Studie: Wirtschaftsprüfer und Steuerberater werden zu Lotsen in Corona-Zeiten
Die Corona-Epidemie erhöht den Beratungsbedarf.
Foto: imago images / Westend61Köln. Die Coronakrise steht in Deutschland noch am Anfang. Doch im Tagesgeschäft von Steuerberatern ist sie bereits mit großer Wucht aufgeschlagen. Die vielen Beschlüsse der Regierung, mit denen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abgemildert werden sollen, sorgen in der Branche für Stress.
„Derzeit arbeiten die Kanzleien am Rande der Belastbarkeit, wenn es etwa um die Beantragung von Kurzarbeitergeld oder das Abrufen von staatlichen Zuschüssen oder um Überbrückungskredite für ihre Mandanten geht“, sagt Harald Elster, Präsident des Steuerberater-Verbandes Köln und des Deutschen Steuerberaterverbandes. Viele eigentlich anstehende Arbeiten könnten daher momentan nicht mit der gleichen Priorität weiterbearbeitet werden.
Personell aufstocken können die Kanzleien kaum. Es fehlt an Fachkräften. Das belegt eine Umfrage des Hamburger Marktforschungsunternehmens S.W.I. Finance Deutschland. Auf die Frage nach den größten Herausforderungen für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer nannten 86,1 Prozent der Kanzleien die Rekrutierung geeigneter Mitarbeiter. Darauf folgen die fortschreitende Technisierung und Digitalisierung mit 78,4 Prozent.
S.W.I. Finance hat im Auftrag des Handelsblatts auch in diesem Jahr unter fast 5000 Teilnehmern eine Onlineumfrage durchgeführt und dabei zudem die besten regionalen Steuerberater und Wirtschaftsprüfer des Jahres 2020 ermittelt. 609 Steuerberater und 106 Wirtschaftsprüfer beantworteten Fachfragen besonders gut und schafften es so auf die Bestenliste.
Selten waren Steuerberater wichtiger als jetzt. Die Coronakrise wirft bei Unternehmen etliche Fragen etwa zum Kurzarbeitergeld, zu Überbrückungskrediten oder zu Insolvenzen auf.
Vor gut einer Woche hat die Bundessteuerberaterkammer (BStBK) daher das Bundesfinanzministerium darum gebeten, in die Liste der sogenannten „systemrelevanten Berufsgruppen“ aufgenommen zu werden. Das sind jene Branchen, bei deren Ausfall zum Beispiel Versorgungsengpässe entstehen könnten oder die öffentliche Ordnung gestört werden würde.
Die Berater wollen so erreichen, dass sie auch im Falle einer Ausgangssperre jederzeit Zugang zu ihren Kanzleien haben. Bisher ist jede Kanzlei selbst gefordert, den Betrieb so weit als möglich aufrechtzuerhalten.
Ungenau formulierte Gesetze
Fest steht: Unternehmen sind kaum in der Lage, ihren steuerlichen Pflichten ohne fachmännische Unterstützung nachzukommen. Darauf deutet die S.W.I.-Umfrage ebenfalls hin: „Das deutsche Steuerrecht wird immer komplizierter“, diese Aussage bejahen laut Studie 92 Prozent der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.
Die Branche sieht das durchaus kritisch, auch wenn es die Auftragsbücher füllt: „Es ist nicht schön, dass Gesetze so ungenau formuliert sind, dass sie umfangreiche Verwaltungsschreiben benötigen. Was wir brauchen, sind rechtssichere und nachvollziehbare Gesetzestexte“, fordert Verbandspräsident Elster.
Dabei verkompliziert nicht nur das deutsche Recht die Lage. „Das deutsche Steuerrecht wird zunehmend durch Europa beziehungsweise internationale Regelungen bestimmt“ – dieser Aussage stimmen laut S.W.I.-Studie gut 68 Prozent der Befragten zu. Zuletzt sorgte der Gesetzgeber beispielsweise für neue Auflagen bei der Anzeigepflicht für grenzüberschreitende Steuergestaltung. Demnach müssen Steuerberater ab Juli dieses Jahres bestimmte Sparmodelle, die sie für ihre Klienten entwickeln, an die Finanzämter melden.
Doch nicht nur der Gesetzgeber macht es kompliziert. „Ein hoher bürokratischer Aufwand entsteht vor allem aus der nach wie vor nicht medienbruchfrei möglichen Kommunikation mit den Finanzbehörden“, sagt Elster. Noch immer werden digitale Daten in Papierform umgewandelt. Erst zehn Prozent der Einkommensteuererklärungen werden vollautomatisch bearbeitet, hat der Bund der Steuerzahler im vergangenen Jahr ermittelt. „Laufende Pilotprojekte der Finanzverwaltung zur digitalen Kommunikation müssen konsequent und zeitnah in der Breite umgesetzt werden“, fordert Elster. Als Beispiel nennt er das Nachreichen digitaler Anlagen, etwa in Form eingescannter Belege.
Vereinfachung durch Digitalisierung? Finanzämter haben dabei offensichtlich Nachholbedarf. Und auch bei den Steuerberatern zieht nicht jeder mit. „Viele der kleinen Kanzleien werden von Chefs geführt, die kurz vor der Rente stehen“, sagt S.W.I.-Finance-Geschäftsführer Marcus Schad. „Digitalisierung bedeutet eine komplette Umstellung von Arbeitsabläufen. Nicht jeder ist bereit, eine solche Investition für die letzten Jahre des Berufslebens zu stemmen.“
Angesichts komplizierter Gesetze und eines Digitalisierungsstaus bei Finanzämtern und Kanzleien besteht laut Schad aktuell kaum Aussicht auf eine umfassende Vereinfachung des deutschen Steuersystems. Es sei nicht leicht, das Rad zurückzudrehen, sagt er. Er sieht den Flaschenhals auch bei den Finanzämtern. „Keine Behörde schafft sich freiwillig selbst ab.“
In Zeiten von Corona jedoch stellen sich die Ämter auf die veränderte Situation ein. „Die Finanzverwaltung prüft derzeit Erleichterungen bei steuerlichen Abgabefristen. Das ist zu begrüßen“, sagt Elster. Die Verschiebung von Fristen allein dürfte Unternehmen freilich kaum retten. „Hilfreich wäre eine Stundungsregelung für die Lohnsteuer“, fordert daher Hartmut Schwab, Präsident der Bundessteuerberaterkammer (BStBK). „Dann könnten Arbeitgeber auch die Zahlung der Lohnsteuer verschieben, bis wieder Geld in der Kasse ist.“
Was die eigene wirtschaftliche Lage angeht, zeigten sich bei den Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern für das Jahr 2019 ganze 83 Prozent zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Weitere fast 14 Prozent empfanden laut S.W.I.-Erhebung ihre Lage immerhin als weder gut noch schlecht. Eine Aufgabe oder ein Verkauf war nur für drei Prozent der Umfrageteilnehmer ein Thema.