Sergej Sobjanin: Putins Vertrauter in Moskau gerät in der Coronakrise plötzlich unter Druck
Die Lage droht außer Kontrolle zu geraten.
Foto: imago images/ITAR-TASSMoskau. Die Bilder haben sich den Moskauer Bürgern förmlich eingebrannt: Kilometerlange Staus an den Einfahrtsstraßen und riesiges Gedränge an den Eingängen zur Moskauer U-Bahn, dem Hauptverkehrsmittel der Stadt.
Es war der Start der elektronischen Passierscheine Mitte April, der zu einem riesigen Verkehrschaos in Russlands Hauptstadt führte. Die durchaus umstrittenen Passiercodes sollten die Bewegungen der Menschen überwachen – und somit die Ausbreitung des Coronavirus aufhalten.
Doch die Polizei war mit der Kontrolle schlicht überfordert. Nun, zwei Wochen später, verzeichnen die russischen Behörden einen sprunghaften Anstieg der Infektionszahlen. Trotz des neuen Systems. Zehntausend neue Fälle wurden in den letzten zwei Tage in Russland bekannt, der Großteil davon in Moskau.
Das Image von Moskaus Oberbürgermeister Sergej Sobjanin als Krisenmanager hat dabei erheblich gelitten. Dabei gilt der gebürtige Sibirier seit Jahren als effizientester Technokrat von Präsident Wladimir Putin.
Die beiden kennen sich seit den 1990er-Jahren, als Sobjanin noch im Föderationsrat saß, dem Oberhaus des russischen Parlaments. Putin war zu dieser Zeit Chef des nationalen Sicherheitsrats. Im Jahr 2005 holte ihn der Kremlchef nach Moskau, machte Sobjanin erst zum Leiter der Präsidialverwaltung und später zum Vizepremier und Leiter des eigenen Regierungsapparats.
Absolute Loyalität zu Putin
Seit 2010 ist Sobjanin Oberbürgermeister Moskaus. Sein Vorgänger Juri Luschkow, der sich jahrelang mit dem Kreml gestritten hatte, wurde abgesetzt. Sobjanin hingegen hat seither nicht nur absolute Loyalität demonstriert, sondern auch Managerqualitäten unter Beweis gestellt.
Unter seiner Führung wurden die Behörden in Moskau digitalisiert und der zu Luschkow-Zeiten unkontrollierte Wohnungsbau etwas eingedämmt. Sogar das scheinbar unlösbare Stauproblem in der Stadt bekam Sobjanin durch die Einführung bezahlter Parkplätze und den Ausbau des Nahverkehrs halbwegs in den Griff.
In der Coronakrise profilierte sich Sobjanin ebenfalls schnell. Als die meisten russischen Politiker noch dämmerten, warnte der 61-Jährige bereits vor der nahenden Gefahr. Nicht nur für Sicherheitsmaßnahmen an den Außengrenzen machte er sich stark, sondern auch für die Mobilisierung des Gesundheitswesens. Im Rekordtempo wurden in Moskau neue Krankenhäuser für die Stationierung von Corona-Kranken eröffnet oder umgerüstet.
Unermüdlich in eigener Sache
Während Putin sich im Kreml verschanzte, gab sein Moskauer Statthalter als neuer Corona-Beauftragter unermüdlich Interviews und nutzte die von oben plötzlich gewährte Handlungsfreiheit, um selbst immer einschneidendere Maßnahmen im Coronakampf durchzuführen. So setzte nicht Putin per Erlass die Russen unter Hausarrest, sondern zunächst Sobjanin die Moskauer.
Und seit Mitte April brauchen sie sogar einen Passierschein, um aus dem Haus zu gehen. Lange schien es auch so, dass Sobjanin mit seinem harten Vorgehen Erfolg hatte. Die Ansteckungszahlen in der Metropole stiegen zwar – aber im gemäßigtem Tempo.
Doch nun droht die Lage außer Kontrolle zu geraten. Innerhalb von nur einer Woche haben sich die Ansteckungszahlen fast verdoppelt. Die Krankenhäuser arbeiten am Limit. Sobjanin selbst schätzt, dass mittlerweile zwei Prozent der Moskauer infiziert sind. Das wäre fast das Vierfache der offiziell nun 74.400 in Moskau registrierten Fälle.
Doch noch gibt sich der Oberbürgermeister optimistisch: Für den sprunghaften Anstieg der Infektionen macht er nicht das Chaos bei der Einführung des Passierscheinsystems in Moskau verantwortlich, sondern verbesserte Messmethoden.
Die mehrfach versprochene Lockerung der Ausgangssperren Mitte Mai steht hingegen nicht mehr fest. Wenn die Moskauer sich nicht an die Regeln halten, könnten die – im Gegenteil – noch verschärft werden. Davor warnte Sobjanin bereits.