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  5. Im April hat ein Barrel der Nordseesorte Brent noch rund 30 Dollar gekostet. Jetzt liegt der Preis erstmals seit Ende Neunzigerjahre unter 16 Dollar.

Achterbahnfahrt für Brent-ÖlDie Unsicherheit am Ölmarkt ist gewaltig – China nutzt die Chance

Die Nordseesorte Brent ist auf den tiefsten Stand seit 21 Jahren gefallen, legt dann aber wieder kräftig zu. Experten erwarten schmerzhafte Einschnitte für die Ölbranche.Hans-Peter Siebenhaar, Mathias Brüggmann 22.04.2020 - 16:29 Uhr aktualisiert

Weltweit laufen Lagerstätten voll.

Foto: Bloomberg

Düsseldorf. Die Tankwarte korrigieren in der Coronakrise fast täglich die Spritpreise nach unten. Der ADAC frohlockt bereits: „Benzin so günstig wie zuletzt 2009.“ Die Preise für Benzin und Diesel spiegeln auch die zuletzt dramatisch gefallenen Ölpreise wider.

Am Mittwoch fiel der Preis für die Nordseesorte Brent zunächst auf knapp 16 Dollar für das Barrel (159 Liter) und damit auf den niedrigsten Stand seit 21 Jahren. Im Laufe des Tages stieg der Preis wieder deutlich auf über 22 Dollar.

Am Rohölmarkt geht es seit Tagen extrem turbulent zu. Auch für die amerikanische Sorte West Texas Intermediate (WTI) ging es zu Wochenbeginn weiter bergab, sie erreichte historische Tiefstände.

Zum ersten Mal in der Geschichte bekamen Käufer für die WTI-Kontrakte sogar Geld. Das ist selbst für die krisengeschüttelte Ölbranche eine völlig neue Erfahrung. Mittlerweile ist die Talfahrt erst einmal gestoppt.

Aber die Unsicherheit im Markt ist gewaltig. Die Experten der Vermögensverwaltung von Raymond James erwarten das Erreichen eines erneuten negativen Ölpreises für Lieferkontrakte für Juni. Auch die Ölanalysten von Goldman Sachs sehen eine „anhaltend hohe Überversorgung der Ölmärkte“.

Auslöser für den unerwartet starken Preisrückgang für das einstige „schwarze Gold“ ist die weltweit geringe Nachfrage. Rund drei Milliarden Menschen sind in Europa, Nord- und Südamerika und Asien in ihrer Mobilität eingeschränkt.

Hinzu kommen die massive Überversorgung und die mehr als randvollen Lager. Zuletzt hatte das American Petroleum Institute (API) abermals einen starken Zuwachs der amerikanischen Rohölvorräte registriert. Mittlerweile wird Öl bereits auf Tankern vor der Küste gebunkert, denn es fehlt überall an Lagermöglichkeiten.

Auch die mühsam errungene Kürzung der Ölförderung durch das Ölkartell Opec plus – die Allianz zwischen Opec und Russland – von fast zehn Millionen Barrel pro Tag ab Anfang Mai wird die globale Marktsituation nicht nachhaltig verbessern.

Am Dienstagabend hatten die Ölminister der Opec telefonisch über weitere Maßnahmen konferiert. Doch im Markt sind die Erwartungen an das Ölkartell gering.

So sagt Cyrus de la Rubia, Chefökonom der Hamburg Commercial Bank: „Da die Bereitschaft der Opec-plus-Länder, sich auf diese Kürzung zu einigen, nicht gerade groß war, dürfte eine weiter gehende Kürzung – und da müssten schon zumindest weitere zehn Millionen Barrel pro Tag dazukommen – kaum konsensfähig sein.“

Saudis drängen auf Stabilität

Öffentlich beteuert Saudi-Arabien, der wichtigste Opec-Staat, dass das Land den Preiskollaps stoppen will: Auf einer Kabinettssitzung unter dem Vorsitz von König Salman bin Abdulaziz Al Saud verkündete Saudi-Arabiens Regierung am Dienstag ihren „Eifer, Stabilität auf dem Ölmarkt zu erreichen“. Das Königreich bekräftigte, sich an die vereinbarten Förderkürzungen zu halten und „die Bereitschaft, gemeinsam mit der Opec plus und anderen Produzenten weitere Maßnahmen zu ergreifen“.

