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Coronavirus Es droht eine globale Schuldenkrise

Bereits hoch verschuldete Staaten müssen sich noch weiter verschulden. Das könnte eine Kettenreaktion von Kreditausfällen auslösen – mit drastischen Folgen auch für reiche Staaten.
03.04.2020 - 16:38 Uhr Kommentieren
Die Preise für Rohstoffe sind eingebrochen. Quelle: Reuters
Minenarbeit in Afrika

Die Preise für Rohstoffe sind eingebrochen.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Die Corona-Pandemie hat die Industrieländer kalt erwischt und bisher nicht dagewesene wirtschaftliche und finanzielle Ausfälle verursacht. Doch die reichen Länder haben riesige Mittel, sich dem entgegenzustemmen und die Folgen abzumildern – und sie nutzen sie. Die Entwicklungsländer haben nichts dergleichen. Dabei werden sie von den Folgen der Pandemie mindestens ebenso hart getroffen.

Wie die ständige Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (Unctad) in einer am 30. März veröffentlichten Analyse feststellt, waren die Folgen der Pandemie in Form von Kapitalflucht, höheren Kreditzinsen, Währungsabwertung und sinkenden Exporterlösen schlimmer für die Entwicklungsländer als das, was sie 2008 nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers verkraften mussten. In nur einem Monat wurden 60 Milliarden Dollar an Kapital abgezogen, zweimal so viel wie damals.

Der Wert der Währungen der Entwicklungsländer gegenüber dem Dollar ist um fünf bis 25 Prozent gesunken, was den Schuldendienst für Auslandsschulden in Dollar entsprechend teurer macht. Zu den von Abwertung am stärksten betroffenen Ländern zählen Brasilien, Mexiko, Indonesien, Russland und Südafrika.

Gleichzeitig ist nicht nur der Tourismus zum Erliegen gekommen, sondern auch der Preis für Rohstoffe eingebrochen, die für viele Länder Hauptexportprodukte sind. Seit Jahresanfang beträgt der Rückgang nach Unctad-Berechnungen 37 Prozent. Hinzu kommt, dass die Handelspartner aufgrund der Einstellung der Produktionen viel weniger abnehmen.

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    Es braucht also noch nicht einmal eine Ansteckung der eigenen Bevölkerung, damit die Pandemie für die Entwicklungsländer eine Katastrophe ist.

    Die absehbare Folge: Laut Unctad werden den Entwicklungsländern 2020 und 2021 zwei Billionen (2000 Milliarden) Dollar fehlen, um ihre finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen.

    Das hat das Zeug, eine Schuldenkrise auszulösen, die viele direkte und indirekte Kreditgeber in den Industrieländern mit in ihren Sog zieht. „Wenn nicht sofort gehandelt wird, wird sich die Verschuldungskrise rasch in einen Tsunami von Zahlungsausfällen verwandeln“, sagte Unctad-Direktor Richard Kozul-Wright.

    Die Entwicklungsländer stehen vor zwei riesigen Problemen. Anders als die Industrieländer mit ihren großen internationalen Reservewährungen können sie nicht einfach Geld drucken, um die Folgen der Pandemie zu bewältigen. Sie haben keine Möglichkeit, auch nur annähernd so große Hilfsprogramme für ihre Bürger und Wirtschaft aufzulegen, wie das die Industrieländer bereits getan haben.

    Außerdem schlittern sie mit einer in Relation zu ihrer Wirtschaftsleistung rekordhohen Verschuldung in diese Krise. Schon 2018 lag ihre Gesamtverschuldung bei fast 200 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung. Das beinhaltet die Schulden des Staates und der Privaten, sowohl im Inland als auch im Ausland.

    Hinter der starken Zunahme stehen nach Unctad-Angaben vor allem die Unternehmen, deren Schulden zu einem Drittel auf ausländische Währung laufen und von ausländischen Gläubigern gehalten werden. China ist dabei nicht eingerechnet.

    Schattenbanken im Fokus

    Kreditgeber seien demnach in großem Umfang ausländische Schattenbanken, also Finanzinstitute, die bankähnliche Geschäfte tätigen, ohne wie Banken reguliert zu werden. Sie wären die ersten Betroffenen, wenn es zu Zahlungsausfällen in großem Stil kommt. Da diese Schattenbanken sich wiederum bei normalen Banken verschulden, könnte eine Zahlungskrise auch diese in ihren Sog ziehen.

