Zahnmedizin Uniklinik Düsseldorf: Bohrende Fragen
Öffentliche Lehrgelder ohne Gegenleistung.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Sechs Jahre arbeitete Christoph Stein (Name geändert) als Zahnarzt am Düsseldorfer Uniklinikum. Er machte seine Sache gut, 2010 beförderte ihn sein Arbeitgeber zum Oberarzt. Stein sollte sich nicht nur um Patienten kümmern, sondern auch um Studenten. Er lehrte Anästhesiologie. Doch sechs Jahre lang bestand seine Arbeitsleistung praktisch nur auf dem Papier. Für das aus Forschungs- und Lehrmitteln finanzierte Gehalt von zuletzt 80.000 Euro tat der Zahnmediziner so gut wie nichts. Sein Chef hatte eine andere Verwendung für ihn.
Von Montag früh bis Freitagnachmittag behandelte Stein Patienten in der privaten Zahnarztpraxis seines Chefs. Dazu musste er nicht mal seinen Arbeitsweg ändern, sein Chef hatte die Praxis gleich in den Räumen der Uniklinik eingerichtet. Kritische Fragen stellte kaum jemand. Der Chef war nicht irgendein Vorgesetzter, sondern Vorstandsvorsitzender des ganzen Uniklinikums. Sein Name: Professor Dr. Wolfgang Raab.
Jahrelang gab es zwischen den beiden Männern eine Absprache. Stein bohrte, Raab rechnete ab. Stein erhielt eine kleine Provision, sein Gehalt aber bekam er weiter von der Universität. Im Laufe der Zeit rund 350.000 Euro. Und Stein war nicht der einzige Mitarbeiter, den sich Raab auf diese Weise hielt.
Der Klinik-Fall liegt seit fast zwei Jahren in der Warteschleife.
Foto: dpaEs ist ein skurriler Fall: Ein Klinikchef, der sich an den Klinikmitarbeitern bereichert. Öffentliche Lehrgelder ohne Gegenleistung. Studenten, die nicht von dem unterrichtet werden, der dafür bezahlt wird. Doch all dies, und das ist vielleicht das eigentlich Befremdliche, sorgte auf dem Düsseldorfer Klinik-Campus für keine große Aufregung.
Die Staatsanwaltschaft ermittelte zwar und klagte Raab im Sommer 2013 wegen Untreue an, seitdem liegt der Fall beim Landgericht Düsseldorf in der Warteschleife (Aktenzeichen 14 KLS 18/13). So ist offen, wie es juristisch mit Raab weitergeht. Doch es war nicht sein Arbeitgeber, der sich an der mutmaßlichen Untreue störte. Das Uniklinikum zeigte Raab weder an noch beurlaubte es ihn. Der Professor ist zwar nicht mehr Vorstandschef, leitet nun aber wieder die Abteilung für Zahnerhaltung. Damit setzte die Uniklinik Raab ausgerechnet dem Mann vor die Nase, der dessen zwielichtigen Geschäfte ans Licht brachte.
Der kommissarische Leiter der Abteilung, Martin Wenger (Name geändert), war noch kein Jahr im Haus als er 2010 bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Alle Ärzte arbeiteten intensiv, aber die Zahl der Patienten passte nicht. Nahmen die Privatgeschäfte des Chefs etwa fast ein Drittel der Kapazität der Abteilung ein? Wenger bat Raab um Einsicht in die Bücher. Der verweigerte. Wenger wandte sich an den Dekan, den damaligen Uni-Rektor und den damaligen Aufsichtsratschef des Klinikums. Auch von ihnen bekam er keine verständlichen Antworten. Nach und nach musste Wenger erkennen, dass er sich mit einem Mann anlegte, mit dem man sich in Düsseldorf nicht anlegen sollte. Schon gar nicht als Neuling.
Bohren im Akkord.
Foto: dpaLehre nur auf dem Papier.
Foto: dpaWolfgang Raab, heute 62, ist mit dem Uniklinikum seit zwei Jahrzehnten verbunden. 1996 wurde er Direktor der Abteilung für Zahnerhaltung und richtete auch seine Privatambulanz ein. Raab erhielt noch das Chefarzt-Liquidationsrecht. Damit durfte er Privatpatienten selbst abrechnen und musste nur einen Bruchteil der Erlöse ans Klinikum abführen. So weit, so gut.
Ein paar Jahre nach seinem Einstand wurde Raab zum Retter. Als das Land Nordrhein-Westfalen die defizitäre Zahnklinik schließen wollte, entwickelte er einen Sanierungsplan und bewahrte der Universität ihre Zahnmedizin. Raab war Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung. Bei ihm ließen sich nicht nur Manager der Metro Gruppe ihre Löcher stopfen, sondern auch hochrangige Mitarbeiter des für die Uni zuständigen NRW-Wissenschaftsministeriums.
