HRI-Konjunkturausblick: Ist die Konjunktur an ihrem Tiefpunkt angekommen?
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck geht von einem zumindest leichten Aufschwung 2024 und 2025 aus.
Foto: ReutersDüsseldorf. Die deutsche Konjunktur dürfte im zu Ende gegangenen dritten Quartal geschrumpft sein. Von Bloomberg befragte Ökonomen rechnen im Mittel mit einem Minus von 0,2 Prozent. Die bislang bekannten Daten zur Industrieproduktion und zum Einzelhandelsumsatz deuten sogar auf einen stärkeren Rückgang hin. So sank die Produktion im produzierenden Gewerbe im Juli um 0,2 und im August um weitere 0,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat.
Der reale Einzelhandelsumsatz schrumpfte im August um weitere 1,2 Prozent, nach 0,8 Prozent Minus im Juli. Laut Statistischem Bundesamt lag der Umsatz damit „auf dem Niveau des Jahres 2015“.
Die Deka-Bank geht daher für das dritte Quartal von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,8 Prozent aus. Der BIP-Nowcast des Bundeswirtschaftsministeriums ging laut zuletzt veröffentlichten Daten von Ende September gar von 1,1 Prozent Minus aus. Erste Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung im dritten Quartal wird das Statistische Bundesamt am 31. Oktober veröffentlichen.
Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass der Tiefpunkt im dritten Quartal erreicht sein könnte – und sich die Konjunktur im Schlussquartal stabilisieren kann. So stiegen die Geschäftserwartungen der vom Ifo-Institut befragten Unternehmen zuletzt erstmals seit April, wenn auch nur leicht, an. Auch die ZEW-Konjunkturerwartungen legten zu.
Und noch wichtiger: Die Auftragseingänge der deutschen Industrie stiegen im August kräftig um 3,9 Prozent an und lagen damit ebenfalls wieder auf dem Niveau vom vergangenen Frühjahr. Im weniger volatilen Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang von Juni bis August 2023 um 4,9 Prozent höher als in den drei Monaten zuvor. Der zweijährige Rückgang der Auftragseingänge scheint also gestoppt zu sein; nach einer Faustregel werden je ein Drittel der Aufträge im laufenden Quartal, im folgenden und später abgearbeitet.
Optimistisch ist auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). „Wir verlassen das Tal, es geht wieder aufwärts“ – versprach er, als er Anfang des Monats die Konjunkturerwartungen der Bundesregierung präsentierte. Demnach soll die deutsche Volkswirtschaft dieses Jahr zwar um 0,4 Prozent schrumpfen, 2024 und 2025 jedoch um 1,3 und 1,5 Prozent wachsen. Unter dem Strich ist Habeck damit zuversichtlicher als die Gemeinschaftsdiagnose der großen Forschungsinstitute, die dieses Jahr ein Minus von 0,6 Prozent sehen – und damit den Basiswert für die Folgejahre niedriger ansetzen.
Bemerkenswerterweise gehen Habecks Experten im Kleingedruckten ihrer Konjunkturerwartung davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Produktionslücke bereits 2024 nahezu geschlossen wird. Anders ausgedrückt: Wohlstandsverluste infolge von Pandemie und Energiepreisschock dürften danach kaum noch aufgeholt werden.
Inflation ist zuletzt gesunken
Was jedoch den spürbaren Aufschwung in 2024 auslösen soll, bleibt im Nebel. „Die Weichenstellungen für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung sind jetzt gesetzt: Der Rückgang der Inflation ist deutlich und damit steigen auch wieder die Realeinkommen, was die Grundlage für eine binnenwirtschaftliche Belebung ist“, meint Habeck.
Richtig ist: Die Inflation sinkt, im September auf 4,5 Prozent. Das bedeutet freilich nicht, dass das Preisniveau sinkt, sondern nur, dass es langsamer ansteigt.
Richtig ist auch: Die von Arbeitgebern und Gewerkschaften zuletzt ausgehandelten Lohnerhöhungen werden nach und nach wirksam. Überdies wurden in einigen Branchen und in vielen nicht-tarifgebundenen Unternehmen Inflationsprämien ausgehandelt, die nun zur Auszahlung kommen. Doch dauerhaft wirken diese eben nicht.
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In den anstehenden Tarifrunden für die Angestellten der Bundesländer fordert die Gewerkschaft Verdi 10,5 Prozent mehr Gehalt, mindestens jedoch 500 Euro. Die Gewerkschaft der Lokführer verlangt für ihre Mitglieder unter anderem mindestens 555 Euro mehr pro Monat sowie ebenfalls eine Inflationsausgleichsprämie von 3000 Euro. Harte Verhandlungen, womöglich mit Streiks, sind angesichts dieser Forderungen wahrscheinlich.
Selbst wenn man unterstellt, dass die Reallöhne dieses Jahr nicht weiter sinken, bedeutet dies nichts anderes, als dass sie nach den jüngsten Rückgängen nur auf dem Niveau aus dem Jahres 2015 liegen. Den Arbeitnehmern fehlen also acht Jahre Wohlstandsgewinne.
Eine Verdi-Fahne ist auf einer Demonstration zu sehen.
Foto: dpaEin nennenswerter Teil des für 2024 absehbaren realen Konsumplus dürfte daraus resultieren, dass die Bevölkerung angesichts hoher Zuwanderung weiter wächst – und mehr Menschen konsumieren eben mehr.
Rückgang der Bauinvestitionen als Gefahr für die Konjunktur
Trist sind die Aussichten für den Bau, vor allem den Wohnungsbau. Hohe Zinsen, teures Material und steigende Löhne machen viele Bauvorhaben unrentabel. Daher sinken die Neuaufträge nun schon seit 1,5 Jahren rapide, und immer mehr Baubetriebe berichten von Stornierungen. Das Ifo-Geschäftsklima im Wohnungsbau notiert auf dem tiefsten Stand seit Beginn der Erhebung 1991, bei minus 54,8 Punkten.
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Ein nicht unrealistischer Rückgang der Bauinvestitionen von insgesamt zehn Prozent würde angesichts ihres Anteils an der Wirtschaftsleistung von zwölf Prozent für sich genommen das BIP um mehr als ein Prozent fallen lassen, rechnet Commerzbank-Research vor.
Hinzu kämen indirekte Effekte auf den privaten Konsum, da weniger Neubauten auch weniger Käufe von Einrichtungsgegenständen bedeuteten. Ferner würde der zu erwartende Arbeitsplatzverlust die verfügbaren Einkommen drücken und somit den Konsum zusätzlich belasten.
Wirklich große Sprünge sind beim privaten Konsum also unwahrscheinlich. Da der private Konsum rund die Hälfte zum Bruttoinlandsprodukt beisteuert und einen entsprechend hohen Anteil am Wachstum hat, dürfte ein echter Aufschwung noch lange auf sich warten lassen.