Kommentar: Digital scheitert leise – wenn keiner widerspricht

Karsten Wildberger steht wohl eines der größten – und zugleich unkonventionellsten – Projekte der neuen Bundesregierung bevor. Der ehemalige Ceconomy-Chef will aus sechs Ressorts ein neues Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung formen. Als wäre das noch nicht genug, steht auf seiner To-do-Liste gleichzeitig eine der größten Dauerbaustellen der Republik: die verschleppte Digitalisierung des Landes.
Viele seiner Vorgänger sind daran gescheitert. Die Zuständigkeiten waren zersplittert, die Entscheidungswege lang und die Verantwortlichkeiten unklar. Nun werden erstmals zentrale Aufgaben in einem Haus gebündelt und mit einem Minister besetzt, der keine Verwaltungskarriere, sondern unternehmerische Transformationserfahrung mitbringt.
Die Agenda ist ambitioniert: Er will eine digitale Geldbörse einführen, die Verwaltung digitalisieren und einen behördenweit einheitlichen Softwarebaukasten entwickeln. Und das alles so schnell wie möglich.
Nach wenigen Tagen im Amt berichtete Wildberger, er habe in seinem neuen Haus „fachliche Qualität und eine große intrinsische Motivation“ vorgefunden.
Ministerien sind keine Konzerne
Doch Ministerien funktionieren anders als Konzerne. Ministerialbeamte sind risikoavers. Kritik nach oben? Selten. Ein Projekt bremsen, bevor es scheitert? Unüblich.
Genau das braucht Wildberger: Mitarbeiter, die ihm ehrlich sagen, wie es um die Umsetzung der Projekte steht. Nur wenn seine Mitarbeiter den Mut haben, Klartext zu reden, kann der frisch gebackene Minister realistisch planen, Fehler korrigieren und Enttäuschungen vermeiden.
Dazu muss Wildberger die Voraussetzungen selbst schaffen. Er muss Strukturen schaffen, die Widerspruch zulassen. Räume für konstruktive Zweifel. Einen Kummerkasten im Foyer braucht es nicht. Aber es braucht eine Kultur, die offen mit Scheitern umgeht und daraus lernt.