In Raabs kleinem privaten Zahnreich spielten sich filmreife Szenen ab. Auf den blauen Wartestühlen im hellen Flur saßen Saudische Scheichs mit Wurzelproblemen ebenso wie russische Oligarchen mit Parodontose. Als ein Berater des früheren Libyschen Machthabers Gaddafi mit Familie in die Praxis kam, durchsuchte erst ein Bodyguard den Aufzug nach möglichen Gefahren. Beim Röntgen legte der Patient sein Jackett ab. Aus der Innentasche ragten Bündelweise Euroscheine. Solche Kunden, intern „Barzahler“ genannt, mochte Raab nicht ablehnen, auch wenn er sie bald kaum mehr behandeln konnte.
Denn 2006 ernannte ihn die Uniklinik zum Ärztlichen Direktor und Vorstandschef. Dass er nur Zahnarzt, nicht aber Arzt war und damit laut Satzung des Klinikums gar nicht an die Spitze durfte – egal. Viel wichtiger war Raab, dass er weiter seine Praxis betreiben und abrechnen durfte. „Um im Training zu bleiben“ ließ er sich vom Aufsichtsrat bis zu sechs Arbeitsstunden pro Woche in der Privatambulanz genehmigen.
Doch als Ärztlicher Direktor blieb Raab kaum Zeit für Trainingsstunden am Behandlungsstuhl. Hier kam der wissenschaftliche Mitarbeiter Stein ins Spiel. Der bohrte im Akkord. „Sein Pensum war so hoch wie sonst nur bei niedergelassenen Ärzten“, erinnert ein früheres Mitglied der Abteilung. „Stein arbeitete oft an mehreren Stühlen parallel. Er war doppelt so schnell wie andere.“
Während Stein 80.000 Euro von der Uni kassierte, verdiente Raab an dessen Behandlungen noch mehr. „Als Stein anfing, hat die Privatambulanz vielleicht 200.000 Euro im Jahr eingespielt. Bis 2011 waren es mehr als 400.000 Euro“, berichtet ein Insider. Seine Aussage passt zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. In der Anklage ist von 1417 Patienten und einem Gesamtumsatz von 2,2 Millionen Euro die Rede. Nur 0,139 Prozent davon soll Raab selbst erbracht haben. Die Rechnungen aber stellte er.
„Für meine ärztlichen Bemühungen erlaube ich mir, den Betrag (…) in Rechnung zu stellen“, lautete Raabs Formschreiben an Patienten. Dann bat er um Überweisung auf ein Konto bei der Stadtsparkasse. Vom Anlegen eines Spanngummis für 8,42 Euro bis zur Compositefüllung mit Mehrschicht-Technik und Lichthärtung für 106,08 Euro. Das Handelsblatt sprach mehrere Patienten auf ihre Rechnungen an. Die meisten sagten, sie hätten Raab nicht zu Gesicht bekommen. Stattdessen, das belegen Dienstpläne, arbeitete vor allem Stein für die Privatambulanz von Raab. Für die Universität, die ihn bezahlte, tat er kaum etwas. Eine Anfrage des Handelsblatts ließ Stein unbeantwortet.
Verwaltungsexperten würden es vielleicht Fehlallokation von Ressourcen nennen, andere sehen schlicht den Verdacht der Untreue. Raab rechnete Leistungen ab, die er nicht erbrachte. Doch auch, als die Universität darauf aufmerksam gemacht wurde, gab es keinen Aufschrei. Whistleblower Wenger erinnert sich an seltsame Gespräche mit der Uni-Führung. Seine Gegenüber blieben gelassen, als ihnen Wenger die Geschäfte von Raab erklärte. Der damalige Rektor empfahl schließlich, die Vorgänge „extern überprüfen zu lassen“. Wenger ging zur Polizei.
Beim Kommissariat 12 im Landeskriminalamt Düsseldorf fand er Gehör. Die Beamten sind auf Betrug, Untreue und Wirtschaftskriminalität spezialisiert. Im Februar 2012 durchsuchten etwa 50 von ihnen mehr als zehn Stunden lang die Uniklinik und die Privaträume von Professor Raab. Die Fahnder der Ermittlungskommission „Paola“ (Privatabrechnung ohne Legitimation) nahmen Patientenkarteien und Terminkalender mit, kopierten Festplatten und das Abrechnungsprogramm. Die „Rheinische Post“ titelte bald darauf: „Ermittlungen gegen Direktor der Uniklinik“.
Doch nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Gut fünf Monate nach der Razzia berichtete das Blatt über die Jahresbilanz und den „Erfolgskurs“ des Klinikums. Neues zu den Ermittlungen? Nicht in der „Rheinischen Post“. Stattdessen durfte Vorstandschef Raab sein Haus öffentlich als „erste Adresse für hochspezialisierte Medizin“ loben.
