Wärmepumpe und Co.: Warum die Heizungsbranche trotz Rekordjahr Alarm schlägt
Fossile Heizungen verlieren zugleich Marktanteile.
Foto: dpaBerlin, Düsseldorf. Die Heizungsbranche steuert auf ein Rekordjahr zu. Der Bundesverband der Heizungsindustrie (BDH) geht davon aus, dass die Unternehmen in Deutschland in diesem Jahr erstmals mehr als eine Million Anlagen verkaufen werden.
Das erste Halbjahr verlief bereits rekordverdächtig: Die Heizungsproduzenten setzten von Januar bis Juni 667.500 Wärmeerzeuger ab. Das geht aus den Halbjahreszahlen des BDH hervor, die dem Handelsblatt vorliegen. Gegenüber den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres ist der Absatz damit um 44 Prozent gestiegen.
„Unsere Branche hat das erste Halbjahr mit ausgesprochen guten Zahlen abgeschlossen“, sagte BDH-Chef Markus Staudt dem Handelsblatt. Egal welche Heizungsart – nachhaltig oder fossil –, es wurden deutlich mehr Anlagen verkauft als im ersten Halbjahr 2022. Einzige Ausnahme waren die Biomasseheizungen.
Die Aussichten für das kommende Jahr dagegen seien düster, warnt der BDH. Bei einer Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen gaben 85 Prozent an, dass sie für das erste Quartal 2024 mit einer schlechten oder sogar sehr schlechten Marktentwicklung rechnen.
„Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Verbraucher sind durch die anhaltende Debatte über das Gebäudeenergiegesetz (GEG) verunsichert. Außerdem ist die künftige Fördersituation nach wie vor unklar“, sagte Staudt Anfang September. Die guten Halbjahreszahlen seien daher „nur eine Momentaufnahme und unter anderem die Folge verschiedener Sondereffekte, die auf die Debatte um das Gebäudeenergiegesetz und den Ukrainekrieg zurückführen sind“.
GEG: Wärmeplanung verleitet Verbraucher zum Abwarten
Die GEG-Novelle war monatelang heftig umstritten und wurde am 8. September final im Bundestag beschlossen. Im Zuge der Debatte über das Gesetz entschloss sich die Ampelkoalition, das GEG eng mit der kommunalen Wärmeplanung zu verzahnen.
Die Vorschriften des GEG, das im Januar kommenden Jahres in Kraft treten soll, sollen ihre volle Wirkung für Bestandsgebäude nun erst entfalten, wenn die Kommunen eine kommunale Wärmeplanung fertiggestellt haben. In größeren Kommunen soll das ab Mitte 2026 der Fall sein, in kleineren Kommunen ab Mitte 2028.
Die Verknüpfung von GEG und kommunaler Wärmeplanung war zunächst nicht vorgesehen. Sie verschafft Hauseigentümern Aufschub und größere Wahlmöglichkeiten.
Anhand der kommunalen Wärmeplanung kann jeder Hauseigentümer feststellen, ob er Aussichten darauf hat, sein Haus an ein Wärme- oder eventuell auch an ein Wasserstoffnetz anzuschließen. Sollte das der Fall sein, muss er sich nicht selbst um den Einbau einer neuen Heizungsanlage kümmern, falls seine alte Heizung kaputtgeht.
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Neue Heizungsanlagen müssen dem GEG zufolge zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. In vielen Fällen dürfte künftig eine elektrische Wärmepumpe das Mittel der Wahl sein. Sie erfordert allerdings hohe Investitionen und setzt eine gewisse Mindestdämmung des Gebäudes voraus.
Heizungsbranche begrüßt die Wärmeplanung durch Kommunen
Dass die kommunale Wärmeplanung nun größeres Gewicht bekommt, begrüßt auch die Heizungsindustrie. Aber „Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer, die jetzt darauf spekulieren, ihr Gebäude an ein Wärmenetz anzuschließen, werden verleitet, erst mal nichts tun“, kritisiert BDH-Chef Staudt. Tatsächlich bedeute dies, dass Verbraucherinnen und Verbraucher die nächsten Jahre erst einmal abwarten.
