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Industriekonzern Wettstreit um Wasserstoff – Sorgen bei Siemens in Görlitz

Der in letzter Minute gerettete Standort ist derzeit gut ausgelastet. Doch fürchten manche in Ostsachsen, dass der Standort bei der Zukunftstechnologie Wasserstoff zu kurz kommen könnte.
20.02.2020 - 09:48 Uhr Kommentieren
Wettstreit um Wasserstoff – Sorgen bei Siemens in Görlitz Quelle: dpa
Siemens-Mitarbeiter in Görlitz

Der Standort will bei der Wasserstoffstrategie eine entscheidende Rolle im Konzern spielen.

(Foto: dpa)

München Sogar auf Fahrrädern hatten sich vor zwei Jahren besorgte Siemens-Mitarbeiter auf den weiten Weg von Ostsachen nach München zur Hauptversammlung gemacht, um gegen die Schließung des Werks im strukturschwachen Görlitz zu protestieren. Am Ende gab Siemens-Chef Joe Kaeser nach, das Werk wurde gerettet.

Die Stadt wurde sogar zum Hauptsitz des weltweiten Industriedampfturbinen-Geschäfts der Münchener erkoren. Im vergangenen Jahr verkündete Siemens zudem einen Innovationscampus in Görlitz mit den Schwerpunkten Wasserstoff, Digitalisierung und Dekarbonisierung.

Die Geschäfte, ist in Industriekreisen zu hören, laufen in Görlitz derzeit ordentlich. Die Nachfrage nach den Turbinen sei gut, das Werk derzeit gut ausgelastet. „Die neue Aufstellung mit mehr unternehmerischer Freiheit macht sich bezahlt.“

Doch vor der Aufspaltung des Konzerns gibt es in Görlitz Befürchtungen, dass nicht alle Versprechen eingehalten werden könnten. Mit dem scheidenden Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser gehe ein Verbündeter von Bord, hieß es in Industriekreisen.

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Standort erkennen

    Gerade das Zukunftsthema Wasserstoff sei Siemens-intern begehrt. Auch die mächtigen Standorte Erlangen und Mühlheim wollten ihren Teil vom Kuchen abhaben und betrieben intern Lobbyarbeit. In Görlitz gebe es daher aktuell unter anderem Befürchtungen, dass das geplante Wasserstoff-Testzentrum kleiner ausfallen könnte als erwartet. Wenn Görlitz aber wie erhofft eine wesentliche Rolle in der sächsischen Wasserstoffstrategie spielen solle, dann sei eine kleine Anlage nicht ausreichend.

    Ein Kernstück des beschlossenen Zukunftspakts für Görlitz ist ein gemeinsames Labor für Wasserstoffforschung von Siemens und der Fraunhofer-Gesellschaft. Die Partner kündigten an, gemeinsam im ersten Schritt rund 30 Millionen Euro in den Ausbau des Standorts zu investieren.

    In dem Labor soll zum Beispiel die Alterung von Elektrolyseuren im Dauereinsatz untersucht werden. In Industriekreisen heißt es, das Projekt komme im geplanten Maßstab gut voran.

    Kraftwerksaktivitäten im Visier von Klima-Aktivisten

    In Görlitz hoffen sie, dass sie mit dem neuen Testzentrum auch konzernintern beim Thema Wasserstoff zu einem bedeutenden Standort werden. Sollte die Anlage kleiner ausfallen und weniger investiert werden als erhofft, würde Görlitz die gute Ausgangsposition einbüßen.

    Es geht um viel: Wasserstoff spielt bei der Abspaltung des Siemens-Energiegeschäfts eine zentrale Rolle. Der Konzern trennt sich von 40 Prozent seiner Umsätze und will die Aktivitäten unter dem Namen Siemens Energy an die Börse bringen.

    Noch ist die Einheit stark von Geschäften in der konventionellen Energieerzeugung wie dem Service in Kohlekraftwerken und dem Verkauf von Gasturbinen abhängig. Doch sind diese Aktivitäten im Streit um den Siemens-Auftrag im Rahmen des Adani-Kohlekraftwerks in Australien ins Blickfeld von Klima-Aktivisten geraten. Siemens betont daher, dass der Konzern mit der Tochter Siemens Gamesa auch bei erneuerbaren Energien stark ist und große Hoffnungen auf die Wasserstoff-Ökonomie setzt.

