernaufklärers „Boeing P-8A Poseidon“.
Was hat es mit der Boeing P-8A Poseidon auf sich?
Die Bundeswehr wird acht der amerikanischen Flugzeuge des Typs Boeing P-8A Poseidon für Patrouille und Aufklärung über dem Meer beschaffen. Die ersten beiden Maschinen wurden bereits ausgeliefert.
Eine Aufgabe der zweistrahligen Fluggeräte ist die Überwachung der sogenannten „GIUK-Lücke“, eines strategisch wichtigen Seegebiets zwischen Grönland, Island und Großbritannien, das im Kriegsfall Schiffe der russischen Nordmeerflotte durchqueren müssten, wenn sie den Nato-Nachschub im Nordatlantik unterbrechen wollten. Zum Schutz der Sicherheit im Nordatlantik haben sich zudem Deutschland, Dänemark, Norwegen und Kanada in der maritimen Sicherheitspartnerschaft Nordatlantik zusammengeschlossen. Ziel dabei ist auch, mehr Präsenz am „Tor zur Arktis“ zu zeigen.
Wird sich Trump von all dem beeindrucken lassen?
Experten rätseln über Trumps Motive mit Blick auf Grönland. Militärisch wäre die Eroberung der dünn besiedelten Insel für die Supermacht wohl kein Problem.
Die USA könnten Grönland ohne Gegenwehr einnehmen, sagte Ian Lesser vom Thinktank German Marshall Fund (GMF). „Das US-Militär würde die Verbündeten mit einem Anruf informieren: ‚Wir kommen am Dienstag, geht aus dem Weg.‘ Ich würde davon ausgehen, dass sich dann niemand in den Weg stellt.“
Allerdings wäre es eine Herausforderung, die Insel auf Dauer zu verwalten – zumal die Bevölkerung die Besatzung ablehnt. Experten warnen daher vor einer Annexion.
„Die USA gewinnen nichts, wenn sie Grönland besitzen“, sagte die GMF-Sicherheitsexpertin Sophie Arts. Im Gegenteil: Die Drohungen seien „kontraproduktiv“. Arts sagte weiter: „Sie zerstören das Vertrauen der Grönländer, Dänemarks und der anderen Nato-Verbündeten.“
Die Beziehung der USA zu ihren Nato-Verbündeten sei ihr größter Vorteil gegenüber China und Russland, sagte die Sicherheitsexpertin. „Jede Politik, die den Zusammenhalt der Nato unterminiert, nützt China und Russland.“
Im eigenen Land macht sich Trump mit seinen Grönland-Ambitionen derweil unbeliebt: Nach einer Reuters-Umfrage unterstützt nur jeder fünfte amerikanische Bürger Pläne, dass die USA Grönland übernehmen – und einen Einsatz militärischer Gewalt lehnen mehr als 70 Prozent der Befragten klar ab.
Könnte die Nato an Grönland zerbrechen?
Die Zweifel, ob und unter welchen Umständen das transatlantische Bündnis Bestand hat, nehmen zu – US-Medien wie „Axios“ und „CNN“ schreiben bereits von einer „Todesgefahr für die Nato“. Zumindest ist das Militärbündnis enorm unter Druck, was durch die neue Grönland-Mission unterstrichen wird.
Dass Nato-Staaten anlassbezogen Militärpersonal entsenden, ist zwar nicht ungewöhnlich. Der Zeitpunkt und die Symbolik der jüngsten Ankündigungen der europäischen Staaten können jedoch als demonstratives Zeichen der Solidarität gedeutet werden – weil dieses als notwendig erachtet wird.
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bekräftigte nach dem Treffen mit US-Vertretern in Washington, dass ein amerikanischer Angriff auf Grönland das Ende der Nato bedeuten würde. In einem Beitrag auf Facebook betonte Frederiksen, dass die dänische Regierung „alles daransetzen wird, um zu verhindern, dass dieses Szenario Realität wird“.
