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Kommentar Das Coronavirus könnte die chinesische Ära einleiten

Westliche Krankheitserreger haben den Westen groß gemacht. Auch das Coronavirus könnte bestimmte geopolitische Trends beschleunigen.
08.04.2020 - 19:00 Uhr 2 Kommentare
China könnte gestärkt aus der Krise hervorgehen. Quelle: AFP/Getty Images
Coronavirus

China könnte gestärkt aus der Krise hervorgehen.

(Foto: AFP/Getty Images)

Von Menschen für Menschen – so wird Geschichte geschrieben. Und darum steht der Mensch im Mittelpunkt, männlich meistens und überlebensgroß. Figuren wie Cäsar, Kolumbus, Hitler und Mao dominieren unser Bild der Vergangenheit und auch unser Verständnis der Entwicklung von Gesellschaften.

Doch die Coronakrise öffnet uns die Augen für die verborgenen Kräfte der Geschichte. Ihre Wirkung ist ebenso stark wie die von Kriegen und Intrigen, vielleicht sogar noch stärker.

Weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der meisten Historiker bereiten Kleinstorganismen vor, was Feldherren, Könige, Diktatoren und Präsidenten, die sogenannten großen Männer, später vollziehen: den Aufstieg und Fall stolzer Imperien, das Einläuten neuer Epochen. Wir können Viren und Bakterien nur unter dem (Elektronen-)Mikroskop erkennen, doch wir leben in einer Welt, die sie mit uns erschaffen haben.

Ohne die Krankheitserreger, die das mittelalterliche Europa befielen, hätten sich die europäischen Nationen kaum zu Weltmächten erhoben. Nicht Kanonen und Gewehre, sondern mitgeschleppte Mikroben waren die verheerendsten Waffen bei der Eroberung der neuen Welt. Bevor die Spanier die Azteken-Hauptstadt Tenochtitlán eroberten, dezimierten Pockenviren die Reihen der Verteidiger. Das gleiche Schicksal ereilte die Hochkultur der Inka.

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    Der „Westen“, gemeint sind die Europäer und das Neo-Europa, das sie in Nordamerika schufen, überwand seinen physischen Unterwerfungsdrang schließlich. Seine Dominanz schrieb er fortan der Überlegenheit seines Herrschafts- und Wirtschaftssystems zu: dem Markt, der Demokratie, dem Rechtsstaat. Doch auch wenn wir ungern darüber nachdenken: Zur Zerstörungskraft westlicher Kriegsmaschinen und zur Strahlkraft westlicher Ideen kam die Tödlichkeit westlicher Erreger.

    In unserer Hybris verkennen wir, dass Epidemien die Gesellschaften mitgeformt haben, in denen wir heute leben. Der moderne Staat war auch eine Reaktion auf den schwarzen Tod. Die kollektiven Anstrengungen im Kampf gegen die Pest halfen, die Legitimationsgrundlagen für das staatliche Gewaltmonopol zu schaffen.

    Es rächt sich jetzt, dass wir die Macht der Mikroben lange ignoriert haben und nicht erkannten, wie anfällig unsere globalisierte Wirtschaft ist. In der Corona-Pandemie bleibt uns nur der Rückzug. Erst wenn ein Impfstoff entwickelt ist, wird sich das Leben normalisieren. Die Welt wird dann eine andere sein. Wie genau das neue Virus den Lauf der Geschichte verändert, lässt sich nicht voraussagen, vielleicht aber erahnen.

    USA erleben einen zweiten 9/11-Moment

    Auf die abrupte Entschleunigung des Alltags dürfte die graduelle Beschleunigung geopolitischer Trends folgen. Das aufstrebende China wird gestärkt aus der Krise hervorgehen, der Westen geschwächt. Zwar hat erst das Unvermögen des chinesischen Regimes, das Virus in seinem Ursprungsherd Wuhan einzudämmen, die weltweite Verbreitung ermöglicht.

    Doch China hat den Ausbruch als erstes Land überwunden. Und es kontrolliert die Produktion von Schutzausrüstung, die der Rest der Welt benötigt. Wenn Chinas Präsident Xi nun von einer „Seidenstraße der Gesundheit“ spricht, meint er die Ausdehnung der chinesischen Machtsphäre.

    Amerika dagegen erlebt einen zweiten 9/11-Moment. Die Regierung war gewarnt – wie bei den Terroranschlägen des 11. September 2001. Doch wieder tat sie nicht, was nötig war, um das Land zu wappnen.

    So erst konnten die Vereinigten Staaten zum Epizentrum der Pandemie und zum Ground Zero der Weltwirtschaftskrise werden. Als 2014 die Ebola-Epidemie in Westafrika ausbrach, verlegten die USA Feldlazarette und koordinierten internationale Hilfsanstrengungen.

    Die Gefahr, dass die EU dem Virus zum Opfer fällt, ist real

    Heute gelingt es ihnen kaum, sich selbst zu helfen. Um Europa steht es nicht besser. Die Gefahr, dass die EU dem Virus zum Opfer fällt, ist real. In einer Zeit höchster Not schlossen die europäischen Staaten ihre Grenzen und verweigerten sich gegenseitige Hilfen.

    Den Schaden, den sie damit dem Solidaritätsprojekt Europa zufügten, erkannten sie spät. Vielleicht zu spät, um mit der wechselseitigen Behandlung von Patienten und Finanzinfusionen für die besonders betroffenen Staaten Südeuropas das Gift des Nationalismus zu neutralisieren.

    Schon vor der Corona-Pandemie hat der Generalstab der US-Streitkräfte eine Studie veröffentlicht, die einen neuen ideologischen Rivalen des Westens identifiziert: die digitale Diktatur. Der Kampf zwischen liberaler Demokratie und digitalem Autoritarismus werde das 21. Jahrhundert definieren, hieß es darin. Und: „China ist derzeit dabei, Kernkomponenten eines solchen Systems des digitalen Autoritarismus aufzubauen.“

    Das kommunistische Regime hat die Pandemie genutzt, um sein KI-basiertes Überwachungssystem zu perfektionieren. Und da sich dieses bei der Seuchenkontrolle bewährt hat, wird es als Modell für andere Länder zunehmend attraktiv. So wie westliche Mikroben den Westen groß gemacht haben, könnte ein Virus, das im Fernen Osten seinen Ursprung hatte, die chinesische Ära einleiten.

    Mehr: Yuval Harari spricht über die langfristigen Folgen der Corona-Pandemie für die Europa-Idee, für die Weltordnung und für unser Verhältnis zur Technik.

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    2 Kommentare zu "Kommentar: Das Coronavirus könnte die chinesische Ära einleiten"

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    • Vielleicht doch mal so einen klitzekleinen Besen kaufen und vor der eigenen Haustüre zu kehren anfangen?

    • Zufall oder kein Zufall, das ist die Frage ...

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