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Coronomics – Die Langfristfolgen der Pandemie Die Coronakrise verschärft die Lage auf dem chinesischen Arbeitsmarkt

Experten schätzen die Erwerbslosenquote in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt derzeit auf zehn Prozent. Die Regierung versucht nun gegenzusteuern.
17.08.2020 - 12:52 Uhr Kommentieren
Die hohe Arbeitslosigkeit gefährdet die unausgesprochene Abmachung zwischen Regierung und Bevölkerung. Quelle: dpa
Mitarbeiter einer Stahlfabrik

Die hohe Arbeitslosigkeit gefährdet die unausgesprochene Abmachung zwischen Regierung und Bevölkerung.

(Foto: dpa)

Tianjin Eine schmucklose Messehalle in der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin im Juli: Es ist 8.45 Uhr, draußen ist es bereits um diese Zeit drückend heiß. Seit 15 Minuten sollte in der Halle eigentlich eine Jobmesse mit Hunderten Ausstellern starten. Doch nur vereinzelt sitzen hinter den mehr als 100 weißen Tischen an den kleinen, mit Plastikwänden abgetrennten Ständen Vertreter lokaler Unternehmen.

Einer von ihnen ist Zhang Lin Zhe. Er sucht nach Vertriebsmitarbeitern für seine Firma Tianjin Double-lucky Antiepidemic, die er gemeinsam mit ehemaligen Kollegen erst im Mai gegründet hat. Das Unternehmen stellt Desinfektionsroboter her.

Zhang glaubt, dass die Branche Zukunft hat. „Das Virus wird nicht verschwinden“, fürchtet er. Er war vergangenes Jahr auch schon auf der Messe. „Damals waren hier viel mehr Unternehmen und Jobsuchende“, erzählt er.

Die Messehalle in Tianjin spiegelt im Kleinen die schwierige Lage Chinas wider. Die Coronakrise hat die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hart getroffen. Im ersten Quartal hatte die Volksrepublik zum ersten Mal seit Beginn der offiziellen Verkündung der Quartalszahlen im Jahr 1992 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung verzeichnet – um 6,8 Prozent. Vor allem kleine und mittelgroße Privatunternehmen sind bereits zu Hunderttausenden pleitegegangen.

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    Laut offiziellen Zahlen lag die Arbeitslosenquote im Juli zwar bei 5,7 Prozent. Doch die Statistik ist unvollständig, rund 300 Millionen Wanderarbeiter werden gar nicht erst in die Zahl mitaufgenommen. Experten wie Yue Su, China-Ökonomin bei der Economist Intelligence Unit, schätzen die tatsächliche Arbeitslosenrate auf zehn Prozent.

    Verschärfte Lage

    Die hohe Arbeitslosigkeit und der damit einhergehende Wohlstandsverlust gefährdet die stille Abmachung, die das autokratische Regime unter Staats- und Parteichef Xi Jinping mit dem Volk eingegangen ist: Chinas Bevölkerung erträgt in weiten Teilen die Repressionen des Regimes, solange ihr Wohlstand wächst. Doch diese Rechnung droht nicht mehr aufzugehen – und zwar nicht erst seit der Coronakrise.

    Wegen des anhaltenden Handelsstreits und eines sich verlangsamenden Wirtschaftswachstums war Chinas Jobmarkt bereits zuvor unter Druck geraten. Die Lage hat sich durch die Coronakrise jedoch deutlich verschärft.

    Die chinesische Regierung versucht nun gegenzusteuern. Insbesondere die rund 8,7 Millionen Studierenden, die in diesem Jahr die Hochschulen des Landes verlassen, bereiten Peking Kopfzerbrechen. „Sowohl Universitätsstudenten als auch Migranten sind Hochrisikogruppen, doch in den politischen Reaktionen wird Ersteren Vorrang eingeräumt“, sagt China-Ökonomin Yue Su im Gespräch mit dem Handelsblatt.

