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Ukrainische Airline MAU 176 Tote bei Flugzeugabsturz nahe Teheran – Spekulationen über Ursache

Ein ukrainischer Passagierjet ist im Iran abgestürzt, alle Insassen sind tot. Teheran spricht von einem Triebwerksdefekt. Ein deutscher Luftfahrtexperte hat Zweifel.
08.01.2020 Update: 08.01.2020 - 21:04 Uhr Kommentieren

170 Tote bei Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine nahe Teheran

Frankfurt, Moskau Wenige Stunden nach einem iranischen Raketenangriff auf US-Militärobjekte im Irak ist in Teheran am Mittwochmorgen ein Passagierflugzeug abgestürzt. Die Maschine der ukrainischen Airline MAU war auf dem Weg nach Kiew, als sie kurz nach dem Start von den Radaren verschwand.

Auf Amateur-Videoaufnahmen, die die Boeing 737 zeigen sollen, ist zu erkennen, dass das Flugzeug bereits am Himmel in Flammen stand. Der jordanische TV-Kanal Al Hadath twitterte daraufhin ohne Quellenangaben, das Flugzeug sei irrtümlich von der iranischen Luftabwehr abgeschossen worden.

Diese habe sich den Spekulationen zufolge wegen der erwarteten amerikanischen Antwort auf die Raketenschläge in erhöhter Alarmbereitschaft befunden. Eine Bestätigung für diese Meldungen gab es bisher nicht. Zur Einordnung muss erwähnt werden: Die Beziehungen zwischen Iran und Jordanien gelten als gespannt.

Teheran hingegen hatte sofort eine andere Version parat: Demnach ist das Flugzeug aufgrund technischer Probleme abgestürzt. Eins der Triebwerke soll Feuer gefangen haben, worauf der Pilot die Kontrolle über die Maschine verlor. Zumindest würde auch diese Version die Bilder vom Feuerball am Himmel erklären.

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    Luftfahrtexperte zieht offizielle Darstellung Teherans in Zweifel

    Der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg bezweifelt die offizielle Darstellung Teherans, der Absturz der ukrainischen Passagierflugzeuges im Iran sei auf einen technischen Defekt zurückzuführen. „Die Erfahrung lehrt, dass vorschnelle Einschätzungen oft daneben liegen. Wir sollten die ersten offiziellen Untersuchungsergebnisse abwarten, die laut internationalen Vereinbarungen in 30 Tagen vorliegen müssen“, sagte Schellenberg dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

    Laut Schellenberg fehlen zurzeit aussagekräftige Bilder von Wrackteilen, die Auskunft über die Art der Deformation geben könnten. Nur daran sei erkennbar, wie das Flugzeug Feuer gefangen hat und ob es möglicherweise von außen beschossen wurde.

    Bei Spekulationen nach Unglücken ist immer Vorsicht geboten: Wenig hilfreich ist die sehr schnelle Erklärung der iranischen Behörden, dass der Jet wegen eines technischen Defekts zu Boden ging. Die Äußerungen dürften die Spekulationen über die Ursache nun eher noch beschleunigen, weil viele darin eine Verschleierung der wahren Ursache sehen werden.

    Details dürfte die Auswertung der Flugschreiber liefern, die nach internationalem Recht im Iran durchgeführt wird. Während ukrainische Ermittler vor Ort erwartet werden, schließt der Iran übereinstimmenden Medienberichten zufolge den US-Hersteller Boeing von den Untersuchungen aus. Das sei der iranischen Luftfahrtbehörde zufolge auf die aktuellen Spannungen mit den USA zurückzuführen sein.

    Bisher sind tatsächlich nur wenige Fakten bekannt: Das Flugzeug war nicht alt, dürfte also grundsätzlich – eine ordnungsgemäße Wartung vorausgesetzt - in einem technisch guten Zustand gewesen sein. Laut der Informations-Plattform Flightradar wurde die Boeing 737 im Jahr 2016 fabrikneu an Ukraine International Airlines übergeben. Es handelt sich um das Vorgängermodell der 737 Max, die seit Monaten nach zwei Abstürzen am Boden bleiben muss. Die Ursache kann also nicht in der umstrittenen Steuerungssoftware der Max gesucht werden. 

    Probleme mit Motoren

    Der Chef der Fluggesellschaft MAU, Jewgeni Dychne, erklärte, bei dem Unglücksflieger habe es sich „um eins unserer besten Flugzeuge mit einer tollen und zuverlässigen Crew“ gehandelt. „Wir garantieren die Einsatzbereitschaft aller unserer Flugzeuge und die hohe Qualifikation unserer Besatzungen“, fügte er hinzu.

    Die von der ukrainischen Fluggesellschaft geflogene Maschine ist bei vielen Airlines weltweit im Einsatz. Flugzeuge vom Typ Boeing 737-800 zählen laut Luftfahrtexperte Schellenberg zu den weltweit zuverlässigsten. „Die Unglücksmaschine muss in einem korrekten Grundzustand gewesen sein. Sie war kurz zuvor in Paris, Mailand und London. Die technischen Vorschriften für einen Eintritt in den EU-Luftraum sind streng“, sagte Schellenberg dem RND.

