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Offshore-WindenergieDer neue Milliardenmarkt für deutsche Werften

Um die Ausbauziele für Windräder auf hoher See zu erreichen, sind viele Konverterstationen und Spezialschiffe nötig. Doch heimische Anbieter dafür gibt es kaum. Das könnte sich jetzt ändern.Volker Kühn 27.09.2024 - 09:50 Uhr Artikel anhören
Konverterplattform: Den deutschen Schiffbauern ist viel Know-how verloren gegangen. Foto: Meyer Werft

Papenburg. Es ist nicht leicht, in den kathedralenhohen Hallen der Meyer Werft die Orientierung zu behalten. Zumal wenn man nicht weiß, wonach man eigentlich sucht. Und so gruppiert sich der Tross der geladenen Gäste an diesem Junimorgen versehentlich um eine schnöde Stahlplatte, während die TV-Leute schon ihre Kameras in Position bringen. Soll er wirklich hier stattfinden, der „Brennstart für die Konverterplattform DolWind delta“, zu dem die Werft nach Papenburg geladen hat? Nein, soll er nicht.

Die Stahlplatte ist für eines der Kreuzfahrtschiffe bestimmt, für die Meyer bekannt ist. Der Höhepunkt des Tages steigt – treppauf, treppab – ein paar Ecken weiter, wo schon Getränke bereitstehen und die Logos der beteiligten Firmen prangen: Der Netzbetreiber Amprion hat bei der spanischen Werft Dragados eine Umspannstation bestellt, eine Stahlkiste vom Format eines Wohnblocks.

Vollgepackt mit Technik von Siemens Energy soll sie draußen in der Nordsee den Strom von Offshore-Windparks einsammeln; Dragados wiederum hat einen großen Teil der Stahlarbeiten an Meyer weitergegeben. Deshalb laden die Niedersachsen zum feierlichen „Brennstart“.

Mit dem Bau von Konverterplattformen betritt die Werft Neuland, da geht es ihr ganz ähnlich wie den heutigen Gästen: Man muss sich erst herantasten an dieses fremde Geschäft, das auf den ersten Blick wenig zu tun hat mit den Luxuslinern, Megajachten, Fregatten oder Spezialschiffen, die das Kerngeschäft deutscher Werften sind.

Doch der Einstieg in den Offshore-Wind-Markt hat, so er gelingt, das Potenzial, zu einer tragenden Säule des Schiffbaus in Deutschland zu werden, und zwar für Jahrzehnte. Zugleich könnte er dafür sorgen, dass von den Hunderten Milliarden Euro, die Europa in eine klimagerechte Infrastruktur investiert, ein größerer Anteil auf dem Kontinent verbleibt, statt an asiatische Unternehmen abzufließen.

Offshore-Windenergie: Meyer Werft systemrelevant

Es sind Argumente, die oft wiederholt werden, als wenige Wochen später der Bund und das Land Niedersachsen bei Meyer einsteigen. Der Mittelständler ist in Liquiditätsnöten, weil er trotz voller Auftragsbücher die Vorfinanzierung mehrerer milliardenteurer Kreuzfahrtschiffe nicht stemmen kann. Als Staatsbetrieb mit Bürgschaften von Bund und Land fällt der Zugang zu Krediten leichter.

Zumindest vorübergehend ist Meyer damit in einer ähnlichen Situation wie die beiden großen Konkurrenten im Kreuzfahrtschiffbau, Fincantieri in Italien und Chantiers de l’Atlantique in Frankreich, die ebenfalls mehrheitlich dem Staat gehören.

Für Reinhard Lüken führt an diesem Schritt kein Weg vorbei. „Meyer ist nicht nur ein technologischer Champion, sondern auch ein Eckpfeiler der maritimen Industrie in Deutschland“, sagt der Chef des Schiffbauverbands VSM. „Bräche der weg, würde die gesamte Branche Schaden nehmen.“

Ohne eine starke europäische Werftindustrie sind die Klimaziele nicht zu erreichen.
Karina Würtz
Stiftung Offshore-Windenergie

Zwar stellen Umweltschützer die Frage, ob klimaschädliche Kreuzfahrtriesen tatsächlich „systemrelevant“ seien, wie Bundeskanzler Olaf Scholz es formulierte. Doch auch Vertreter der erneuerbaren Energien atmeten nach dem Staatseinstieg vernehmlich auf. „Ohne eine starke europäische Werftindustrie sind die Klimaziele nicht zu erreichen“, sagt Karina Würtz, Chefin der Stiftung Offshore-Windenergie.

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Das zeigt sich insbesondere beim Bau von Konverterplattformen. Mehr als 130 dieser Kolosse braucht Europa, wenn Windstrom vom Meer wie geplant zum Rückgrat der Stromversorgung werden soll. Jede von ihnen ist ein bis zwei Milliarden Euro teuer und mit einer Übertragungsleistung von zwei Gigawatt so leistungsstark wie ein Atomkraftwerk. Haben sie nach 20 bis 30 Jahren das Ende ihrer Betriebszeit erreicht, müssen sie durch neue Anlagen ersetzt werden.

Gegenwärtig sind Europas Schiffbauer allerdings nicht ansatzweise in der Lage, die nötige Stückzahl zu liefern. Und auch weltweit sind die Kapazitäten begrenzt, da Länder wie die USA, Australien und insbesondere China ebenfalls massiv auf Windstrom von ihren Küstengewässern setzen.

