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Menschen mit BehinderungWird das Potenzial auf dem Arbeitsmarkt unterschätzt?

Eine Umfrage im Handwerk zeigt, dass viele Betriebe Inklusion positiv sehen, es aber auch weiterhin Vorbehalte gegen die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung gibt.Frank Specht 26.02.2024 - 16:47 Uhr
Kellner mit Trisomie 21 in einem Café: Menschen mit Behinderung haben es oft schwer, eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Foto: IMAGO/HalfPoint Images

Berlin. Für Gerd Jahnsmüller ist Inklusion eine Selbstverständlichkeit. In seiner Bäckerei „Goldbrötchen“ im sächsischen Werda beschäftigt der Handwerker elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit gesundheitlichen Einschränkungen. Das entspricht einem Drittel der Belegschaft.

„Es ist ihnen durch die Arbeit bei uns möglich, aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ihrem Tag Struktur zu verleihen und von nicht behinderten Menschen anerkannt zu werden“, sagt Jahnsmüller, der den Familienbetrieb seit 2015 führt. 2021 wurde das Unternehmen mit dem Inklusionspreis der Wirtschaft ausgezeichnet.

Der Bäcker hofft, dass sich sein Beispiel durchsetzt und sich mehr Betriebe entsprechend engagieren. Denn noch immer haben es Menschen mit Behinderungen schwer, sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren. Und das, obwohl sie oft überdurchschnittlich qualifiziert und hochgradig motiviert seien, wie Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagt.

Heil setzt vor allem auf mehr Druck und sieht höhere Ausgleichsabgaben für Betriebe vor, die ihrer Beschäftigungspflicht nicht nachkommen. Denn Unternehmen mit mindestens 60 Mitarbeitern müssen fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzen. Bei 20 bis 39 Beschäftigten ist es ein Pflichtarbeitsplatz, bei 40 bis 59 Mitarbeitern sind es zwei.

Im Handwerk mit seiner oft kleinteiligen Struktur unterliegen viele Betriebe keiner Beschäftigungspflicht, da sie weniger als 20 Mitarbeiter haben. Dennoch spielt das Thema Inklusion dort eine zunehmende Rolle – auch angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels. In einer Umfrage der Krankenkasse IKK classic unter 650 Handwerkerinnen und Handwerkern, die dem Handelsblatt vorliegt, gaben 38 Prozent der Befragten an, dass ihr Betrieb bei der Inklusion Vorreiter oder zumindest fortgeschritten ist.

Weiterhin Vorbehalte gegen Behinderte

Aber immerhin fast ein Drittel der Befragten räumte auch ein, bei dem Thema noch ganz am Anfang zu stehen. 23 Prozent der Handwerkerinnen und Handwerker erklärten, dass ihr Arbeitsplatz bereits vollständig barrierefrei, also für Menschen mit und ohne Behinderung zugänglich und nutzbar sei. Bei 36 Prozent ist das aber noch nicht der Fall.

Allerdings gibt es auch Vorbehalte. So sind 15 Prozent der Befragten der Ansicht, dass Menschen mit Behinderung weniger leistungsfähig sind als Menschen ohne Behinderung. Jeder fünfte glaubt aber, dass sich die Inklusion positiv auf das Arbeitsklima auswirkt.

Zwar ist die Arbeitslosenquote für Menschen mit Behinderungen im Jahr 2022 auf einen Tiefstwert von knapp unter elf Prozent gesunken. Sie lag damit aber immer noch mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Quote. Dem Arbeitsmarkt stünden rund 166.000 Menschen zusätzlich zur Verfügung, wenn das Potenzial von Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen besser genutzt würde, rechnete Heil im vergangenen Jahr vor, als die Regierung das Gesetz zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarktes auf den Weg brachte.

