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Pandemie Corona bringt in den Schwellenländern die Armut zurück

Die Aufsteigerländer aller Kontinente werden von der Pandemie dauerhafter getroffen als die Industriestaaten. Die wachsende Verschuldung treibt viele an den Rand des Staatsbankrotts.
17.04.2020 - 18:36 Uhr 1 Kommentar
Die Wirtschaft leidet nicht nur unter Ausgangsbeschränkungen, sondern als Vorlieferant auch durch die ausbleibende Nachfrage aus den Industriestaaten. Quelle: action press
Coronakrise in der Türkei

Die Wirtschaft leidet nicht nur unter Ausgangsbeschränkungen, sondern als Vorlieferant auch durch die ausbleibende Nachfrage aus den Industriestaaten.

(Foto: action press)

Berlin, Istanbul, Kapstadt, Wien Am Anfang waren es die aufstrebenden Länder Asiens, die – angesteckt von China – einen Coronaschock erlitten. Inzwischen hat das Virus die Wirtschaft in den Schwellenländern weltweit infiziert – mit drastischen Folgen. 100 Milliarden Dollar haben internationale Investoren seit Jahresbeginn aus Schwellen- und Entwicklungsländern abgezogen.

Das ist mehr als während der Asienkrise der 1990er-Jahre und der Finanzkrise 2008/09. Mehr als 100 Schwellen- und Entwicklungsländer haben in den vergangenen zwei Monaten beim Internationalen Währungsfonds IWF Hilfskredite beantragt.

Dabei „fängt die Krise in den Schwellenländern gerade erst richtig an“, ist Sergej Gurijew, Professor an der Pariser SciencesPo und früherer Chefökonom der Osteuropaentwicklungsbank EBRD, überzeugt. Wachstumseinbruch mit unzureichenden Sozialsystemen, ein drastischer Kapitalabzug und Währungsabsturz, eine stark wachsende Verschuldung: Auf den langjährigen wirtschaftlichen Erfolg vielerorts folgen jetzt massive Probleme.

Beispiel Rumänien: Die Pandemie hat den Boom der vergangenen Jahre abrupt beendet. Eine Million Menschen ist arbeitslos, weitere 950.000 Arbeitsverhältnisse ruhen. Allein im März ist die Wirtschaftsleistung im mit 19 Millionen Einwohnern größten Land Südosteuropas um 30 Prozent eingebrochen.

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    In der Türkei, einem Land, das gerade dabei war, sich aus einer Schwächephase herauszuarbeiten, hat seit Jahresbeginn jeder dritte Autozulieferer den Betrieb eingestellt, berichtet Alper Kanca, Präsident des Branchenverbands Taysad. Die türkischen Betriebe sind eng in die europäischen Lieferketten eingebunden. 75 Prozent aller Exporte gehen nach Europa. „Wenn dort die Werke geschlossen bleiben, können wir hier auch nicht produzieren“, sagt Kanca. Ähnliches gilt für den Tourismus: Die allermeisten Gäste der Türkei kommen aus europäischen Ländern.

    Deutlicher Anstieg von Covid-19-Fällen in indischem Slum befürchtet

    Ob Rumänien, die Türkei, ob Russland, Indonesien, Ägypten oder Südafrika, Brasilien oder Mexiko: Die im Geleitzug mit den Milliarden-Einwohner-Staaten China und Indien aufstrebenden Volkswirtschaften drohen von der Pandemie zurück in die Armut gestoßen zu werden.

    Denn das Virus findet in Schwellenländern eine viel breitere Angriffsfläche als in reichen Industriestaaten: Die Wirtschaft leidet nicht nur unter Ausgangsbeschränkungen, sondern als Vorlieferant auch an der ausbleibenden Nachfrage aus den Industriestaaten. Und wie in früheren Krisen reagieren ausländische Investoren ängstlich und ziehen massiv Kapital ab.

    Gesundheitswesen in schlechter Verfassung

    Mit drastischen Folgen: Lokale Währungen stürzen gegenüber der Weltwährung Dollar ab, Staatshaushalte können in der Folge ihre Auslandsschulden und Unternehmen ihre Devisenkredite kaum noch schultern. Die Wirtschaft bricht deshalb stärker und länger ein – und das umso mehr, je mehr sie, etwa in Russland, auf Rohstoffexporten basiert.

    In der Coronakrise kommt ein weiteres Drama hinzu: Das Gesundheitswesen hält dem Virus noch weniger stand als in Italien, Spanien, Frankreich, den hart getroffenen Staaten Westeuropas. Etwa in Rumänien: „Das Gesundheitssystem geht aufgrund seines schlechten Managements, des Abwanderns von Fachkräften und der im EU-Vergleich schlechtesten Finanzierung durch schwere Zeiten“, sagte Analyst Radu Magdin in Bukarest.

    Zwar sei die Lage in den Krankenhäusern noch unter Kontrolle. „Käme es aber zu einem starken Zuwachs an Infektionen, würde die Belastungsgrenze schnell erreicht“, sagt Martin Sieg, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bukarest. Die Zahl der abgewanderten Mediziner soll sich auf 20.000 belaufen. Auch in Altenheimen fehlen Betreuer.

    Die Regierung unter dem konservativen Premier Ludovic Orban verbot daher per Notstandsverordnung, dass Deutschland und Österreich medizinische und soziale Fachkräfte per Flugzeug holen. Für die Dauer des Notstands darf medizinisches Personal nun nicht mehr kündigen.