    In einem Brief an Absolventen der China University of Petroleum betonte Staats- und Parteichef Xi jüngst, dass Parteikomitees auf allen Ebenen, Regierungen und alle Bereiche der Gesellschaft alles dafür tun müssten, um Hochschulabsolventen bei der Arbeitssuche zu helfen.

    Auch Liu Renxian ist bei der Messe in Tianjin auf der Suche nach seiner ersten Arbeitsstelle. Er hat in diesem Sommer sein Studium der Computerwissenschaften an der Tianjin Normal University abgeschlossen. „Wegen des Virus ist es schwieriger, einen Job zu finden“, klagt er. In seinen Händen dreht er seine Bewerbungsunterlagen, die er in eine Klarsichthülle gesteckt hat.

    Sein Smartphone hat er sich mit einer Schnur um den Hals gehängt, er trägt eine modische Brille mit dickem schwarzem Rand. Viele seiner Kommilitonen, so erzählt Liu, seien bereits in den Vertrieb gewechselt, weil sie in ihrem Feld keinen Job gefunden haben.

    Gleich zu Beginn der Krise hatte die chinesische Regierung die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als wichtigstes Ziel ausgerufen. Der öffentliche Sektor sowie Chinas große und zahlreiche Staatsunternehmen haben traditionell die Aufgabe, die Arbeitslosigkeit gering zu halten – nicht nur in Krisenzeiten.

    Förderung der Selbstständigkeit

    Die Zentralbank lockerte die Geldpolitik, staatliche Banken wurden angewiesen, mehr Kredite insbesondere an kleinere und mittelgroße Firmen zu vergeben. Fällige Schulden sollen später zurückgezahlt werden können, damit die Unternehmen nicht in Liquiditätsengpässe geraten.

    Lokale Regierungen wie die in Tianjin erließen den ansässigen Firmen Sozialversicherungsbeiträge und schafften neue Möglichkeiten für Weiterbildungen. Laut offiziellen Angaben nahmen allein in der Hafenstadt 320.000 Menschen an Online-Trainingsprogrammen teil. Manche Lokalregierungen boten Unternehmen sogar Geld an, wenn sie mehr Menschen einstellten.

    Zudem fördert die Regierung Selbstständigkeit mit finanzieller Unterstützung. „Flexible Beschäftigung“ nennt Peking all diese Maßnahmen. „Das oberste Ziel der chinesischen Regierung ist es, einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern“, sagt Michael Pettis, Wirtschaftsexperte und Finanzprofessor an der Universität Peking, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er glaubt, dass zumindest die offizielle Arbeitslosenquote nicht steigt, weil die Regierung Arbeitsplätze schaffen werde.

    Chinas Premierminister Li Keqiang regte Ende Mai sogar an, dass mehr Menschen kleine Verkaufsstände aufmachen könnten. Der Vorstoß zeigt, wie ernst die Lage ist: Jahrelang hatten Lokalregierungen die kleinen Stände verboten und deren Betreiber aus den urbanen Metropolen vertrieben, weil ihr Anblick nicht zu dem modernen, aufgeräumten Image passte, das chinesische Städte ausstrahlen sollten.

    In einem Brief an Absolventen der China University of Petroleum betonte Chinas Staats- und Parteichef, dass alles dafür getan werden muss, um Hochschulabsolventen bei der Arbeitssuche zu helfen. Quelle: dpa
    Xi Jinping

    In einem Brief an Absolventen der China University of Petroleum betonte Chinas Staats- und Parteichef, dass alles dafür getan werden muss, um Hochschulabsolventen bei der Arbeitssuche zu helfen.

    (Foto: dpa)

    „Man mag sich daran erinnern, dass in den frühen Tagen der Reformen und der Öffnung viele junge Menschen vom Land in die Städte zurückkehrten und die Eröffnung von Teeständen am Straßenrand dazu beitrug, viele von ihnen in Arbeit zu bringen“, sagte Li bei einer Pressekonferenz. In einer Stadt im Westen Chinas seien 36.000 mobile Stände errichtet worden, so Li, wodurch über Nacht etwa 100.000 neue Arbeitsplätze entstanden seien.

