Abgasaffäre bei Mercedes: Zetsches teures Erbe: Daimler zahlt Milliarden im Dieselskandal
Ein Bild von der Hauptversammlung des Autobauers im Mai 2019.
Foto: ReutersMünchen. Mit zwei Vergleichen in Milliardenhöhe will der Autobauer Daimler den Großteil seiner Diesel-Verfahren in den USA beilegen. Behörden und Sammelkläger haben sich nach einer jahrelangen Auseinandersetzung im Kern mit dem Dax-Konzern geeinigt. Demnach will der Mercedes-Hersteller 1,9 Milliarden Euro aufwenden, um die Abgasaffäre in Amerika weitgehend ad acta zu legen. Hinzu kommt noch ein dreistelliger Millionenbetrag, der etwa für Anwaltshonorare und Gerichtsgebühren fällig wird.
Sofern Behörden und Gerichte der Einigung zustimmen, ist Daimler eines seiner größten finanziellen Risiken los. Mehrere Analysten begrüßten den Deal. „Gut, dass der Deckel allmählich draufkommt“, sagte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler dem Handelsblatt. Die offenen Zivil- und Umweltrechtsverfahren in den USA seien das größte Risiko für den Konzern gewesen. Daimler könne diese Unsicherheit nun beiseiteräumen. „Und es ist auch nicht exorbitant teuer“, bekundet Pieper.
Tatsächlich betont der Autobauer, für die Vergleiche „ausreichend bilanzielle Vorsorge“ getroffen zu haben. „Die Cashbelastung wird erst noch kommen“, weiß allerdings LBBW-Analyst Gerhard Wolf. Über die nächsten drei Jahre dürfte der Free Cashflow von Daimler negativ beeinflusst werden. „Zwar ist dies schmerzhaft, aber gut ist, dass damit ein Schlussstrich gezogen wird“, erklärt Wolf.
Die Aktie von Daimler verlor am Freitagvormittag dennoch zwischenzeitlich mehr als 1,8 Prozent. Der „Befreiungsschlag“ von Daimler ruft schließlich auch deutliche Kritik hervor. „Die Aktionäre fragen sich, wer das nun letztendlich bezahlt. Derzeit sind sie es. Das ist nicht akzeptabel“, sagte Marc Tüngler dem Handelsblatt.
Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) fordert, die Verantwortlichen für die Dieselmisere zur Rechenschaft zu ziehen. „Wie zuvor bei Volkswagen ist auf dem Schaden nun ein Preisschild. Das wird nicht ohne Konsequenzen bleiben können“, erklärt Tüngler.
Dieter Zetsche wird zur Reizfigur
Insbesondere der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche, der 13 Jahre an der Spitze des Stuttgarter Konzerns stand, ist für viele Investoren mittlerweile eine Reizfigur. Die Vergleiche in den USA würden erneut zeigen, wie „schmerzhaft und fatal die Ära Zetsche für Daimler war“, bekundet Tüngler.
Der Aktionärsschützer lehnt den Plan von Zetsche, Mitte 2021 den Aufsichtsratsvorsitz bei Daimler zu übernehmen, strikt ab. Auch weitere größere Daimler-Aktionäre wie Union Investment oder Deka Investment sprechen sich klar gegen eine Rückkehr des 67-Jährigen aus.
Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff hält allerdings weiter zu Zetsche, er ist sein expliziter Wunschkandidat als Nachfolger im Stuttgarter Kontrollgremium. Und Bischoff ist niemand, der bei Gegenwind klein beigibt. Wütenden Investoren hält der erfahrene Manager gerne entgegen, dass diese vergessen würden, was Zetsche bei Mercedes alles geleistet habe – etwa die Konzernrettung nach dem Chrysler-Fiasko.
So oder so ist der Dieselskandal für Daimler längst noch nicht ausgestanden. Die Vergleiche in den USA decken beispielsweise nicht die strafrechtliche Seite ab. Hier laufen die Ermittlungen gegen die Schwaben weiter, nach wie vor droht auch hier eine hohe Geldbuße. „Ob die Rückstellungen insgesamt ausreichen, darf angezweifelt werden“, meint folglich NordLB-Analyst Frank Schwope: „Man hat bei Volkswagen gesehen, dass immer noch etwas nachgekommen ist“.