Mochte sich schon die Lokalzeitung kaum mit den seltsamen Rechnungen des Klinikchefs beschäftigen, so wollten es seine Aufseher erst recht nicht. In den folgenden Aufsichtsratssitzungen wurde die „Causa Raab“ meist in wenigen Minuten abgehandelt. Tenor: Keine neuen Erkenntnisse. Bis zum August 2013.
Da klagte die Staatsanwaltschaft den Professor wegen Untreue an. Der neue Klinik-Aufsichtsratschef Peter Dominiak bestellte Raab zum Rapport. Dominiak fragte, wie das Kontrollgremium denn nun mit der Angelegenheit umgehen solle. Raabs Vorschlag: Abwarten. Es gebe doch keine neuen Erkenntnisse in seinem Fall, sagte der Professor, also sei nichts zu tun.
So viel Geduld war selbst dem seit einem Jahr abwartenden Aufsichtsrat zu viel. Anfang September 2013 meldete das Klinikum, man führe „Trennungsgespräche“ mit Raab. Doch die verliefen ganz anders, als das bei solchen Gesprächen üblich ist. Aus der Trennung wurde eine Versetzung. Raab kehrte auf seine Stelle als Direktor der Zahnerhaltung zurück. Obendrein soll er eine Abfindung von 300.000 Euro erhalten haben.
Das Handelsblatt bat Raab, das Uniklinikum und die Universität um Stellungnahme. Zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft, zur angeblichen Abfindung, zum Praxisalltag. Es antwortete nur einer: der Pressesprecher der Universität: „Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir uns zu einem laufenden juristischem Verfahren nicht äußern können.“ Der Sprecher benutzte tatsächlich das Wort „Wir“. Die Universität, das Uniklinikum und der Professor sprechen mit einer Stimme.
Und die ist dünn. Was sagen Universität und Klinikum zu den Vorwürfen? Warum ist man den Hinweisen des Whistleblowers nicht nachgegangen? Warum wurde Raab nicht beurlaubt? Wie kann es sein, dass Raab weiter täglich Mitarbeiter trifft, die bei der Polizei über ihn ausgesagt haben? Keine Antworten.
Dabei ist die Uniklinik nicht dafür bekannt, mit auffällig gewordenen Mitarbeitern behutsam umzugehen. „Es wurden schon Leute wegen viel kleinerer Vergehen suspendiert“, sagt einer, der es wissen muss. Das waren allerdings auch keine von Raabs Kaliber. Gut möglich also, dass das Zögern vor allem eines ist: Eigenschutz. Denn Raab ist ein mächtiger Mann im Düsseldorfer Ärztebetrieb. Viele im Umfeld des geschäftstüchtigen Professors haben ihm etwas zu verdanken, manche noch etwas zu erwarten.
Der Mann, der Raab anzeigte, ist nicht so gut vernetzt. Sein Aufstand gegen die Geschäfte des Vorstandschefs brachte Martin Wenger kaum Anerkennung. Im Gegenteil. Als ihn die Uni 2009 aus den USA nach Düsseldorf lockte, versprach ihm der Rektor noch neue Räume und mindestens 85 Quadratmeter Forschungsfläche. Jetzt soll Wenger aus dem hellen zweiten Stock in die alte Kieferklinik im Erdgeschoss ziehen. Eine Abstellkammer als Labor für den Professor mit den meisten Forschungsaufträgen der Abteilung. Der Mann, der die Privatgeschäfte von Wolfgang Raab aufdeckte, muss ihm Tag für Tag begegnen. Er soll sich verhalten wie dessen Untergebener. Manchmal fragt er sich, warum er sich das alles noch antut.
Professor Raab gibt sich in der Abteilung für Zahnerhaltung dagegen wieder als Herr im Haus. Noch am Abend seiner Abberufung als Klinik-Vorstandschef ließ er alle Hinweisschilder mit dem Namen Wenger entfernen. Seit drei Jahren weiß er, dass Wenger ihn angezeigt hat. In der Zahnklinik sitzt er noch immer Tür an Tür mit seinem Hauptbelastungszeugen.
Dass irgendetwas unmoralisch oder gar illegal sein könnte an seinen Rechnungen für Arbeiten, die er nie ausführte, fällt Raab nicht ein. Noch im Sommer 2014 verschickte der Professor Rechnungen für Behandlungen aus dem Jahr 2011. Auch hier sagen Patienten, sie haben Raab nie am Behandlungsstuhl gesehen. Machte der Professor etwa einfach weiter? Für die dreijährige Verspätung der Rechnung jedenfalls gibt es eine mögliche Erklärung: Die Akten waren noch bei der Staatsanwaltschaft.