Guido Steinberg: Nahost-Experte: „Die Kämpfe werden härter und komplizierter“
Berlin. Im Konflikt zwischen Israel und der Hamas sieht der Nahost-Experte Guido Steinberg weiterhin die Gefahr eines Flächenbrands. „Wir sehen, dass die Verbündeten der Hamas mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern gegen Israel vorgehen“, sagt der Forscher von der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Die vom Iran unterstützte Hisbollah tue das besonders intensiv, schiitische Milizen aus dem Irak hätten das getan, und man sehe jetzt, dass auch die Huthi-Rebellen vom Jemen aus nicht nur Raketen oder Drohnen in Richtung Israel abschössen, sondern auch den Schiffsverkehr im Roten Meer behinderten. „Jede dieser Aktionen birgt die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation“, warnt Steinberg im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Israel wird immer wieder für sein militärisches Vorgehen in Gaza kritisiert – aber hat das Land überhaupt eine Wahl?
Israel hat keine Wahl, wenn es um den Versuch geht, die Hamas zu zerschlagen. Wenn es das nach den Ereignissen vom 7. Oktober nicht tun würde, würde das erstens dazu führen, dass die Hamas auch in Zukunft wieder ähnliche Angriffe versucht. Zweitens muss Israel seine Abschreckungsfähigkeit gegenüber anderen Terrororganisationen wiederherstellen, vor allem gegenüber der Hisbollah. Wenn es aber um die konkrete Art der Ausführung geht, bin ich der Meinung, dass Israel deutlich mehr tun kann, um Zivilisten zu schützen.
Was meinen Sie genau?
Israel hat Nordgaza mit enormen Mengen Sprengstoff bombardiert, was zu großen Zerstörungen geführt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jeder dieser Luftangriffe tatsächlich militärisch gerechtfertigt war.
Die vielen palästinensischen zivilen Opfer führen ja vor allem in der arabischen Welt zu viel Kritik. Deutschland versucht, den Mittelweg zu gehen: Israel auf der einen Seite beizustehen, aber auf der anderen Seite auch Kritik wegen der vielen Opfer in Gaza zu üben. Funktioniert dieser Spagat?
Es ist ganz deutlich, dass im arabischen Raum ein verzerrtes Bild von der deutschen Politik ankommt. Es wird oft darüber berichtet, dass die Bundesregierung Israel ihre vorbehaltlose Unterstützung für die Angriffe auf die Hamas ausspricht. Aber dass Außenministerin Annalena Baerbock die Zweistaatenlösung fordert und auch die Gewalt jüdischer Siedler kritisiert, darüber wird weniger berichtet.
Verliert Deutschland gerade selbst die eher prowestlich gestimmten Länder im Nahen Osten?
Nein. Die meisten prowestlichen Regierungen haben genauso wie wir ein großes Interesse daran, dass die Hamas zerschlagen wird. Im Unterschied zur Bundesregierung sagen die das aber nicht öffentlich. Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten, auch Jordanien und Marokko sind nach außen sehr kritisch gegenüber Israel, auch gegenüber der deutschen Haltung, aber letzten Endes unterscheidet sich ihre Position fast nicht von unserer.
Kurz nach dem Angriff der Hamas auf Israel war immer die Rede von einem möglichen Flächenbrand in der Region. Besteht diese Gefahr weiterhin und wird genug getan, um das zu verhindern?
Anfangs bestand die Gefahr, dass sich andere Organisationen der Hamas anschließen. Die Hamas scheint gehofft zu haben, dass die Hisbollah und andere schiitische Milizen aus dem Irak und letzten Endes dann auch die Iraner sich möglicherweise beteiligen. All diese Akteure wollen aber bisher den großen Konflikt vermeiden.
Das ist ja erst mal eine positive Nachricht.
Genau. Jetzt gibt es allerdings ein paar Probleme. Zunächst einmal ist die Hamas Teil von einer Art Schutzbündnis, das die Iraner gern die „Achse des Widerstands“ nennen. Dieses Bündnis umfasst Milizen in Syrien und im Irak, die Hisbollah im Libanon und die Huthi im Jemen. Die Frage ist, ob die Hisbollah, Iran und die schiitischen Milizen aggressiver reagieren, wenn sie befürchten müssen, dass die Hamas tatsächlich, wie von Israel beabsichtigt, zerschlagen wird. Also wenn in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten die ersten wichtigen Hamasführer aus ihren Kellerlöchern gezogen werden, tot oder lebendig, wie reagiert die „Achse des Widerstands“ dann?
Welche anderen Gefahren gibt es, die einen Flächenbrand in der Region auslösen könnten?
Es gibt die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation. Wir sehen, dass die Verbündeten der Hamas mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern gegen Israel vorgehen, die Hisbollah tut das besonders intensiv, schiitische Milizen aus dem Irak haben das getan, und wir sehen jetzt, dass auch die Huthis nicht nur Raketen oder Drohnen in Richtung Israel abschießen, sondern auch den Schiffsverkehr im Roten Meer behindern. Jede dieser Aktionen birgt die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation.