    Ausgerechnet in diesem Jahr stehen besonders viele Regierungsanleihen zur Tilgung an. Allein von den Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen, China nicht gerechnet, laufen 2020 Staatsanleihen im Volumen von 415 Milliarden Dollar aus, 2021 nochmal 147 Milliarden  Dollar. Wegen der Kapitalflucht wird es kaum möglich sein, diese zu bezahlbaren Zinsen durch die Ausgabe neuer Anleihen zu refinanzieren.

    Die anstehenden Rückzahlungen der privaten Unternehmen kommen hinzu. Von diesen dürften viele in Anbetracht der desolaten wirtschaftlichen Lage während der Pandemie kaum in der Lage sein, den Schuldendienst zu leisten.

    „Diese Probleme können nicht durch die Politik eines einzelnen Landes eingedämmt werden“, mahnt Jayati Gosh, Ökonomieprofessorin in Neu Delhi: „Die Weltgemeinschaft braucht Führung, um die Coronavirus-Pandemie gemeinsam zu bewältigen.“

    Appell an das Eigeninteresse

    Die Unctad appelliert deshalb auch an das Eigeninteresse der Industrieländer, wenn sie jetzt ein großes Hilfsprogramm zur Abwendung einer Schuldenkrise und einer humanitären Katastrophe fordert.

    Dazu soll zusätzliche Liquidität von einer Billion Dollar in Form von neuen Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgegeben werden. Sonderziehungsrechte sind eine Währung mit der Regierungen und Notenbanken untereinander Zahlungen leisten oder die sie zum Beispiel in Dollar oder Euro eintauschen können.

    Zweitens soll ein sofortiges Moratorium für den Schuldendienst der Entwicklungsländer beschlossen werden, gefolgt von einer Schuldenrestrukturierung nach dem Vorbild des Londoner Abkommens, mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg die deutschen Schulden teilweise erlassen, gestreckt und von ausreichenden Exporterlösen abhängig gemacht wurden. Auch hier stellt sich die Unctad ein Volumen von einer Billion Dollar an Schuldenerleichterungen vor.

    Und drittens fordert sie 500 Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfen für die armen Länder zur Wiederankurbelung der Volkswirtschaften nach dem Ende der Coronakrise.

    Den IWF drängt die Unctad, ausdrücklich Kapitalverkehrskontrollen als Krisenmaßnahmen gutzuheißen. Das würde bedeuten, dass Entwicklungsländer verfügen könnten, dass aus den betreffenden Ländern zeitweise nur noch mit Genehmigung Geld ins Ausland überwiesen werden darf.

    Kritik an der Federal Reserve

    Kritik der Unctad erntet die US-Notenbank Federal Reserve dafür, dass sie trotz der zentralen Rolle des Dollars für den globalen Handel und das Weltfinanzsystem nur einer kleinen Gruppe „strategisch ausgewählter“ Länder Dollar-Kreditlinien (Swaps) eingeräumt habe, die es diesen Ländern ermöglichen, sich dringend benötigte Dollar zu besorgen. Dazu gehörten mit Mexiko, Brasilien und Singapur nur drei Schwellenländer und keine Entwicklungsländer.

    Nach Medienberichten sollen bereits mindestens 85 Länder Hilfen des IWF beantragt haben. Die bestehenden Kreditlinien dürften kaum ausreichen, weshalb über eine Ausweitung diskutiert wird.

    Allerdings würden die stark verschuldeten Länder dann nur Kredite bekommen, die normalerweise auch noch mit harten Auflagen einhergehen. Bei einer Verteilung von Sonderziehungsrechten ist das anders.

    Insofern ist die Diskussion hier ähnlich, wie in Europa, wo die einen den besonders betroffenen und besonders klammen Ländern nur über Kredite mit Auflagen helfen wollen, während die anderen Euro-Bonds mit gemeinschaftlicher Haftung fordern.

    Mehr: IWF ruft Staaten zur Zusammenarbeit im Kampf gegen die Krise auf. Lesen Sie hier mehr.

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