Kommentar: Für digitalen Aktionismus in der Bildung ist jetzt der falsche Zeitpunkt
Wir brauchen kein Bildungssystem für Coronazeiten, sondern ein Bildungssystem, das Kinder und Pädagogen für jede Krise resilienter macht.
Foto: dpaDas Coronavirus hat die Bildungslandschaft in Deutschland schwer getroffen. Nur wenige Schulen waren mit der nötigen Hard- und Software für digitalen Unterricht ausgestattet. Doch daran allein liegt es nicht. Das darf man bei den aktuellen Diskussionen um die Digitalisierung der Schulen nicht vergessen: Mehr technische Geräte, Klassenchats und störungsfreies WLAN ermöglichen noch keine digitale Bildung. Und deshalb ist für Aktionismus nun auch der falsche Zeitpunkt.
Es ist gut, dass Corona in Deutschland endlich die Digitalisierung der Schulen vorantreibt. Denn digitale Kompetenzen hätten Lehrern, Eltern und Schülern in der aktuellen Situation durchaus geholfen. Aber die Auswirkungen der Pandemie sind auch eine Gefahr für das deutsche Bildungssystem. Denn in der Ausnahmesituation werden derzeit langfristige Entscheidungen auf einer völlig falschen Grundlage getroffen.
Zahlreiche Unternehmen haben in Zeiten von Corona ihre Softwarepakete für Bildungseinrichtungen angeboten. Allen voran die US-Technologiekonzerne, die sich das leisten konnten. Mit diesem Angebot wurden Bildungsentscheidungen nach dem Prinzip getroffen: Es war da, es war kostenlos, und es ruckelte nicht. Wer als Lehrer oder Bildungsträger nicht sofort zugriff, musste sich schon vorwerfen lassen, Schüler und Eltern im Stich zu lassen.
Ginge es nur um Übergangslösungen für ein paar Wochen, wäre das kein Problem. Aber viele der Provisorien könnten Bestand haben. Darauf setzen ja auch viele der Unternehmen, die sich vermeintlich selbstlos als Helfer in Krisenzeiten anbieten.
Doch wir brauchen kein Bildungssystem für Coronazeiten, sondern ein Bildungssystem, das Kinder und Pädagogen für jede Krise resilienter macht. Dazu müssen sie die Mittel bekommen, die sie optimal unterstützen, und nicht die, die Unternehmen gern vermarkten wollen; dazu müssen digitale Lernmaterialien und Schulsysteme aufeinander abgestimmt werden; dazu müssen Lehrer und Schüler langfristig Unterstützung bekommen, damit die Technik instand gehalten wird und die Systeme gewartet werden; dazu muss es eine verlässliche Zusicherung seitens der Behörden geben, dass der Datenschutz und die Datensicherheit aller Beteiligten gewährleistet wird.
Vor allem muss aber auch die Devise gelten, dass so viel digitalisiert wird wie nötig, aber nicht so viel wie möglich. Ja, es gibt tolle digitale Lernmittel: Wer seine Mathelehrerin nicht versteht, kann sich heute einen Nachhilfelehrer beim Videodienst Youtube suchen, der die PQ-Formel noch mal Schritt für Schritt erklärt.
Ein spannender Ansatz ist auch das Modell „Flipped Classroom“. Es sieht vor, dass Schüler und Studenten sich Vorträge über neue Inhalte mehrfach im Video anhören können – und dass sie den Vortrag stoppen können, um sich Notizen zu machen. Der Präsenzunterricht wird dann vollständig zum Fragen, Diskutieren und Ausprobieren genutzt. Bei solchen Anwendungsfällen lernen die Schüler auch, wie sie Wissen recherchieren und sich mit digitalen Mitteln selbst helfen können.
Föderalismus könnte eine Chance sein
Doch Erwachsene erleben gerade auch selbst, wie schwer es digitale Geräte und Technologiekonzerne den Nutzern machen, Arbeit und Freizeit zu trennen. Sie sollten von Kindern also nicht erwarten, dass sie allein und konzentriert auf Youtube lernen. Und Corona sollte nicht dazu führen, dass Kinder mit Lehrern über WhatsApp chatten, als wären es ihre Freunde. Das Argument, sie müssten die Trennung so oder so lernen, sticht nicht: Um Grenzen einzuhalten, muss man sie erst ziehen.
Corona sollte Anstoß sein, für Schüler die besten Lernmittel zu entwickeln, die die Digitalisierung bietet. Doch gerade ist das Gegenteil zu befürchten. Große Konzerne, die ihre Lösungen für die Arbeitswelt schnell halbwegs anpassen können an den Bedarf, erobern die Schulen. Kleinere Unternehmen, die sich auf den Bildungsmarkt spezialisiert haben, werden verdrängt. Das deutsche Bildungssystem hat sich bewährt. Deutschland sollte das Selbstbewusstsein und den Mut haben, es selbst ins Digitalzeitalter zu überführen. Der Föderalismus kann eine Chance sein, an verschiedenen Orten unterschiedliche Programme, Plattformen und Cloud-Lösungen zu testen.
Wer glaubt, dass es in Coronazeiten nur noch darum gehen kann, Lernmaterialien schnell den Schülern zu senden und Hausaufgaben zurückzuschicken, irrt gewaltig. Wäre es so, müsste man derzeit ohnehin auf die analoge Post setzen, weil eben nicht jedes Kind zu Hause Internet, ein geeignetes technisches Gerät zur Bearbeitung oder einen Drucker hat.
Mit der Schulpflicht hat der Staat klar postuliert, dass Kinder Anspruch auf eine Klassengemeinschaft und Lehrer haben. Eltern und digitale Mittel dürfen das nach dem Gesetz nicht ersetzen. Viele Familien sind vor Corona mit Klagen dagegen gescheitert. Denn bei der Bildung kommt es immer auch auf Beziehung und Vorbildfunktion an, die sich digital nur schlecht vermitteln lassen – in Homeschooling-Zeiten ebenso wie im Klassenzimmer.
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