    In Görlitzer Industriekreisen wird betont, dass der Standort einiges mitbringe, um Siemens-intern beim Thema Wasserstoff eine wichtige Rolle zu spielen. Neben dem attraktiven Lohnkostenniveau habe Görlitz über die Industrieturbinen wichtige globale Kundenzugänge. „Unsere Industriekunden stehen alle vor der Herausforderung Dekarbonisierung. Die Wasserstofftechnologie wird dabei eine wesentliche Rolle spielen.“

    Der Görlitzer IG-Metall-Bevollmächtigte Jan Otto, der den Erhalt des Standorts miterkämpft hatte, kennt die Sorgen vor Ort. Grundsätzlich laufe es derzeit gut an dem Standort, sagte er dem Handelsblatt. „Die Nachfrage nach den Dampfturbinen ist gut. Bislang musste noch niemand entlassen werden.“

    Siemens hatte im Zuge der vorläufigen Rettung des Werks den Abbau von 170 der rund 800 Arbeitsplätze angekündigt. Bislang fielen die Streichungen laut Arbeitnehmerangaben milder aus. Allerdings muss es der Standort, dem mehr Eigenständigkeit gegeben wurde, aus eigener Kraft in die schwarzen Zahlen schaffen.

    Im Rahmen der Abspaltung des Energiegeschäfts müssten Produktgarantien für Görlitz gegeben werden, um den Standort weiter gut auszulasten, sagt Otto. Zudem müsse Siemens dafür sorgen, dass Görlitz wirklich zu einem schlagkräftigen Wasserstoff-Zentrum werde.

    Innovationscampus entwickelt Anziehungskraft

    „Es kommt jetzt vor allem darauf an, dass es nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleibt, die politisch kurzfristig hilfreich, aber nicht dauerhaft haltbar sind“, sagte Otto. Siemens bleibe in der gesellschaftspolitischen Verantwortung, den Strukturwandel in der Lausitz mitzugestalten. „Wasserstoff-Zentrum heißt eben auch, dass die Wertschöpfung in Görlitz stattfinden muss. Wir werden da sehr genau mit den Kolleginnen und Kollegen hinschauen und sind für alle Szenarien gewappnet.“

    In Siemens-Kreisen hieß es, man müsse genau prüfen, welche Aktivitäten wo am meisten Sinn ergäben. Der Konzern müsse bei den anstehenden Standort-Entscheidungen in Sachen Wasserstoff zum Beispiel auch berücksichtigen, wo es bereits vorhandene Infrastruktur und Ingenieursexpertise gebe.

    Beim Thema Wasserstoff werde der Konzern zudem mehrere Standorte brauchen – und dies nicht nur in Deutschland, die Märkte für große Anlagen seien zum Beispiel im Mittleren Osten. „Man wird nicht alles an einem Standort bündeln.“

    Weiteres Element des „Zukunftspakts Siemens Görlitz“ ist der Innovationscampus Görlitz. Noch ist auf dem Campus von den hochfliegenden Plänen nicht viel zu sehen. Doch entwickelt das Areal bereits eine gewisse Anziehungskraft. Im Dezember wurden Absichtserklärungen für mehrere Projekte unterzeichnet.

    So will die Technische Universität Dresden auf dem Campus gemeinsam mit Partnern einen Zweitcampus des Instituts für Automobiltechnik ansiedeln. Untersucht werden soll die Verknüpfung von automatisiertem Fahren und wasserstoffbasierter Mobilität insbesondere bei Nutzfahrzeugen und öffentlichem Nahverkehr. „Die im Rahmen dieser Initiative geplanten explosionsgeschützten Prüfanlagen mit vollständiger Umweltsimulation sind aktuell in Deutschland praktisch nicht vorhanden und sichern dem Forschungscampus Görlitz eine langfristige Alleinstellung“, sagte Antonio Hurtado von der TU Dresden.

    Zaubertrank Wasserstoff? Das ist dran an Europas Energie- und Hoffnungsträger

    Die Hochschule Zittau/Görlitz will vor Ort innovationsstarke Unternehmen im Bereich der Energieeffizienz und Ressourcenschonung unterstützen. Dabei soll gemeinsam mit Siemens auch eine Plattform für die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Entwicklern geschaffen werden. Die Handelshochschule Leipzig wiederum plant einen „Digital Space @ Innovationscampus Görlitz“, um Gründungswillige in der sehr frühen Phase zu fördern.

    Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu traf vergangene Woche Siemens-Chef Joe Kaeser in Berlin und sprach mit ihm über die aktuelle Entwicklung des Siemens-Innovationscampus. Kaeser habe, berichtete der OB danach, „im Gespräch sein Bekenntnis zum Standort Görlitz als einem mit großem Zukunftspotenzial für Siemens unterstrichen“.

    Mehr: Wo der Einsatz von Wasserstoff sinnvoll ist – und wo nicht

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