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KI-BriefingFür diese drei Rivalen ist die Krise bei OpenAI die große Chance

ChatGPT-Erfinder OpenAI steckt in einer strategischen Krise. Doch für Wettbewerber ist das gut. Drei davon haben besonderes Potenzial – davon eines aus Freiburg und eines aus China.Stephan Scheuer 05.12.2025 - 16:30 Uhr Artikel anhören
Alarmstufe Rot bei OpenAI: Warum das für die Branche und Kunden gut sein dürfte. Foto: Michel Becker / Sora

Wenn Sie nur wenig Zeit haben, liebe Leserinnen und Leser,

dann sollten Sie wissen, dass OpenAI in der größten Sinnkrise seit der Herausforderung durch Deepseek im Januar steckt. CEO Sam Altman hat Alarmstufe Rot ausgerufen. Das zeigt: Gerade jetzt haben Herausforderer gute Chancen. Drei stelle ich Ihnen vor, aus China, Deutschland und den USA.

Warum das wichtig ist: OpenAI hat mit ChatGPT den jüngsten Hype bei Künstlicher Intelligenz (KI) ausgelöst. Die Firma hat drei Jahre den Rhythmus bei Innovationen und Produkten im Bereich KI diktiert. Diese Deutungshoheit schwindet.

Das sollte Sie nicht beunruhigen. Das sollte Sie ermutigen. Gerade jetzt preschen Rivalen mit innovativen Produkten vor. Die Branche wird diverser. Das ist nicht nur gut für die KI-Landschaft, sondern vor allem auch für deren Kundinnen und Kunden.

Was passiert ist: OpenAI-Chef Sam Altman hat in einem internen Momo den „Code Red“ ausgerufen – die höchste Dringlichkeitsstufe bei Vorhaben des Unternehmens. Das Unternehmen nutzt drei Farbcodes – Gelb, Orange und Rot –, um unterschiedliche Dringlichkeitsstufen zu kennzeichnen. Nun sollen sich viele Ressourcen darauf konzentrieren, das Kernprodukt ChatGPT besser zu machen.

Sam Altman: Der Chef von OpenAI weist sein Team an, sich ganz auf ChatGPT zu konzentrieren. Foto: Bloomberg

Der Grund ist sicherlich, dass Altman klar geworden ist, wie stark OpenAI zuletzt seine Vorreiterrolle abgibt. Suchmaschinenbetreiber Google hat mit Gemini 3 ein neues Modell vorgestellt, das dem von OpenAI in einigen Disziplinen überlegen ist.

Deshalb ist jetzt genau der Zeitpunkt, zu dem Sie stärker andere Firmen in den Blick nehmen sollten – etwa diese drei:

Moore Threads: Heute hat das Chip-Unternehmen aus China in Shanghai sein Börsendebüt vollzogen. Die Aktie stieg um etwa 500 Prozent. Moore Threads steht exemplarisch für Chinas Versuch, eine Industrie für KI-Chips aufzubauen. Das Unternehmen wurde 2020 von einem früheren Nvidia-Manager gegründet.

Die Firma entwickelt Grafikprozessoren für das Training großer KI-Modelle. Chinas Chips sind westlichen Spitzenmodellen zwar noch unterlegen, doch der Markt wächst schneller, als Nvidia liefern kann und darf – schließlich hat US-Präsident Donald Trump die Beschränkungen für den Export von KI-Chips nach China verschärft. Jede funktionierende Alternative hat damit sofort strategisches Gewicht.

Moore Threads ist zudem der erste der „Four Little Dragons“, die an die Börse gehen: einer Gruppe vielversprechender chinesischer KI-Chip-Start-ups, bestehend aus Moore Threads, Biren Technology, Iluvatar CoreX und MetaX. Sie sollen die Lücke schließen, die US-Sanktionen im chinesischen KI-Ökosystem hinterlassen. Nach dem spektakulären Börsenstart dürften weitere IPOs vorangetrieben werden.

Black Forest Labs: Vergangene Woche hatte ich Ihnen von einer spannenden Recherche meiner Kollegin Luisa Bomke erzählt. Mittlerweile ist ihre Geschichte veröffentlicht: Das KI-Start-up Black Forest Labs ist zur wertvollsten KI-Firma Deutschlands aufgestiegen.

Das Start-up aus Freiburg hat eine Finanzierungsrunde über 300 Millionen Dollar abgeschlossen. Aktuell wird Black Forest Labs mit 3,25 Milliarden Dollar bewertet und zählt zu den am schnellsten wachsenden KI-Unternehmen Europas. Einer der wichtigen Kunden und Geldgeber ist die Telekom. Deren CEO Timotheus Höttges hat schon fleißig mit dem Bildmodell rumgespielt – zusammen mit seinem Dackel Anton.

Telekom-CEO Höttges mit Dackel Anton: Das KI-Bildmodell von Black Forest Labs ausprobiert. Foto: Deutsche Telekom

Black Forest Labs lässt von KI nicht nur Bilder erstellen, sondern künftig auch Videos. Es zeigt, dass Gründer aus Deutschland mit den besten Teams in der Welt mithalten können. Wie ihnen das gelungen ist und was sie künftig planen, hat Robin Rombach, Chef von Black Forest Labs, Luisa im Interview erzählt.