    Allerdings sind bei dem Flugzeugtyp Probleme mit den Motoren bekannt. Bei einem Jet von Southwest Airlines gab es im April 2018 einen heftigen Triebwerksausfall, Teile des Motors lösten sich, beschädigten Flügel und Rumpf und zertrümmerten ein Kabinenfenster. Ein Fluggast wurde zeitweise aus dem Fenster gesogen, von anderen aber wieder in die Kabine zurückgezogen. Er starb an den Folgen des Vorfalls.

    Nach Informationen der Hilfsorganisation „Roter Halbmond“ sind die Opfer aufgrund starker Verbrennungen kaum zu identifizieren. Quelle: VIA REUTERS
    Bergung der Trümmerteile

    Nach Informationen der Hilfsorganisation „Roter Halbmond“ sind die Opfer aufgrund starker Verbrennungen kaum zu identifizieren.

    (Foto: VIA REUTERS)

    Allerdings zeigt dieser Vorfall auch, dass ein massiver Motor-Schaden ein Flugzeug nicht derart zum Absturz bringt wie jetzt Flug PS 752 der Ukraine International Airline. Flug SWA1380 landete nach dem Triebwerksschaden in Philadelphia. Grundsätzlich kann die 737 auch mit einem Triebwerk noch fliegen und landen.

    Auffällig ist, dass die Crew keinen Notruf absetzte. Das deutet auf ein oder mehrere Ereignisse hin, die ein komplettes Chaos im Cockpit auslösten. Die Maschine verlor kurz nach dem Start schnell an Höhe und zerschellte am Boden. Dort brannte sie dann aus. Das erschwert die Ursachenforschung. Bilder von der Absturzstelle zeigen stark beschädigte Triebwerke. Doch es ist offen, ob diese Zerstörung in der Luft erfolgte oder durch den Aufprall am Boden. 

    Aus diesen Fakten nun auf einen Raketenbeschuss zu schließen, wäre falsch. Es könnte auch eine Verkettung mehrerer Ereignisse gewesen sein, die das Flugzeug zum Absturz brachte. Spannend wird die weitere Aufklärung des Unglücks sein. Angesichts des Konflikts zwischen den USA und Iran ist die Frage, inwieweit US-Experten etwa von Boeing beteiligt werden. In Fachforen wird bereits die Sorge geäußert, die wahre Ursache des Absturzes werde wohl nie bekannt werden.

    Airlines umfliegen Krisenregion

    Als unmittelbare Folge des Absturzes vermeiden viele Fluggesellschaften die Krisenregion. MAU stellte alle Flüge nach Teheran vorläufig ein, auch die Lufthansa strich am Mittwoch die geplante Verbindung nach Teheran. Zudem wurde der für Samstag vorgesehene Flug nach Erbil im Irak abgesagt.

    Wie die größte Airline Europas in den kommenden Tagen verfährt, will sie noch entscheiden. Die russische Luftfahrtbehörde wiederum hat ihren Fluggesellschaften geraten, den Luftraum über dem Irak, dem Iran, dem Persischen Golf und dem Golf von Oman zu umfliegen.

    Die ukrainische Botschaft im Iran hatte zunächst die Möglichkeit eines Terroranschlags ausgeschlossen und wie der Iran ebenfalls von einer technischen Absturzursache gesprochen. Später redigierte die Botschaft die Meldung dahingehend, dass die Ermittlungen zum Absturz noch laufen und es noch keine offizielle Version für den Grund der Katastrophe gebe.

    Über die Gründe für den Absturz gibt es widersprüchliche Aussagen. Quelle: VIA REUTERS
    Trümmerfeld in Teheran

    Über die Gründe für den Absturz gibt es widersprüchliche Aussagen.

    (Foto: VIA REUTERS)

    Laut dem früheren ukrainischen Vizeverkehrsminister Alexander Kawa hatte MAU zwar finanzielle Schwierigkeiten und Schulden über umgerechnet 60 Millionen Dollar gegenüber dem Hauptflughafen Kiew-Borispol und der ukrainischen Flugaufsicht. „Informationen darüber, dass die Airline die Reparatur ihrer Flugzeuge nicht finanziert habe, gab es aber nicht“, betonte er gegenüber dem Handelsblatt. Das wäre auch schwierig, da die Maschinen geleast seien, so der Experte weiter.

    Aufklärung über die Unglücksursache sollen die Flugschreiber liefern, die bereits geborgen wurden. Ansonsten konnten die Rettungskräfte nur wenig tun. Für die Insassen, 167 Passagiere und neun Crew-Mitglieder, gab es keine Rettung. Nach Angaben der Hilfsorganisation „Roter Halbmond“ dürfte auch die Identifizierung der Leichen aufgrund der starken Verbrennungen fast unmöglich sein.

    Die meisten der Opfer stammen laut der Passagierliste aus dem Iran selbst. Demnach kommen 82 Passagiere aus dem Iran, 63 aus Kanada, elf Opfer – darunter die neun Crewmitglieder – sind Ukrainer, zehn Schweden und vier Afghanen. Drei Opfer stammen aus Großbritannien. Meldungen, nach denen es auch drei deutsche Opfer gegeben habe, dementierte das Auswärtige Amt am Mittwochnachmittag. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat den Angehörigen sein Beileid ausgesprochen und seine Oman-Visite wegen der Katastrophe abgebrochen.

    Mehr: Das Image ist beschädigt, die Nachfrage sinkt, die Kosten steigen – die Luftfahrtindustrie hat wenig Grund zur Freude. Auch 2020 dürfte schwierig werden.

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