Handelsblatt-Chemietagung: Debatte um Gas-Boykott: Chemieindustrie lobt die Regierung – und kritisiert Ökonomen
Der Chemiemanager warnt vor den Folgen eine Gasliefer-Stopps.
Foto: WILLI NOTHERSDüsseldorf. In der Debatte über einen möglichen Gaslieferboykott warnt die Chemieindustrie eindringlich vor den Folgen für die gesamte Wirtschaft. Die Hersteller befürchten eine Kettenreaktion in der tief vernetzten Industrie, wenn die Chemie als Lieferant vieler Grundprodukte durch einen Stopp russischer Gaslieferungen lahmgelegt würde.
Das wurde am Donnerstag auf der Handelsblatt-Jahrestagung Chemie 2022 deutlich, an der 160 Teilnehmer digital und in Präsenz im Düsseldorfer Verlagshaus teilnahmen. Führende Chemiemanager lobten das Handeln der Bundesregierung, die einen Gaslieferstopp weiter ablehnt.
„Keine Frage: Wir alle folgen uneingeschränkt dem Primat der Politik“, sagte Christian Kohlpaintner, Vorstandschef des weltgrößten Chemikalienhändlers Brenntag aus Essen. Aber man sei dankbar für das umsichtige Vorgehen der Bundesregierung auch bei der Debatte über das russische Gas.
Erdgas ist der mit Abstand wichtigste Energielieferant für die Chemiebranche. Wenn eine einzelne Anlage ausfällt, droht dies ganze Wertschöpfungsketten lahmzulegen, da dann wichtige Vorprodukte etwa für Autos, Arzneien oder Baumaterialen fehlen.
BASF-Chef Martin Brudermüller forderte die Politik auf, nun mit voller Kraft den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben. Nur so könne die grüne Transformation der Chemie und auch der Ausstieg aus russischen Gaslieferungen gelingen. Das in dieser Woche von der Bundesregierung beschlossene „Osterpaket“ zum beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien sei der richtige Schritt.
Kritik an Volkswirten
Zugleich kritisiert die Branche die von Ökonomen vertretene Einschätzung, dass ein Gaslieferstopp ihren Modellen nach für die deutsche Volkswirtschaft verkraftbar wäre. „Es wirkt auf mich sehr irritierend, was da für simple Berechnungen angestellt werden“, sagte Christian Hartel, Vorstandsvorsitzender der Münchener Wacker Chemie.
Scharfe Kritik kam auf der Tagung auch aus der eigenen Zunft. So sagte Bert Rürup, Chefökonom des Handelsblatts und Präsident des Handelsblatt Research Institute, er sei überrascht, mit welchem „Brustton der Überzeugung“ renommierte Ökonominnen und Ökonomen einen gesamtwirtschaftlichen Einbruch von drei Prozent für verkraftbar hielten.
Denn die Folge wären massive personelle Verteilungswirkungen. Über diese zu urteilen liege außerhalb der Kompetenz von Ökonomen. „Das ist ganz klar Aufgabe der Politik“, sagte Rürup.
Der Ökonom zeichnete ohnehin kein rosiges Bild für die Zukunft der deutschen Chemie. Der Konflikt mit Russland werde eine neue Zweiteilung der Weltordnung befördern: mit dem rohstoffreichen Russland und dem rohstoffhungrigen China auf der einen Seite und den USA mit einer „America first“-Strategie auf den anderen.
Für das Geschäftsmodell Deutschlands mit seiner Exportstärke und der in vielen Branchen ausgeprägten Abhängigkeit von China wäre eine solche Entwicklung Gift, sagte Rürup.
Grüne Produktion und CO2-Neutralität als Ziel
Der Chemieindustrie ist klar, vor welchen Herausforderungen sie steht. Die waren schon vor Beginn des Kriegs gewaltig: Denn die Chemie hat einen umfassenden Umbau hin zu grüner Produktion und CO2-Neutralität eingeleitet. Die in den vergangenen beiden Jahren entworfenen Pläne fußen auch auf preiswertem – und vor allem ausreichend verfügbarem – Erdgas als Übergangstechnologie.
Die Ambitionen der Unternehmen bei der grünen Transformation sind hoch. „Es wird ab jetzt noch viel anspruchsvoller werden, dieses Tempo beizubehalten“, sagte Frank Balhorn, Chemieexperte der Bank BNP Paribas. Er plädiert nun für eine „gewisse Verlangsamung“.
Andere Branchenexperten raten den Unternehmen hingegen, beim grünen Umbau nicht zurückzustecken. So hätte die Industrie schon viel früher in die Kreislaufwirtschaft einsteigen müssen, sagt Frank Jenner, Leiter des globalen Chemiegeschäfts bei der Beratungsgesellschaft EY. „Dieses Versäumnis gilt es, möglichst schnell auszugleichen.“
Mit Fortschritten bei der Kreislaufwirtschaft können etwa durch Recycling wichtige Rohstoffe aus Abfall gewonnen werden, die Deutschland derzeit noch im großen Stil einführt.
Brudermüller unterstrich, dass BASF weiterhin voll hinter den selbst gesetzten Klimazielen und den Zielen des Green Deals der EU stehe, denn der Klimawandel warte nicht. Doch er warnt: „Verlieren wir unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit, wird der Green Deal scheitern.“