Anthropic: Der Betreiber des KI-Chatbots Claude mausert sich zu etwas wie einem Anti-OpenAI. CEO Dario Amodei arbeitete einst für Sam Altman, heute ist er einer seiner mächtigsten Widersacher. Dabei arbeiten die Teams von Anthropic und OpenAI im Herzen von San Francisco nur wenige Straßenzüge voneinander entfernt.

Gerade beim Erstellen von Computercode, einer Kernfähigkeit von KI-Sprachmodellen, ist Anthropic vor einiger Zeit in vielen Tests an OpenAI vorbeigezogen. Nun arbeitet Anthropic wohl an einem Börsengang für das nächste Jahr und soll dafür schon eine Kanzlei angesprochen haben, berichtet die „Financial Times“. Während OpenAI auf schnelle Produktzyklen und breite Nutzung zielt, priorisiert Anthropic Verlässlichkeit und Risikominimierung. Genau das hilft der Firma heute.

P. S. Kennen Sie schon den neuen Podcast von Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes und Publizistin Miriam Meckel? Die beiden diskutieren jeden Freitag, was Politik, Technologie und Wirtschaft bewegt – mit Einordnung, Widerspruch und Blick auf die großen Zukunftsfragen. Hier können Sie „Meckel & Matthes“ hören.

Linas Labor

Foto: Michel Becker

Reinforcement Learning. Für viele KI-Forscher ist es die Methode, um KI zur Superintelligenz zu trainieren: „Reinforcement Learning“. Sie soll Maschinen lehren, Ziele selbstständig zu erreichen.

Doch Andrej Karpathy, früher KI-Forscher bei OpenAI und Tesla, nennt die Methode im Podcast von Dwarkesh Patel „schrecklich“. Auch Ilya Sutskever, Mitgründer und langjähriger leitender Wissenschaftler von OpenAI, zweifelt deutlich.

Was dahintersteckt: „Reinforcement Learning“ ist ein zentraler Prozess des Trainings heutiger KI-Modelle wie ChatGPT.

In der ersten Trainingsphase erkennt ein Modell Muster in großen Datenmengen. Beim Reinforcement Learning soll das Modell verfeinert und intelligenter gemacht werden. Es lernt, komplexe Aufgaben, beispielsweise aus der Mathematik und Logik, zu lösen: Die KI probiert in einem digitalen Trainingsraum verschiedene Wege und erhält Feedback – Punkte für gute, Abzüge für schlechte Ergebnisse.

Karpathy kritisiert daran, dass KI meist nur Feedback für das Ergebnis, nicht für den Lösungsweg erhält. Zudem lernen Menschen ja auch schon direkt aus dem ersten Versuch, nicht aus dem gesammelten Feedback von Tausenden.

Wer die Trainingsumgebung definiert, bestimme, was die KI kann, ergänzte Sutskever kürzlich im selben Format. Häufig sei die Trainingsumgebung so ausgelegt, dass die KI in Tests, die ihre Leistung nachweisen sollen, gut abschneidet. Doch das Modell könne gelernte Prinzipien dann kaum auf neue Probleme übertragen.

Laut Karparthy braucht KI, wie der Mensch, eine interne Reflexion über den Lösungsweg. Sutskever schlägt eine Art „Wertfunktion“ vor, die die KI leitet, ähnlich wie beim Menschen Emotionen das Handeln bestimmen. Die Inspiration für eine bessere KI wird weiterhin der Mensch bleiben.

Was Sie sonst noch wissen sollten

Reid Hoffman (M.), Peter Thiel, Elon Musk und Donald Trump (v. l.): Die ehemalige „Paypal-Mafia“ arbeitet mittlerweile eng mit dem heutigen US-Präsidenten zusammen. Foto: Bloomberg, Getty Images (2), Reuters [M]

1. Ein Silicon-Valley-Veteran sagt laut, was viele nur denken. Reid Hoffman, Mitgründer von LinkedIn und Microsoft-Verwaltungsrat, kritisiert Trump scharf – und warnt vor einer politischen Unterwerfung der Tech-Industrie. Während frühere Mitstreiter wie Elon Musk oder Peter Thiel sich dem Präsidenten annähern, stellt sich Hoffman offen gegen ihn. Im Handelsblatt-Interview spricht er über KI-Blasen, politische Verfolgung und warum er die USA im Ernstfall verlassen würde. Mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares hat mit ihm gesprochen.

2. Der größte KI-Deal der Branche steht auf der Kippe. Nvidia und OpenAI hatten im September eine Partnerschaft über 100 Milliarden Dollar angekündigt – doch laut Nvidia-Finanzchefin ist bis heute keine endgültige Vereinbarung unterzeichnet. Die Unsicherheit wächst, auch mit Blick auf mögliche Zirkelgeschäfte und eine drohende KI-Blase. Meine Kollegen Philipp Alvares de Souza Soares und Felix Holtermann berichten, worum es in den Verhandlungen geht – und was das für den KI-Markt bedeutet.