130
Konverter werden mindestens gebraucht, um die europaweiten Ausbauziele für Offshore-Windenergie zu erreichen.
Quelle: BMWK

Beim Netzbetreiber Tennet, einem der großen Auftraggeber in Europa, heißt es, die Ausbauziele würden „zu einer noch nie da gewesenen Nachfragespitze führen, die die gesamte Wertschöpfungskette der Offshore-Windenergie extrem beansprucht und den Markt unter Druck setzt“. Bei den jüngsten Tennet-Ausschreibungen habe nur eine Werft aus Europa mitgeboten, so eine Konzernsprecherin. Die Großaufträge sicherten sich überwiegend asiatische Konkurrenten.

Offshore-Wind-Expertin Würtz hält das schon aus Sicherheitsgründen für fragwürdig. „Konverterplattformen sind hochsensible kritische Infrastruktur, deren Software während ihrer gesamten Einsatzdauer über die Server der Hersteller läuft.“ Es sei nicht auszudenken, was passiere, wenn sie in geopolitischen Konflikten missbraucht würden.

Habeck trommelt für Konverter

Inzwischen aber bereitet sich eine ganze Reihe von Werften auf den Konverterbau vor. Die Initiative dazu kam Lüken zufolge von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck persönlich. Er habe die zunächst teils skeptischen Werftenvertreter zusammengebracht und geklärt, welche Rahmenbedingungen sie bräuchten, um in das Geschäft einzusteigen.

Die Skepsis der Manager hatte ihren Grund: Vor gut einem Jahrzehnt hatten deutsche Schiffbauer schon einmal Konverter konstruiert, wenn auch deutlich kleinere als jene, die heute gebraucht werden. Jedoch sei die Lernkurve sowohl für die Werften als auch für die Energiewirtschaft schmerzhaft und teuer gewesen, sagt Würtz. „Als die damalige Bundesregierung dann die Ausbauziele gekappt hat, ist der Markt zusammengebrochen und viel Know-how verloren gegangen.“

Diesmal allerdings scheint die Ausgangslage anders zu sein. Kaum jemand bezweifelt, dass Offshore-Wind eine tragende Rolle in Europas Energieversorgung spielen wird. „Selbst wenn nur die Hälfte der jetzigen Pläne umgesetzt wird, ist der Kuchen für alle groß genug“, sagt ein Werftmanager.

Der Appetit ist jedenfalls geweckt. Neben Meyer in Papenburg und der Meyer-Tochter Neptun in Rostock-Warnemünde plant in Bremerhaven die Lloyd Werft, sich im Konverterbau zu engagieren. Hinter den Plänen steht die Rönner-Gruppe gemeinsam mit der Lürssen-Werft und dem Bremer Mischkonzern Zech.

Konverter und Spezialschiffe: Was für Windkraft auf dem Meer gebraucht wird
Konverterplattformen
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Auch Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) steht in den Startlöchern. Mit dem Kauf der Werft in Wismar ziele man sowohl auf den Bau von U-Booten und Überwasserschiffen als auch auf einen Markteintritt bei Konverterplattformen ab, so ein TKMS-Manager.

German Naval Yards: „Von uns aus kann es losgehen.“

Die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft mit ihrem Investor Lars Windhorst gilt ebenfalls als interessiert, Branchenbeobachter räumen ihr jedoch eher geringe Chancen ein. German Naval Yards in Kiel dagegen hat bereits ein Konzept für die parallele Serienfertigung von jeweils zwei Konverterplattformen in unterschiedlichen Baustadien in der Schublade. „Wir haben die ideale Infrastruktur dafür“, sagt Mark Siever, Director Corporate Affairs & Business Development.

Noch unter ihrem früheren Namen Howaldtswerke Deutsche Werft (HDW) wurde die Werft umfangreich modernisiert, ursprünglich sollten hier Öltanker vom Stapel laufen. „Die Anlagen sind prädestiniert für gewaltige, viereckige Stahlköper wie Konverterplattformen“, sagt Siever.

Noch bis 2032 sei German Navel Yards mit Fregatten für die deutsche Marine ausgelastet. Doch parallel könnte die Werft bereits Sektionen und Blöcke von Plattformen fertigen und an Partnerwerften liefern. Mittelfristig könne man dann selbst in die Ausschreibungen einsteigen, sagt Siever. „Von uns aus kann es losgehen.“

Die ansonsten mitunter zu spürende Rivalität zwischen den Werften scheint es bei Konverterplattformen eher nicht zu geben. Viel ist von Partnerschaften und Gemeinschaftsprojekten die Rede. Das mag auch daran liegen, dass das Geschäft über Konverterplattformen weit hinausgeht. Für all die geplanten Offshore-Windparks wird auch eine ganze Flotte neuer Schiffe gebraucht, von kleineren Katamaranen, die die Einsatzteams zu den Windrädern bringen, bis zu gewaltigen Kranschiffen und Kabelverlegern.

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Schon heute stiegen aufgrund der Knappheit an Schiffen die Charterraten immer weiter an, sagt Karina Würtz von der Stiftung Offshore-Windenergie. Sie ruft die Bundesregierung dazu auf, den Werften die Baufinanzierung der nötigen Schiffe möglichst leicht zu machen – schon aus volkswirtschaftlichem Interesse: „Je teurer die Schiffsmiete wird, desto höher sind die Baukosten für die Konverter und desto mehr zahlen Industrie und Verbraucher am Ende für den Strom aus Offshore-Windparks.“

Erstpublikation: 26.09.2024, 10:58 Uhr.

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