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WelthandelIWF warnt vor Blockbildung und befürchtet neuen Kalten Krieg

Der Währungsfonds beobachtet, dass sich die Weltwirtschaft in zwei Gruppen spaltet – jeweils geführt von den USA und von China. Die Handelsströme zwischen den Blöcken nehmen bereits ab. Jan Hildebrand 18.04.2024 - 17:33 Uhr
Christian Lindner (zweiter von links) beim Treffen der G20-Finanzminister im Rahmen des World Economic Forum des IWF. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Washington. Die G20-Finanzminister haben aufgegeben. Als sich Christian Lindner (FDP) und seine Kollegen aus den wichtigsten Industrie- und Schwellenländern am Rande der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington trafen, versuchten sie gar nicht erst, sich auf ein gemeinsames Kommuniqué zu einigen. Schließlich war das bei den vergangenen Treffen schon gescheitert.

Seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist die G20 tief gespalten. Die westlichen Industriestaaten stehen auf der einen Seite,  China und Russland auf der anderen. Diese Verständigungsprobleme haben handfeste ökonomische Auswirkungen.

Eine bestimmende Sorge beim IWF-Treffen war, dass auf die politische Blockbildung eine handelspolitische folgt. Der Währungsfonds warnt vor einer Fragmentierung der globalen Wirtschaft.

Handelsdaten zeigen eindeutige Tendenz

„Blockbildung und Abschottung sind große Gefahren“, sagte auch Lindner in Washington. „Die Globalisierung ist ein Wohlstandsfaktor.“ Umso bedauerlicher sei es, dass eine Fragmentierung der Weltwirtschaft drohe, sagte der Finanzminister. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel nannte die mögliche Entwicklung „fatal“. Sie trage zu einer zusätzlichen Verunsicherung der Wirtschaft bei.

Der IWF formulierte die Warnung in seinem World Economic Outlook so: „Die geoökonomische Fragmentierung könnte den Welthandel und das Wohlstandswachstum in den kommenden Jahren belasten.“ Handelsdaten würden bestätigen, dass „die Fragmentierung bereits im Gange ist“. Die Vize-Chefin des IWF, Gita Gopinath, stellte gar die deutliche Frage: „Stehen wir am Rande des zweiten Kalten Krieges?“

Die IWF-Experten sehen dafür deutliche Anzeichen. Sie haben die Handelsströme seit Russlands Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 untersucht und mit dem Handel in den fünf Jahren davor verglichen. Dazu haben sie die Welt selbst in zwei Blöcke aufgeteilt: einerseits die USA, die EU-Staaten, Kanada, Japan und Australien. Und andererseits China, Russland und alle Staaten, die bei der UN-Generalversammlung im März 2022 den Angriff auf die Ukraine nicht verurteilten.

Das Ergebnis der Analyse: „Das Wachstum des Handels zwischen den beiden Blöcken war seit Beginn des Krieges deutlich schwächer als das Wachstum des Handels innerhalb der Blöcke.“

Der Handel ging aufgrund des Kriegs und der folgenden Energiekrise in den vergangenen zwei Jahren zwar insgesamt zurück. Zwischen den politischen Blöcken lag das Handelswachstum nach Kriegsbeginn aber fast fünf Prozentpunkte niedriger, während es innerhalb der Blöcke der Analyse zufolge nur knapp 2,5 Prozentpunkte waren.

Andere Studien bestätigen das. In einem gerade veröffentlichten Diskussionspapier des „Centre for Economic Policy Research“ schrieben Ökonomen, der Handel zwischen den Blöcken sei um zwölf Prozent stärker zurückgegangen als innerhalb der Gruppen. Bei den Direktinvestitionen seien es seit Kriegsbeginn sogar 20 Prozent.

IWF-Vize Gopinath sieht noch weitere Hinweise auf ökonomische Blockbildung. So seien im Jahr 2022 rund 3.000 handelsbeschränkende Maßnahmen eingeführt worden – fast dreimal so viele wie noch 2019. Erst am Mittwoch kündigte US-Präsident Joe Biden an, die Zölle auf bestimmte Stahl- und Aluminiumimporte aus China zu verdreifachen.