Heil setzt vor allem auf mehr Druck und sieht höhere Ausgleichsabgaben für Betriebe vor. Foto: dpa

Doch rund vier von zehn Arbeitgebern kommen ihrer Beschäftigungspflicht nicht nach. Die Bundesregierung hat deshalb bei der Ausgleichsabgabe eine neue „vierte Staffel“ eingeführt. Arbeitgeber, die trotz Verpflichtung keinen einzigen Schwerbehinderten beschäftigen, müssen jetzt 720 Euro im Monat für jeden nicht besetzten Pflichtarbeitsplatz zahlen.

Sanktionen nicht der richtige Weg

Inklusion fördere die Achtsamkeit und Empathie und trage zu einer positiven Veränderung der Unternehmenskultur und des Arbeitsklimas bei, ist der Vorstandsvorsitzende der IKK classic, Frank Hippler, überzeugt. „Forschungsergebnisse zeigen zum Beispiel, dass Beschäftigte in inklusiven Unternehmen es als Gewinn empfinden, eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen.“

Handwerkspräsident Jörg Dittrich: „Inklusion wird sicher nicht die alleinige Antwort auf den enormen Fachkräftebedarf sein, aber kann sicherlich einen Beitrag dazu leisten.“ Foto: dpa

Wie wichtig Inklusion vielen Handwerkern sei, zeige sich auch daran, dass es vor allem auch Betriebe mit nur wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seien, die Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung beschäftigten, obwohl sie nicht dazu verpflichtet seien, sagt der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Jörg Dittrich.  „Daraus erklärt sich auch, warum wir die Anhebung der Ausgleichsabgabe kritisch sehen.“

Sanktionen seien nicht der richtige Weg, um mehr Betriebe für mehr Inklusion zu gewinnen, betont der Handwerkspräsident. „Die Ausgleichsabgabe zu erhöhen, setzt zudem auch nicht an den tatsächlichen Problemen an.“ Wichtiger wäre, bürokratische Hürden und Belastungen abzubauen und mehr Positivbeispiele hervorzuheben.

Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe, der von 2009 bis 2013 Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen war, ist überzeugt, dass Druck allein nicht helfen wird. „Es gibt noch immer viele Hindernisse, die einer erfolgreichen Inklusion im Wege stehen“, sagt Hüppe.

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So sei es für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen oft attraktiver, in einer Werkstatt für behinderte Menschen zu arbeiten und Grundsicherung zu beziehen als für den Mindestlohn auf dem ersten Arbeitsmarkt. Aktuell gibt es rund 300.000 Werkstattbeschäftigte.

Unternehmen schreckt der Kündigungsschutz

Auch im Erwachsenenalter zahlt der Staat für sie beispielsweise weiter Kindergeld und übernimmt die Fahrtkosten zur Arbeit, was bei einer Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt wegfällt. Zudem bekomme der Werkstattbeschäftigte, obwohl er selbst keine Beiträge zahle, später 40 Prozent mehr Rente, erklärt Hüppe.

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Viele Unternehmen scheuten zudem vor dem strengen Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderungen zurück, die zudem höhere Urlaubsansprüche haben, erklärt der Parlamentarier. Und Betriebe, die ihrer Beschäftigungspflicht nicht nachkämen, könnten sich die fällige Ausgleichsabgabe sparen, indem sie einfach Aufträge an eine Werkstatt für behinderte Menschen geben. „Das boykottiert die Inklusion im ersten Arbeitsmarkt“, kritisiert Hüppe.

Von den im Auftrag der IKK classic befragten Handwerkern sind nur 27 Prozent der Meinung, dass jedes Unternehmen sich dazu verpflichten sollte, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen. ZDH-Präsident Dittrich glaubt aber, dass viele Betriebe dies auch ganz ohne Zwang tun, weil sie eine Chance sehen: „Inklusion wird sicher nicht die alleinige Antwort auf den enormen Fachkräftebedarf sein, aber kann sicherlich einen Beitrag dazu leisten.“

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