Timotheus Höttges (l.), Gerd Chrzanowski: Die Chefs von Telekom und Schwarz-Gruppe haben laut Insidern die Partnerschaft angebahnt. Foto: Picture Alliance, Dpa.,, Getty Images [M]

3. Zwei deutsche Großkonzerne planen ein KI-Bündnis. Die Deutsche Telekom und die Schwarz-Gruppe bereiten sich auf eine gemeinsame Bewerbung für eine von der Europäischen Union geförderte „AI Gigafactory“ vor – ein Mega-Rechenzentrum mit mehr als 100.000 Spezialchips. Im Hintergrund laufen Gespräche mit dem kanadischen Investor Brookfield, der Milliarden beisteuern könnte. Was das Projekt für den Standort Deutschland bedeutet, habe ich zusammen mit Christof Kerkmann, Luisa Bomke und Jakob Blume aufgeschrieben.

4. Apple trennt sich von seinem KI-Chef – und stellt die Strategie radikal um. John Giannandrea, einst von Google geholt, verlässt das Unternehmen nach Jahren technischer Rückstände. Einen Nachfolger soll es nicht geben, stattdessen übernimmt Softwarechef Craig Federighi gemeinsam mit weiteren Topmanagern. Während Apple intern um die Führung ringt, feiern Investoren die neue Aufstellung: Die Aktie kletterte auf ein Rekordhoch. Mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares berichtet, was der Umbau über Apples KI-Pläne verrät.

Rasmus Rothe: Der KI-Experte ist der neue Vorstandsvorsitzende des KI-Bundesverbandes. Foto: Jan Schoelzel

5. Der KI-Bundesverband stellt sich neu auf – und will künftig breitere Wirkung entfalten. Rasmus Rothe übernimmt den Vorsitz, zwei weitere Gründer ziehen neu in den Vorstand ein. Künftig reicht für eine Mitgliedschaft bereits ein KI-Team – nicht mehr das gesamte Geschäftsmodell. Damit reagiert der Verband auf den gewachsenen Einfluss der Technologie. Meine Kolleginnen Nadine Schimroszik und Josefine Fokuhl berichten, welche Strategie die neue Führung verfolgt und wie sie Europas Tech-Souveränität stärken will.

Grafik der Woche

Handelsblatt Disrupt

Larissa Holzki (l.) und Kathrin Lehmann: Gespräch über die KI-Tools von Mercedes-Benz. Foto: Handelsblatt

Bis Ende des Jahres soll mindestens die Hälfte der etwa 175.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Mercedes-Benz KI-Tools nutzen. Das ist das Ziel von IT-Chefin Katrin Lehmann. Und um die Nutzung von Künstlicher Intelligenz voranzutreiben, lässt sich die Managerin einiges einfallen.

Das ist wichtig, denn Mercedes-Benz hat einst das Auto erfunden und vieles am Autobau perfektioniert. Doch gegen günstige Wettbewerber aus China und innovative Mobilitätsfirmen aus den USA muss der Konzern längst um seine Wettbewerbsfähigkeit kämpfen. Dabei stehen große Konzerne vor besonderen Herausforderungen, wenn neue Technologien das Arbeiten verändern. Jahrzehntelang optimierte Prozesse und ausgeklügelte Systeme müssen überprüft werden.

In dieser Folge von Handelsblatt Disrupt hat Technologiereporterin Larissa Holzki mit Kathrin Lehmann darüber gesprochen. In dem Podcast berichtet die Chief Information Officer, warum sie in der KI-Transformation „goldene Kehrschaufeln“ an Mitarbeitende verleiht, weshalb sie selbst für bestimmte Trainingseinheiten (fast) alles stehen und liegen lässt – und welche KI-Anwendung ihr persönlich zuletzt am meisten geholfen hat.

Was wir lesen

Wie KI die Kindheit neu verdrahtet. Der britische „Economist“ widmet die heutige Titelgeschichte den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Entwicklung von Kindern. (Economist)

Gewinnt China das Wettrennen um Innovation? Die „Financial Times“ besucht Forschungslabore in China zu Künstlicher Intelligenz, Robotik und vielem mehr. (Financial Times)

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„The Big Short“-Investor Michael Burry erklärt ausführlich in einem Podcast, warum er an Nvidia zweifelt. Das hat Sprengkraft. Kürzlich hatten Beiträge von ihm auf der Plattform X einen Kursrutsch bei Nvidia ausgelöst. (Podcast von Michael Lewis)

Huaweis Patent von 2022 beschreibt neuartige Technik zur Herstellung von 2-nm-Chips ohne EUV-Lithografie. Die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ analysiert die Chippläne des chinesischen Unternehmens. (SCMP)

Das war das KI-Briefing Nummer 118. Mitarbeit: Luisa Bomke, Lina Knees, Bernhard Ruthmann (Grafik). Wenn Sie auch nächste Woche wieder mitlesen wollen, abonnieren Sie das KI-Briefing am besten als Newsletter.

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