Die Kommunen können aktuell noch gar nicht absehen, wo das Fernwärmenetz perspektivisch entlang verläuft und wo Kunden besser auf eine Alternative wie die Wärmepumpe setzen. „Wir wollen bis zur zweiten Hälfte 2026 die kommunale Wärmeplanung abschließen. Das heißt, der Verbraucher weiß, ob Fernwärme in seinem Viertel verfügbar ist oder nicht“, erklärt Rheinenergie-Chef Andreas Feicht im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das bedeutet aber nicht, dass der einzelne Verbraucher weiß, ob die Leitung auch wirklich an seinem Haus vorbeiläuft.
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Der Energieversorger aus Köln will sein Fernwärmenetz wie viele Kommunen in den nächsten Jahren vergrößern und bis 2030 rund 50 Kilometer an neuen Fernwärmeleitungen bauen. Der allergrößte Teil wird aber erst bis 2035 gebaut werden. Dann kämen noch einmal 150 Kilometer dazu, was einer Verdopplung des Fernwärmenetzes entspräche.
Der Energieversorger aus Köln will sein Fernwärmenetz in den nächsten Jahren vergrößern.
Foto: RheinenergieDann will die Rheinenergie bis zu 35 Prozent der Kunden mit Fernwärme versorgen – aktuell sind es weniger als 20 Prozent. Den Rest der Wärme sollen Wasserstoff und Biomasse liefern. Fast vier Milliarden Euro dürfte der Umbau der Wärmeversorgung allein bei der Rheinenergie in den nächsten zehn Jahren kosten.
Die kommunale Wärmeplanung hält Feicht trotzdem für richtig. „Dass der Verbraucher von der Kommune erfährt, ob es ein Fernwärmenetz gibt oder nicht, ist eine wichtige Information, die es braucht, um eine Entscheidung zu treffen.“
Die Heizungsindustrie hat ihre Produktionslinien auf Drängen der Bundespolitik auf nachhaltigere Heizungsalternativen umgestellt. Im Fokus stehen dabei Wärmepumpen. „Jetzt muss auch die Politik liefern. Sonst wird der Markt für Wärmepumpen weit hinter den politischen Zielen zurückbleiben“, fordert Staudt.
Heizungsbranche: Wärmepumpe wird immer weniger nachgefragt
In den aktuellen Halbjahreszahlen kann die Wärmepumpe noch die größten Steigerungen verbuchen und Marktanteile gewinnen, während fossile Gasheizungen deutlich an Gewicht verlieren.
Knapp 50.000 Anträge auf Förderung wurden im ersten Halbjahr gestellt.
Foto: dpaDie jüngsten Zahlen des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zeigen allerdings, dass der Boom der Wärmepumpen sich abschwächt. Demnach sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 48.804 Anträge auf Förderung einer Wärmepumpe gestellt worden. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 97.766 Anträge.
Ausschlaggebend für diese Entwicklung war nach Überzeugung der Branche die lange Phase der Unsicherheit darüber, wie klimafreundliche Heizungen künftig gefördert werden. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte zwar schon vor Monaten skizziert, in welche Richtung es gehen soll. Erst mit dem Beschluss über das GEG wurden jedoch konkretere Eckpunkte bekannt.
Demnach lässt sich eine Grundförderung von 30 Prozent mit verschiedenen Boni kombinieren. Die Obergrenze für die Förderung beträgt 70 Prozent. Die Heizungsbranche ist damit nicht zufrieden. Der Anstieg der Förderung von derzeit bis zu 40 Prozent auf künftig bis zu 70 Prozent sei „reine Augenwischerei“, sagte BDH-Chef Staudt. Hintergrund der Kritik ist die geplante Absenkung der förderfähigen Investitionskosten. Sie sollen von 60.000 Euro auf 30.000 Euro halbiert werden. Die Maximalförderung beläuft sich dann künftig auf 21.000 Euro. Bislang waren es 24.000 Euro. In vielen Fallkonstellationen würde die künftige Förderung somit niedriger ausfallen als die heutige.
Erstpublikation: 04.09.2023, 15:32 Uhr.