    Sein Plädoyer für Verkaufsstände, das er wenige Tage später bei einem Besuch in der westlichen Provinz Shandong wiederholte, sorgte für Aufsehen: Tausende Menschen nahmen ihn beim Wort und stellten überall im Land kleine Tische am Straßenrand auf, wo sie Plastikspielzeug oder selbst gemachtes Essen verkauften.

    „Reiche werden immer reicher“

    Eine hohe Arbeitslosigkeit trifft China doppelt hart. Denn das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik stützt sich zum größten Teil auf die Kauflust der Verbraucher. Rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bestehen aus Konsumausgaben.

    Doch allein im ersten Quartal dieses Jahres ist das verfügbare Einkommen der chinesischen Bevölkerung um vier Prozent gesunken. Laut dem aktuellen China Household Wealth Index Survey Report von Southwestern University of Finance and Economics in Chengdu und Ant Financial, Betreiber des chinesischen Online-Bezahldienstes Alipay, wurden die Menschen mit einem Einkommen von unter 300.000 Yuan (rund 37.000 Euro) von der Krise besonders hart getroffen. Rund 35 Prozent der befragten Haushalte mit einem Einkommen von unter 50.000 Yuan (rund 6000 Euro) gaben an, dass ihr Einkommen signifikant gesunken sei.

    Menschen mit hohem Einkommen spüren von der Krise hingegen kaum etwas. „Die Reichen werden in dieser Krise immer reicher, aber die Armen werden wirklich hart getroffen“, sagt China-Ökonom Pettis. Im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland bekommen Arbeitslose in China so gut wie keine finanziellen Hilfen vom Staat.

    Vereinzelt machen die Menschen ihrem Ärger über ihren sinkenden Wohlstand bereits Luft, etwa als Anfang August Zahlen veröffentlicht werden, die zeigten, dass die Verbraucherpreise weiter angestiegen sind. „Zehn Jahre lang gearbeitet, sparsam bei Lebensmitteln und Ausgaben, kann sich immer noch kein Haus leisten“, klagt ein Nutzer auf dem chinesischen Twitter-Pendant Weibo. Und ein anderer schreibt: „Die Epidemie hat das Leben bereits zu teuer gemacht, der Preis für Schweinefleisch steigt wie verrückt. Sollte die Regierung nicht normalen Menschen wie uns helfen?“

    Es ist vor allem die Mittelschicht, die der Zentralregierung in Peking gefährlich werden könnte. Menschen mit geringer Bildung und geringem Einkommen, größtenteils sogenannte Wanderarbeiter, die in einfachen Jobs in den großen Städten gearbeitet haben, kehren in der Regel in ihre Dörfer zurück und bestellen dort Land, um über die Runden zu kommen.

    Damit fallen sie heraus aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik. Für die chinesische Regierung stellen sie somit ein geringeres Problem dar als die Millionen von gut ausgebildeten Universitätsabsolventen.

    Da frische Absolventen keine Berufserfahrung haben und es an praktischer Berufsausbildung an den Universitäten mangelt, gebe es normalerweise ein Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage, so China-Ökonomin Su. Bei der Beschäftigung der jungen Bevölkerung werde es daher wahrscheinlich erst zu einer Verbesserung kommen, wenn die Wirtschaft sich deutlich erholt habe.

    Als die Jobmesse in Tianjin um die Mittagszeit schließt, hat auch Informatiker Liu kein Glück gehabt. Aufgeben und etwas in einem anderen Bereich suchen will er aber noch nicht. „Es ist mein erster Job, ich sollte sorgfältig auswählen“, glaubt er. Wenn die Arbeitssuche nicht gut ausgeht, will er versuchen, eine Stelle im Staatsdienst zu kommen.

    Mehr: Deutsche Unternehmen in China blicken besorgt auf die zweite Jahreshälfte

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