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Kommentar Der Ölpreisverfall ist ein Warnsignal für die Weltwirtschaft

Der Rohölpreis gilt als Indikator für ökonomische Aktivität. Sein historischer Absturz ist deshalb ein schlechtes Zeichen.
23.04.2020 - 04:16 Uhr Kommentieren
Das Chaos an den Terminmärkten hat tiefer liegende Ursachen. Quelle: Bloomberg
Öl Reserven in Los Angeles, USA

Das Chaos an den Terminmärkten hat tiefer liegende Ursachen.

(Foto: Bloomberg)

Negative Ölpreise – das hat die Welt noch nicht gesehen. Selbst in einer Zeit, in der Minuszinsen, also negative Preise für Kapital, normal erscheinen, mutet das absurd an. Eine Ware, die unter hohem Einsatz von Arbeit und Kapital aus dem Boden befördert wird, soll wertlos sein? Produzenten sollen sogar noch dafür bezahlen, dass Käufer sie von der Last des Rohöls befreien?

Es liegt nahe, diese grotesken Marktverzerrungen einem dysfunktionalen Finanzmarkt zuzuschreiben, auf dem täglich ein Vielfaches an virtuellen Barrel hin und her geschoben, als tatsächlich physisch produziert wird. Doch auch wenn diese Erklärungsansätze ihre Berechtigung haben, greifen sie zu kurz. Der rapide Preisverfall – 70 Prozent seit Jahresbeginn bei Brentöl – ist Ausdruck einer Weltwirtschaft, die in der Coronakrise komplett zum Stillstand gekommen ist. Der Ölmarkt sendet ein Warnsignal an jene, die hoffen, die Weltkonjunktur könnte sich alsbald von der Pandemie erholen.

Sicher: An ökonomischen Frühindikatoren gibt es keinen Mangel. Die Verlässlichkeit der Rohstoffmärkte als Barometer der Weltwirtschaft ist zudem umstritten. Über einen längeren Zeitraum ist die Treffsicherheit von Öl- oder Kupferpreisen bei der Prognose des globalen Wirtschaftswachstums eher mau. Doch das Ausmaß, mit dem sich weltweit die Lager füllen, weil die Produzenten auf dem Rohstoff sitzen bleiben, kann niemand ignorieren.

Begonnen hat das Drama Anfang der Woche mit einem plötzlichen Käuferstreik an der US-Rohstoffbörse Nymex. Für den auslaufenden Mai-Future der US-Ölsorte WTI, der Marktteilnehmer zur kurzfristigen Abnahme von Rohöl in Cushing, Oklahoma, verpflichtet, fanden sich keine Käufer. Denn die Lager am zentralen Ölknotenpunkt in Nordamerika sind voll oder zumindest ausgebucht. Gleichzeitig mussten offenbar spekulative Investoren ihre Positionen panikartig liquidieren. Daher fiel der Preis für WTI-Öl im Mai zwischenzeitlich auf minus 37 Dollar.

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    Gut möglich, dass in den kommenden Wochen herauskommt, dass ein paar clevere Spekulanten den restlichen Lagerraum in Cushing angemietet und andere Marktteilnehmer damit in den Ruin getrieben haben. Vielleicht war es auch „Manipulation“, wie der Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg vermutet. Doch dass solche spekulativen Exzesse überhaupt möglich sind, liegt daran, dass es Öl im Überfluss gibt und die Nachfrage in der Coronakrise eingebrochen ist. George Soros konnte in den 90er-Jahren auch nur deshalb das britische Pfund drücken, weil die Thatcher-Regierung aus Prestige an einem ökonomisch nicht gerechtfertigten Wechselkurs zur Deutschen Mark festhalten wollte.

    Verpasste Chancen

    Eine ähnliche Weigerung, die ökonomische Realität anzuerkennen, ist derzeit auch bei den politischen Verantwortlichen in den USA, Saudi-Arabien und Russland zu erkennen. Anfang März ließ Russlands Energieminister Alexander Nowak einen Deal mit Saudi-Arabien und den übrigen Mitgliedern der Ölallianz Opec plus platzen. Ein Grund war wohl auch die im Nachhinein fatale Annahme, dass die Corona-Pandemie die Nachfrage nach russischem Öl nicht allzu stark beeinflussen werde. Damit brach der Preiskrieg mit den Saudis erst aus, der nun dazu führt, dass die Weltmärkte zu einer Zeit mit Öl geflutet werden, da es am wenigsten benötigt wird.

    Die Chance, diesen Patzer Mitte April mit einem historischen Opec-plus-Deal unter Einbeziehung der USA, Kanada und anderen Exportstaaten zu korrigieren, ließen die Opec-plus-Staaten ungenutzt. Sie verzettelten sich stattdessen in einem Kleinkrieg mit dem wenig bedeutenden Ölstaat Mexiko und verwirrten die Ölmärkte mit fadenscheinigen Kompromissen und Rechnungen über Förderkürzungen. Es wurde ein Deal, der auf dem Papier knapp zehn Millionen Barrel Tagesproduktion vom Markt nimmt, in der Realität vielleicht sieben Millionen Barrel pro Tag kürzt, und der überdies erst ab Mai gilt.

    „Man munkelt nicht umsonst, dass Amerika an einem Deal mit der Ölindustrie arbeitet“

    US-Präsident Donald Trump ließ sich noch als Vermittler im Ölpreiskrieg feiern, ohne jedoch selbst mit verbindlichen Kürzungszusagen aufzuwarten. Nun arbeitet seine Administration fieberhaft an einem Rettungspaket für die US-Ölindustrie. Offenbar, so kursiert es an den Märkten, wird sogar diskutiert, Schieferölfirmen dafür zu bezahlen, wenn sie ihre Produktion drosseln. Es wäre das Modell China – ausgerechnet im Mutterland des Kapitalismus.

    Der Schaden ist ohnehin bereits eingetreten. Wenn in manchen Ländern die Nachfrage etwa nach Flugtreibstoff um 90 Prozent einbricht, hängen daran weit mehr als ein paar Jobs bei Ölraffinerien. Die Corona-Pandemie frisst sich durch Branchen. Zumal die Zweit- und Drittrundeneffekte der Krise noch nicht absehbar sind. Die Krise am Ölmarkt bietet einen Vorgeschmack auf das, was auf die Weltwirtschaft noch zukommen könnte. Es wird Zeit, dass alle diese ökonomische Realität anerkennen. Das gilt nicht zuletzt für Anleger, die angesichts steigender Börsenkurse bereits Angst haben, die große Rally zu verpassen.

    Mehr: Die Unsicherheit am Ölmarkt ist gewaltig – China nutzt die Chance.

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