Worauf muss sich die Weltgemeinschaft jetzt einstellen? Wie lange wird der Krieg dauern?
Ich gehe davon aus, dass die Kämpfe ein paar Wochen, vielleicht auch noch zwei oder drei Monate dauern werden. Dann werden die Israelis vor allem durch die USA unter immer größeren Druck geraten, die Kämpfe zu beenden.
Also wird die militärische Auseinandersetzung bis ins nächste Jahr fortgesetzt.
Ja. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es im Süden jetzt militärisch schwieriger wird. Zunächst einmal befindet sich dort die Hamas-Führung und der Großteil der Hamas-Kämpfer. Auch der Islamische Dschihad ist in dieser Umgebung stärker. Hinzu kommt, dass die meisten Zivilisten in diese Gegend geflüchtet sind. Die Kämpfe werden also erstens härter und zweitens, wenn es um die Frage der Vermeidung von zivilen Opfern geht, sehr viel komplizierter.
Die israelische Regierung hat immer gesagt, dass das Ziel die vollständige Zerstörung der Hamas ist – ist das realistisch in ein paar Monaten? Man wird ja nicht alle Hamas-Kämpfer töten oder gefangen nehmen können.
Ich glaube nicht, dass das gemeint war. Die Ankündigung, die Hamas zu zerstören oder zu zerschlagen, habe ich immer so verstanden, dass erstens die Hamas die Herrschaft über den Gazastreifen verliert. Das ist schon geschehen. Und zweitens sollen die allerwichtigsten Führer entweder getötet, gefangen oder vertrieben werden und ein nennenswerter Teil der Kämpfer tot oder gefangen sein. Diese Ziele sind durchaus erreichbar. Wir werden das auch in den nächsten Tagen und Wochen erleben. Die Hamas scheint tatsächlich hohe Verluste zu haben.
Welche Rolle spielt China in dem Konflikt? Ist Peking überhaupt relevant im Nahen Osten?
Dass China in der Region immer relevanter wird, hat sich spätestens mit der Vermittlung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien gezeigt, die zum Abkommen vom März 2023 geführt hat. Im Konflikt zwischen der Hamas und Israel spielen sie aber keine Rolle.
Trotzdem bringt sich China immer wieder in den Konflikt ein. Warum?
Wir müssen damit rechnen, dass sich China in den nächsten Jahren immer häufiger im Nahen Osten einbringen wird. Schon jetzt wird deutlich, dass sich da ein informelles Bündnis gebildet hat. Auch im Nahen Osten arbeiten die Gegner der USA zusammen – dazu gehören Russland, Iran, China, aber auch Syrien und damit implizit auch Organisationen wie Hisbollah und die Hamas. Der aktuelle Konflikt könnte der letzte im Nahen Osten sein, bei dem China eine untergeordnete Rolle spielt.
In Paris hat ein Attentäter – wie er sagt aus Wut gegen die französische Nahostpolitik – einen Mann erstochen. Auch in Deutschland wird vor Anschlägen auf Weihnachtsmärkten gewarnt. Wie hoch ist die Gefahr?
Man muss zwei Dinge unterscheiden: erstens die Gefahr durch Dschihadisten und zweitens die Gefahr durch mit dem Iran verbündete Organisationen wie die Hamas. Mit Blick auf die Dschihadisten können wir eine Verschärfung der Sicherheitslage beobachten. Seit 2017 gibt es immer wieder Versuche von Dschihadisten, kleinere Anschläge zu verüben. Das sind oft Messerangriffe, aber auch andere Attentate. In den meisten Fällen sind die in den vergangenen Jahren gescheitert.
Hat sich die Lage durch die neue Situation in Gaza verschärft?
Wir beobachten, dass der Konflikt in Gaza dazu führt, dass sich vor allem IS-Anhänger in Europa jetzt bemüßigt fühlen, Anschläge zu verüben. Die Sicherheitslage hat sich da insofern leicht verschärft, aber in einer Art und Weise, wie sie mittlerweile bekannt ist. Letzten Endes hat es diese Gefahr auch in den Jahren 2017 bis 2023 gegeben.
Sie sprachen noch von einer zweiten Gefahr: die durch mit dem Iran verbundene Organisationen.
Terrorismus ist vor allem dann gefährlich, wenn er von Organisationen gesteuert wird. Wir hatten über die Gefahr einer größeren regionalen Eskalation gesprochen. Wenn es so weit kommt, dann wächst auch die Gefahr, dass sich Organisationen wie die Hisbollah entscheiden, international Anschläge zu verüben, insbesondere auf Israelis und Juden. Wir wissen schon aus der Vergangenheit, dass die Hisbollah dazu bereit und in der Lage ist, in Europa und in anderen Ländern Anschläge zu verüben.
Herr Steinberg, vielen Dank für das Interview.