Devisen: Die Furcht vor einer Schwellenländer-Krise wächst
Währungen von Schwellenländern wie der Türkei stehen aktuell deutlich unter Druck.
Foto: Joris van Gennip/HH/laif
Frankfurt. Das Coronavirus sendet Schockwellen rund um die Welt. Ob in New York, Paris, Tokio oder São Paolo – überall spiegeln die Börsen die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen wider. Besonders sorgen sich Investoren und auch Ökonomen um Schwellenländer wie Brasilien, Mexiko oder Südafrika.
In Krisenzeiten stehen diese ökonomisch aufstrebenden Länder meist besonders unter Druck – so auch jetzt. Viele Ökonomen rechnen auch jetzt damit, dass die Auswirkungen für die Schwellenländer besonders krass werden. Aktuell kommen die klassischen Zutaten einer Krise zusammen: Investoren ziehen Kapital ab, ihre Währungen geraten unter Druck, und die Last der oft in Dollar notierenden Schulden nimmt zu. Ökonomen erwarten bereits, dass einige Länder die Folgen nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen können.
Laut Daten des Institute of International Finance (IIF), einer internationalen Lobbyorganisation der Banken, haben Investoren im März Kapital in Höhe von 83,3 Milliarden US-Dollar aus den Schwellenländern abgezogen. „Dieser Rekordabfluss von Kapital ist deutlich größer als während der Finanzkrise 2008“, hat das IIF festgestellt.
Der IIF-Chefökonom Robin Brooks schreibt auf Twitter, dass es aktuell zu einer „deutlichen Neubewertung der Schwellenländer“ kommt. Das sieht der Chefökonom des US-Vermögensverwalters MFS, Erik Weisman, ähnlich: „Der Bereich mit den größten Risiken weltweit sind die Schwellenländer – mit Ausnahme von China.
Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ist besorgt. Auf einer Telefonkonferenz mit den Finanzministern und Notenbankchefs der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) warnte seine Chefin Kristalina Georgiewa jüngst, dass in der Krise Schwellenländer und Staaten mit niedrigen Einkommen besonders belastet würden.
Für die Anfälligkeit der Schwellenländer in der aktuellen Krise gibt es mehrere Gründe. Ein klassisches Problem ist, dass sich in Ländern wie Brasilien, Mexiko, Südafrika oder der Türkei viele Unternehmen, aber zum Teil auch der Staat in fremder Währung verschuldet haben, vor allem in US-Dollar. MFS-Chefökonom Weisman verweist darauf, dass die Höhe der in Dollar notierenden Schulden im laufenden Wirtschaftszyklus weiter gestiegen ist. Wenn dann die heimische Währung gegenüber dem Dollar an Wert verliert, steigt die Last ihrer Schulden.
Und genau das ist geschehen: Viele Schwellenländer-Währungen haben zuletzt gegenüber dem US-Dollar deutlich abgewertet. So verloren der brasilianische Real, der mexikanische Peso und der südafrikanische Rand seit Jahresbeginn um mehr als 20 Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar. Die türkische Lira gab im selben Zeitraum um rund elf Prozent nach. „Die Stärke des Dollars ist in der aktuellen Situation sicher nicht hilfreich“, sagt Weisman.
Ein schwächerer Dollar würde es den Schwellenländern leichter machen, mit ihren Problemen fertig zu werden. Danach sieht es aber derzeit nicht aus. Im Gegenteil: Weil Investoren ihr Kapital aus den Schwellenländern abziehen, geraten deren Währungen weiter unter Druck, was neue Unsicherheit schürt – ein Teufelskreis.
Mit der Dollar-Abhängigkeit hängt auch zusammen, dass die meisten Schwellenländer weniger finanzpolitischen Spielraum haben, um auf die Krise zu reagieren. Denn höhere Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite können den Abwertungsdruck der eigenen Währung verstärken.
Keine schlagkräftigen Notenbanken
Und sie haben auch keine so schlagkräftige Notenbank wie etwa die USA oder die Euro-Zone. Die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) haben seit Beginn der Krise in großem Umfang Liquiditätshilfen zur Verfügung gestellt. In den USA kauft die Fed Geldmarktpapiere, Kreditverbriefungen, Staats- und Hypothekenanleihen sowie andere Vermögenswerte und stabilisiert damit die jeweiligen Märkte – ähnlich geht die EZB im Euro-Raum vor. „Es gibt kein Auffangnetz der Fed für die Schulden der Schwellenländer in Dollar oder in lokaler Währung. Das sind Vermögenswerte, die nicht abgedeckt sind“, sagt Weisman.
Zudem glaubt er, dass es durch die aktuelle Krise auch einen Trend weg von der Globalisierung geben wird, der vielen Schwellenländern zusetzen könnte. Bereits der Handelskrieg zwischen den USA und China hat zum Teil bei Unternehmen zu einem Umdenken geführt. Weisman erwartet, dass sich dieser Trend nun nochmals verstärkt. „Multinationale Konzerne haben ihre Lieferketten zu weit ausgedehnt. Sie werden sie wieder näher an den Heimatmarkt bringen müssen“, sagt er.
Der Ökonom geht davon aus, dass US-Unternehmen stärker auf Zulieferer in den USA selbst und aus den Nachbarländern Mexiko und Kanada setzen. Auch bei europäischen und chinesischen Konzernen erwartet er eine Regionalisierung der Lieferketten. „Viele Schwellenländer außerhalb dieser Zentren werden dadurch in einer schwächeren Position sein.“
Ein weiterer Belastungsfaktor vieler Schwellenländer ist der Verfall der Rohstoffpreise. Länder wie etwa Russland, aber auch Brasilien oder Nigeria hängen stark von Einkünften aus Rohstoffexporten ab, die durch die Lähmung der Wirtschaft nun ganz abrupt wegbrechen.
Der IWF rüstet sich für Hilfen
Insgesamt ist das Umfeld für die Schwellenländer derzeit also äußerst schwierig. Für besonders anfällig hält MFS-Chefökonom Weisman Länder mit hohen Defiziten im Haushalt und in der Leistungsbilanz, also im Handel von Waren und Dienstleistungen mit dem Ausland. „Die Türkei, Brasilien oder Argentinien stehen vor großen Herausforderungen“, sagt er.
Wie extrem die Folgen werden, hängt vor allem davon ab, wie schnell es gelingt, das Virus einzugrenzen. Absehbar ist bereits, dass der IWF Schwellenländern helfen muss. „Ich denke, der IWF wird einigen Ländern helfen müssen in Form von Rettungspaketen oder einer Restrukturierung der Schulden“, sagt Weisman.
„Es wäre überraschend, wenn es in einer solchen Krise nicht Schwellenländer gibt, die eine Umschuldung benötigen.“ Der IWF richtet sich bereits darauf ein und erwägt, mehr vorsorgliche Kreditlinien zur Verfügung zu stellen. Nach eigenen Schätzungen werden Schwellenländer Unterstützung im Volumen von 2,5 Billionen US-Dollar brauchen. Und laut IWF-Chefin Georgiewa ist dies eine vorsichtige Schätzung.