Mit Saudi Aramco besitzt das Land den mit Abstand weltgrößten Förderer. Saudi Aramco hat in der Spitze bis zu 18,8 Millionen Barrel täglich exportiert. Das entspricht fast 20 Prozent der Weltproduktion. Im Mittel der vergangenen vier Monate lag die saudische Ölproduktion bei 10,3 Millionen Fass. Nun soll sie von Mai an auf 8,5 Millionen Barrel sinken.

In Russland sieht die Situation anders aus. Igor Setschin, Chef des Ölkonzerns Rosneft und ein enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin, hat bis zuletzt gegen Förderkürzungen opponiert und diese in der Vergangenheit auch unterlaufen. Lukoil-Chef Wagit Alekperow hat nur eine Kürzung um 290.000 Barrel täglich zugesagt, was aber nur 18 Prozent des bisherigen Fördervolumens sind – Russland insgesamt hat wie Saudi-Arabien ein Minus von 23 Prozent pro Tag zugesagt.

Durch die Pandemie gehen Experten von einem Rückgang bei der Ölnachfrage von 20 bis 30 Millionen Fass pro Tag aus. „Kurzfristig ist der Handlungsspielraum der Ölproduzenten sehr begrenzt. Dem Markt kommen aktuell wegen Corona täglich rund 30 Millionen Barrel abhanden“, sagt Hannes Loacker, Ölexperte der Raiffeisen Capital Management.

Ob sich die Amerikaner der Produktionskürzung der Opec plus anschließen werden, ist offen. Anfang Mai wollen sich die privaten Ölfirmen in Texas entscheiden. Die USA sind der weltweit größte Ölproduzent. Der saudische Ölminister Prinz Abdulaziz bin Salman hatte sogar Texas schon angeboten, Opec-Mitglied zu werden – ob im Scherz oder im Ernst, ließ er in Riad offen.

China nutzt die Chance

Unterdessen versucht China, vom Crash auf dem internationalen Ölmarkt zu profitieren. China hat große Öllagerkapazitäten außerhalb des Landes gebucht, um billiges Rohöl einzulagern, die heimischen Kapazitäten sind voll ausgelastet.

China nutzt das billige Öl als Konjunkturstütze. Der Kampf um Abnehmer inmitten einer globalen Ölschwemme ist knallhart. In Europa versucht Aramco mit einem Rabatt von 10,25 Dollar für Lieferungen im Mai, seine Exporte anzukurbeln.

Um schmerzvolle Einschnitte wird die Ölbranche angesichts der Ölschwemme nach Überzeugung von Experten nicht herumkommen. So sagt David Wech, Geschäftsführer der Energiemarktagentur JBC Energy: „Die Ölproduzenten müssen reagieren, wenn sie ihr Öl nicht mehr im Markt unterbringen können.“ Die einzig mögliche Reaktion sei, die Produktion zurückzufahren oder lokal sogar komplett zu schließen.

Allerdings geschehen solche Anpassungen nicht sofort, sagt Ökonom de la Rubia: „Es wird sicherlich einige Wochen dauern, bis wir eine deutlich sichtbare Reaktion bei den Förderern sehen.“ Doch Bohrprojekte mit großen Verlusten werden schließen, ist er überzeugt, „ganz besonders in den USA“.

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Für die Konjunktur in den Verbraucherländern sind die historisch niedrigen Ölpreise hingegen eine Hilfe in der extrem schwierigen Situation. Der Preisverfall der Nordseesorte Brent taugt nach Meinung von Experten allerdings nicht unbedingt als guter Indikator für die Weltwirtschaft.

So sagt Andreas Speer, Ölexperte der Bayerischen Landesbank: „Brent ist seit Anfang dieser Woche technisch mit nach unten gezogen worden und spiegelt daher die Lage und die Perspektiven der Weltwirtschaft nicht mehr akkurat wider, sondern ist gemessen daran rund fünf bis zehn Dollar je Fass zu tief.“

Hier geht es zur Seite mit dem Brent-Preis, hier zum WTI-Kurs.

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