Ukraine-Krieg: Nordkorea und Russland forcieren ihren Waffenhandel
Nordkoreas Diktator Kim Jong Un und der russische Außenminister Sergej Lawrow bei einem Treffen in Pjöngjang.
Foto: dpaTokio. Russlands Außenminister Sergej Lawrow setzt das fort, was Kreml-Chef Wladimir Putin im vergangenen Monat weltweit sichtbar eingeläutet hatte: Mit seinem am Mittwoch begonnenen zweitägigen Besuch in Nordkorea zeigt Lawrow der Öffentlichkeit, wie weit die militärische Zusammenarbeit und auch der Waffenhandel zwischen den Nachbarländern bereits fortgeschritten ist.
Zwar sind bislang keine nordkoreanischen Waffen auf dem Schlachtfeld in der Ukraine aufgetaucht, schreiben die Experten der britischen Denkfabrik Royal United Services Institutes (Rusi). „Aber das ändert sich gerade.“ Dutzende Satellitenbilder dokumentierten, wie erste Container, vermutlich mit Munition und Waffen, von Nordkorea über Sibirien in ein neu errichtetes Waffenlager in Tichorezk nahe der ukrainischen Grenze geliefert wurden.
Das über Jahrzehnte hochgerüstete Nordkorea verfügt über ein großes Artilleriearsenal, mit dem Russland seine knappen Bestände auffüllen könnte. Doch die Waffenlieferungen aus dem international weitgehend isolierten Land scheinen weit über das ukrainische Schlachtfeld hinauszureichen – möglicherweise bis zum neuen Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas.
Südkoreas Generalstab erklärte jüngst, Nordkorea habe in der Vergangenheit Raketenwerfer an die Hamas oder verwandte Organisationen geliefert, die nun nach dem Angriff an der Grenze zu Israel gefunden worden seien. Der ehemalige US-Sondergesandte für die Nichtverbreitung von Atomwaffen, Robert Joseph, warnte sogar davor, dass Nordkorea perspektivisch Atomwaffen liefern könnte.
„Ich denke, sie könnten leicht Atomwaffen an andere Schurkenstaaten und an die Art von Akteuren verkaufen, die wir bei den Terroranschlägen im Nahen Osten beobachten“, sagte er diese Woche in einem Interview mit „Voice of America“.
USA fürchten schnellere atomare Aufrüstung Nordkoreas
Nordkoreas Atomwaffenlager ist groß und wächst weiter. Schätzungen zufolge könnte Nordkorea bis 2027 fast 250 Atomsprengköpfe besitzen. Und Nordkorea sei dafür bekannt, Waffen an jeden zu verkaufen, der bereit sei zu zahlen, sagte Joseph. „Das sehe ich als Grund zur Sorge.“
Das von Nordkorea verbreitete Bild soll ein Atom-U-Boot aus nordkoreanischer Produktion zeigen.
Foto: APDie Beziehungen zum alten Partner Russland könnten die Gefahr noch erhöhen. So warnte der US-Sonderbeauftragte für Nordkorea, Sung Kim, kürzlich in Indonesien vor einer beschleunigten Aufrüstung Nordkoreas mit Atomwaffen und Raketen: „Wir sind zutiefst besorgt über das, was Russland im Gegenzug an die Demokratische Volksrepublik Korea liefert“. Diese expansive militärische Zusammenarbeit untergrabe das globale nukleare Nichtverbreitungsregime und gefährde Stabilität und Sicherheit.
Als eine mögliche Gegenleistung Russlands gelten Raketentechnologien. Nordkorea entwickelt bereits ein breites Arsenal von Kurz- bis Langstreckenraketen.
Selbst Marschflugkörper und U-Boot-gestützte Raketen hat das Regime von Machthaber Kim Jong Un bereits getestet. Russisches Know-how könnte dieses Arsenal verbessern – oder einem nordkoreanischen Satellitenprogramm auf die Sprünge helfen. Bisherige Versuche, Satelliten ins All zu schießen, sind gescheitert.
Waffenlieferungen über neue transsibirische Route
Wie ernst es Nordkorea und Russland ist, zeigen die Bewegungen auf der neuen transsibirischen Waffenroute, die vom nordkoreanischen Hafen Rajin über den nahe gelegenen ostsibirischen Militärhafen Dunai auf dem Schienenweg nach Westrussland führt. Diese Woche hat die US-Regierung Nordkorea offen beschuldigt, Munition und militärische Ausrüstung nach Russland zu liefern.
Die Vorwürfe wurden mit Satellitenbildern des Munitionslagers Tichorezk in der russischen Region Krasnodar untermauert. Rusi-Experten bestätigten nach der Durchsicht der hochauflösenden Satellitenbilder, dass das dortige Lager seit August ausgebaut worden war, genau zu der Zeit, als die nordkoreanischen Lieferungen aus Rajin begannen.
„Entscheidend ist, dass auf diesen Bildern auch Züge zu sehen sind, die Frachtcontainer in der gleichen Größe und Farbe liefern, wie sie aus Nordkorea in den Fernen Osten Russlands verschifft werden“, erklärten die Analysten.
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Auch der Beginn der Lieferungen lässt sich auf Satellitenbildern verfolgen. Russland setzt demnach zwei Frachtschiffe ein. Die erste Lieferung von Hunderten Containern aus Russland startete Mitte August. Während der Fahrt hatte der Frachter den vorgeschriebenen Positionssender ausgeschaltet, um die Verfolgung seiner Route zu erschweren. Ende August kehrte das Schiff mit Containern beladen nach Dunai zurück.
Kim Jong Un und der russische Präsident Wladimir Putin kamen in der vergangenen Woche zu Gesprächen zusammen.
Foto: HandelsblattDie Fahrt war kein Einzelfall. „Satellitenbilder der letzten Monate zeigen, dass hier regelmäßig Container mit Sattelschleppern und Eisenbahnwaggons an- und abtransportiert werden, vermutlich für den Transport quer durch Russland in Richtung Tichorezk und die Grenze zur Ukraine“, urteilen die Rusi-Experten.
Die Frage ist, wie die internationale Gemeinschaft nun auf den Bruch der UN-Sanktionen reagieren kann. Nordkorea ist schon jetzt weitgehend isoliert. Zudem hat Russland als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat ein Vetorecht und wird damit neue UN-Sanktionen gegen Nordkorea oder sich selbst verhindern.
So bleiben unilaterale Sanktionen einzelner Staaten. Der südkoreanische Wiedervereinigungsminister Kim Yung-ho sagte diese Woche in einem Interview mit der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap: „Wenn Russland Nordkorea Militärtechnologie anbietet, ist das eine ernsthafte Bedrohung für Südkoreas Sicherheit.“
Sein Land werde dann nicht umhinkommen, gemeinsam mit den USA und anderen Ländern harte Sanktionen gegen Nordkorea und Russland zu verhängen. Wie die aussehen könnten, verriet er allerdings nicht.