Derisking oder Abschottung?

Das Beispiel zeigt: Handelsbeschränkungen sind politisch getrieben, Gleiches gilt für die Abnahme der gegenseitigen Investitionen. Hintergrund ist der Wunsch der USA und der EU, sich unabhängiger von China zu machen. Das Stichwort lautet „Derisking“. Aus den IWF-Daten geht hervor, dass der Handel in strategisch wichtigen Sektoren zwischen den Blöcken noch stärker eingeschränkt wurde als bei allen übrigen Gütern.

Es gebe eine Verschiebung von „Effizienz“ zu „Widerstandsfähigkeit“, sagte EU-Handelskommissar Valdis Dombrovskis in Washington. Allerdings dürfte die Sicherheit der Wirtschaft nicht als Ausrede für Protektionismus genutzt werden: „Wir müssen die richtige Balance finden.“ Gerade die EU hätte bei Handelskonflikten viel zu verlieren.

Die Autoren vom „Centre for Economic Policy Research“ fürchten deutliche Auswirkungen und verweisen auf Erfahrungen aus der Vergangenheit: „Die Entkopplung zwischen den rivalisierenden geopolitischen Blöcken während des Kalten Krieges deutet darauf hin, dass die Fragmentierung sich erheblich verschärfen könnte, sollten die geopolitischen Spannungen anhalten und die handelsbeschränkenden Maßnahmen zunehmen.“

Weniger Wachstum, höhere Inflation

Die Schäden könnten heute allerdings deutlich größer werden. Schließlich ist die Weltwirtschaft vernetzter: Der Anteil des Welthandels am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt heute bei 60 Prozent, zur Zeit des Kalten Krieges waren es nur 24 Prozent. Entsprechend hätte eine Fragmentierung potenziell größere Auswirkungen.

Auch der IWF listet im World Economic Outlook die negativen Folgen auf: weniger Effizienzgewinne, weil die Spezialisierung der einzelnen Staaten nicht mehr so stark genutzt werden kann; weniger Vorteile durch größere Produktion; reduzierter Wettbewerb. Das könnte zu geringerem Wirtschaftswachstum und steigender Inflation führen. 

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Wie groß der wirtschaftliche Schaden durch die geopolitische Blockbildung werden könnte, dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Gopinath warnte vor einigen Monaten in einer Rede: Spalte sich die Weltwirtschaft in zwei Blöcke auf und werde der Handel zwischen den beiden Blöcken unterbunden, würden die Verluste auf etwa 2,5 Prozent des BIP geschätzt.

Für dieses Jahr rechnet der IWF mit einem Wachstum der Weltwirtschaft von 3,2 Prozent. Für einzelne Volkswirtschaften könnten die Schäden noch größer sein und bis zu sieben Prozent des BIP betragen, so Gopinath. Das könnte vor allem ärmere Länder treffen. 

Handelsfracht im Containerhafen von Hongkong. Foto: Moment/Getty Images

Aber auch für die EU steht viel auf dem Spiel. Schließlich haben EU-Staaten wie Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten besonders von der Globalisierung profitiert. Allein durch verstärkte Importe seien die Realeinkommen in der EU um 1,2 Billionen Euro gestiegen, hieß es in einem Papier des IWF von Ende 2023. Rund 615.000 kleine und mittelgroße Unternehmen seien im Handel mit Partnern außerhalb der EU tätig. 

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Zudem würde eine Fragmentierung der Weltwirtschaft es für EU-Staaten schwieriger machen, bestimmte Rohstoffe zu bekommen, oder sie würden zumindest teurer. Das könnte insbesondere zum Problem für die Energiewende werden, warnt der IWF.

Aus Sicht von Handelskommissar Dombrovskis hat vor allem Europa ein Interesse an einer offenen Weltwirtschaft. Schließlich lägen die zukünftigen Wachstumsregionen außerhalb der EU. Bei zunehmenden Handelskonflikten würden alle verlieren. Auch für IWF-Vize Gopinath steht fest: „Die wirtschaftlichen Kosten eines zweiten Kalten Krieges dürften hoch sein.“

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