    Auch in der Ukraine stößt das Gesundheitswesen an seine Grenzen. Immer mehr Ärzte und Krankenschwestern sind selbst infiziert: 784. Das ist ein hoher Anteil bei 4 161 Coronafällen. Die Ukraine und andere ärmere Schwellenländer können nicht mithalten, wenn reiche Golfstaaten und Industrieländer zu horrenden Preisen in China Atemschutzmasken und andere medizinische Güter kaufen.

    Grafik

    Das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche erwartet, dass in Osteuropa die Rezession tiefer wird als während der Finanzkrise. Für viele Schwellenländer bedeutet der nun abreißende Zustrom von Kapital aus dem Ausland, dass sie nicht in der Lage sein werden, weiterhin ihre hohen Leistungsbilanzdefizite zu finanzieren. „Wir gehen davon aus, dass viele Länder in den kommenden Monaten auf multilaterale Unterstützung zurückgreifen werden“, sagt die Ökonomin Elina Ribakova vom Institute of International Finance (IIF), einer Lobbyorganisation der Finanzinstitute.

    Die wachsende Verschuldung treibt viele Länder an den Rand des Staatsbankrotts. Der Libanon und Argentinien haben diesen bereits überschritten. Der IWF musste im März in den Notfallbetrieb umschalten: Seine gesamten Mittel von einer Billion Dollar will er in der Krise einsetzen. „Wir müssen eine beispiellose Zahl an Notrufen beantworten“, sagt IWF-Chefin Kristalina Georgiewa. Das Soforthilfeprogramm von 50 Milliarden Dollar wurde verdoppelt.

    Das Frühjahrstreffen von IWF und Weltbank, bei dem Finanzminister und Notenbankchefs sowie Entwicklungsminister von 189 Staaten über die Weltwirtschaft beraten haben, geriet zum Weltkrisentreffen per Videokonferenzen. Für die ärmsten 25 Entwicklungsländer verständigten sich die reichsten 20 Staaten (G20) am Mittwoch auf Stundung von Zins und Tilgung der bilateralen Staatsschulden bis Ende dieses Jahres. „Das wird nicht reichen“, sagte Georgiewa. Sie verlangt längere Schuldenmoratorien und Zuschüsse für arme Länder, damit sie die Rezession überwinden können.

    Mehrfach appellierte sie während der Frühjahrstagung gemeinsam mit Weltbank-Chef David Malpass an die G20, doch bitte – wie in der Finanzkrise – ein Gemeinschaftsprogramm zur Genesung der Weltwirtschaft zu entwickeln. Ein Appell, der weitgehend verhallte.

    Erstmals kein Wachstum seit Jahrzehnten

    Ein kriselndes Land zieht das nächste mit sich. In Asien wächst die Wirtschaft 2020 erstmals seit 60 Jahren nicht mehr, stellte der IWF fest. Osteuropa steht demnach wie Lateinamerika vor einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 5,2 Prozent. Südafrika muss mit einer um 5,8 Prozent schrumpfenden Wirtschaftsleistung rechnen.

    Der türkische Ökonom Ali Agaoglu erwartet inzwischen, dass auch die Türkei noch beim IWF um Hilfe wird bitten müssen, auch wenn Präsident Recep Tayyip Erdogan das noch ausschließt. Das Rettungsprogramm der Regierung werde jedenfalls nicht ausreichen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, glaubt er.

    Kaum ein Schwellenland aber ist ähnlich schlecht auf die Corona-Pandemie vorbereitet wie Südafrika. „Die Regierung hat in den letzten zehn Jahren so viel Geld verschwendet und so viele Investoren aus dem Land gejagt, dass die Staatskasse leer ist und entsprechend klein der Spielraum für fiskalische Stimuli“, sagt Frans Cronje, Chef des unabhängigen Thinktanks „Institute of Race Relations“.

    Die bis Ende April verhängte fünfwöchige strikte Ausgangssperre wird sich dabei vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen auswirken. Sie aber sind Südafrikas Jobmotor. „Hunderte, wenn nicht gar Tausende Kleinbetriebe werden pleitegehen mit verheerenden Folgen für den Arbeitsmarkt“, befürchtet der Wirtschaftsberater Dirk de Vos.
    Schon jetzt trifft das Virus auf ein Land mit einer Rekordarbeitslosigkeit von 30 Prozent und Nullwachstum. Einige Beobachter erwarten nun einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf bis zu 50 Prozent.

    Hoffnung auf eine einigermaßen schnelle Erholung sehen Experten am ehesten für Osteuropa. Die Länder könnten von einer Rückverlagerung von Fabriken europäischer Konzerne aus Asien profitieren, sagte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Michael Harms.

    Denn: „Diese Länder sind sehr wettbewerbsfähig.“ Rumänien, Serbien, Nordmazedonien, Weißrussland und die Ukraine könnten zu Gewinnern eines Rückzugs aus Asien werden, so Harms. Für die Ukraine gelte dies aber nur, wenn sie mit IWF-Hilfe dem Staatsbankrott entgeht.

    Ein Blick in weitere Schwellenländer
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    1 Kommentar zu "Pandemie: Corona bringt in den Schwellenländern die Armut zurück"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Machen wir uns nichts vor, in diesen Schwellenländern regieren fast ausschließlich Autokraten. Erdogan, Bolsonaro, Xi, Putin und natürlich Trump im neuen Schwellenland USA. Ich kann da durchaus ein Muster erkennen, das alle, die sich unermüdlich nach dem sog. „Starken Mann“ sehnen, stutzig machen sollte.
      Die Rückkehr der Armut ist vielleicht auch Chance auf eine Rückkehr der Demokratie.

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